Pakistan: Zehnjährige im Haus eines Richters gefoltert

26. Jänner 2017, 06:00
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Die als Hausmädchen arbeitende Tayyaba wurde misshandelt – In Pakistan ist das kein Einzelfall, oft wird versucht, das zu vertuschen

Islamabad/Dubai – Vermutlich wäre Tayyaba immer noch in dem Haus in einer reichen Gegend der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, wenn nicht ein Foto von ihr auf Twitter die Runde gemacht hätte. Es zeigt das zehnjährige Mädchen mit einem dick geschwollenen rechten Auge, Schürfwunden, blauen Flecken und Brandblasen an den Händen. Elf Verletzungen an ihrem zarten Körper entdeckten die Ärzte. Tayyaba sei gefoltert worden, heißt es in dem Bericht, der dem Obersten Gericht vorgelegt wurde.

Vor zwei Jahren begann Tayyabas Martyrium. Das Mädchen einer armen Familie aus der Punjab-Provinz wurde nach Islamabad geschickt, um im Haushalt des Richters Raja Khurram Ali Khan zu arbeiten und so Schulden ihrer Familie zu begleichen. Doch das Anwesen wurde für das Mädchen zum Horrorhaus. Tayyaba musste viele Stunden am Stück schwer arbeiten, wurde regelmäßig geschlagen und hungerte. Nachbarn steckten ihr manchmal etwas Essen zu. Nachts wurde sie in eine Abstellkammer eingesperrt.

Vor kurzem, als ein Besen im Haushalt vermisst wurde, schob die Hausherrin vor Wut Tayyabas Hände in einen heißen Ofen. Schließlich wurden die Behörden auf die Verletzungen aufmerksam. Anfangs erzählte Tayyaba der Polizei noch, alles sei ein Unfall gewesen. Sie sei die Treppe heruntergefallen, und die Brandverletzungen habe sie sich beim Hantieren mit Feuer selbst zugezogen. Kurz darauf tauchte der Vater von Tayyaba auf und sagte vor Gericht aus, die ganze Foltergeschichte sei erfunden. Die ganze Angelegenheit war somit erledigt, ein Gericht ließ den angezeigten Richter und dessen Frau gegen Kaution frei. Gleichzeitig verschwand Tayyaba. Es hieß, Verwandte hätten sie mitgenommen.

Falsche Eltern melden sich

Doch dann schaltete sich überraschend Pakistans Oberstes Gericht ein und zog den Fall an sich. Die Polizei begann, nach Tayyaba zu suchen, und griff sie in Islamabad auf. Die Obersten Richter ordneten an, das Mädchen in einem Waisenhaus unterzubringen. Denn inzwischen gab es Zweifel, ob der Vater auch tatsächlich ihr Vater ist. Er sei von Anwälten unter Druck gesetzt worden, sagt der Mann. "Ich kann weder lesen noch schreiben. Sie haben mir gesagt, ich solle meinen Fingerabdruck unter ein Papier setzen", erklärte er der Zeitung The News. Drei Frauen, die behaupteten, die Mutter zu sein, zogen ihr Statement zurück, nachdem ein DNA-Test angeordnet wurde.

Raza Rabbani, Mitglied des Oberhauses des Parlaments, nannte den Fall "beschämend". "Ein Staat soll wie eine Mutter sein, hier hat er sich wie eine Hexe aufgeführt", sagte er. Senator Javed Abbasi erklärte, der zuständige Richter habe versucht, die ganze Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, um die Ehefrau seines Kollegen zu schützen.

Andere Richter nahmen Raja Khurram Ali Khan in Schutz, dies sei nur eine Rufmordkampagne der Medien. Er sei ein zuvorkommender Mensch, der solche Vorfälle niemals billigen würde. Andere weisen darauf hin, dass es nicht das erste Mal sei, dass Dienstboten in einem Haushalt der pakistanischen Elite misshandelt werden. Im Jänner 2014 war ein 15-jähriges Mädchen, das als Angestellte im Haushalt eines Universitätsprofessors arbeitete, gestorben, nachdem es vergewaltigt und gefoltert worden war. 2012 starb eine offenbar misshandelte Elfjährige im Haushalt des Präsidenten der Anwaltskammer von Lahore. Der Autopsiebericht verschwand auf mysteriöse Weise. Später hieß es, das Mädchen sei an einer Hautkrankheit gestorben. Verurteilt wurde niemand.

Geld gegen Kind

Kinderarbeit ist in Pakistan verboten. Doch die Kinderschutzorganisation Sparc in Islamabad schätzt, dass etwa 15,5 Millionen Kinder beschäftigt sind. Sie stammen meist aus armen Familien, die ihre Kinder gegen Geld an Vermittler geben und froh sind, ein Familienmitglied weniger ernähren zu müssen. Werden die Kinder von der Polizei aufgegriffen, ist es oft schwierig, sie zu ihren Eltern zurückzuschicken, weil die Kinder selbst nicht wissen, woher sie stammen, und die Eltern oft kein Interesse haben, ihre Kinder wiederzubekommen. Dann müssten sie nämlich das Geld an den Vermittler zurückzahlen. (Agnes Tandler, 26.1.2017)

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