Der IS wütet erneut in Palmyra

26. Jänner 2017, 15:03
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Neue Satellitenaufnahmen zeigen, dass radikalislamische Extremisten offenbar weitere Anlagen der antiken Stadt nach der Rückeroberung zerstört haben

Gerüchte gab es bereits zum Jahreswechsel, nun wurden sie durch Satellitenaufnahmen bestätigt: Extremisten des "Islamischen Staats" (IS) haben in der syrischen Wüstenstadt Palmyra erneut antike Baudenkmäler zerstört. Nach ihrer Vertreibung im März 2016 hatte der IS die Stadt im Dezember ein zweites Mal erobert.

Nun wurde der in der Antike erbaute Tetrapylon – ein über der wichtigsten Straßenkreuzung errichteter viereckiger Prunkbau – laut dem Direktor der syrischen Antikensammlung, Maamun Abdulkarim, zerstört.

afp/joseph eid
Der Tetrapylon bestand vor seiner Zerstörung aus 16 Säulen.

Auf Satellitenaufnahmen ist zu sehen, dass von ursprünglich 16 Säulen des Tetrapylons nur noch vier stehen. Das Monument markierte ein Ende der Kolonnade von Palmyra. Die einzigartigen, mehr als 1.800 Jahre alten Ruinen zählen zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die 16 Säulen des Tetrapylons sind auf Satellitenaufnahmen vom Jänner verschwunden. (Aufnahme: AFP Photo / Unitar-Unosat / HO)

Glück im Unglück: Von den 16 Säulen des massiv beschädigten Tetrapylons ist nur eine ein Original aus römischer Zeit, wie Andreas Schmidt-Colinet, Professor für Archäologie an der Universität Wien, der dpa erklärte. Die anderen Säulen seien Anfang der 1960er-Jahre rekonstruiert worden.

Auch Teile des einstigen Theaters liegen in Trümmern.

Schwere Schäden am Theater der Stadt. (Aufnahme: AFP Photo / Unitar-Unosat / HO)

Das zerstörte Tor der Bühnenwand des Amphitheaters wurde demnach bis Anfang der 1990er-Jahre restauriert. Dafür seien Originalteile und modernes Material verwendet worden, sagte Schmidt-Colinet. Beim Giebel des Tores habe es sich um ein Original gehandelt.

Das antike Theater der Stadt vor der Zerstörung.

Das antike Theater der Stadt kam zu trauriger Berühmtheit, als darin 25 IS-Kämpfer im Teenageralter 25 Gefangene hinrichteten und das auf einem Video dokumentierten, das im Juli 2015 veröffentlicht wurde.

Zweite Zerstörungswelle

Der IS hatte Palmyra erstmals im Mai 2015 eingenommen. Während ihrer Herrschaft zerstörten die IS-Kämpfer dort zahlreiche einzigartige Kulturgüter, darunter den berühmten Baal-Tempel, den Triumphbogen und mehrere antike Grabtürme.

Satellitenbilder zeigen die Zerstörung des Baal-Tempels, des zentralen Heiligtums der antiken Stadt Palmyra im heutigen Syrien. (Reuters / Airbus DS, Unitar-Unosat / Handout via Reuters)
foto: digitalglobe via ap
(Satellitenbild: AP via Digital Globe, Fotos: AFP, Reuters, AP)

Vergangene Woche sollen Beobachtern zufolge außerdem Menschen in der Nähe der archäologischen Stätte hingerichtet worden sein. Auch der österreichische Jihadist Mohamed M. soll in der Vergangenheit in Palmyra an der Ermordung von insgesamt neun Menschen beteiligt gewesen ein. Ein im August 2015 veröffentlichtes Video zeigt ihn, wie er einen vor ihm knienden Mann erschießt, gegen Mohamed M. wird in Österreich deshalb wegen Mordes ermittelt. (stb, 26.1.2017)

Feature: Der große Raubzug



Hintergrund: Palmyra

Auf halbem Weg zwischen Euphrat und Mittelmeer gelegen, war die von den Römern zerstörte Oasenstadt Palmyra mitten in der syrischen Wüste ein wichtiger Zwischenstopp für die Karawanen der Seidenstraße nach Europa. Jetzt stehen die Kämpfer des IS erneut vor der einstigen Pilgerstätte für Archäologen und Touristen.

Die Ruinen der antiken Oase tragen die Züge einer römisch-griechischen Stadt mit Säulenallee, Thermen und Theater. Palmyra lag zwischen den großen verfeindeten Reichen der Römer und der Parther, die geschickten Handelsdynastien der Stadt machten auch in Kriegszeiten Geschäfte mit beiden.

afp/joseph eid
Eine Zitalle wacht seit dem 13. Jahrhundert über der antiken Stadt.

Der Handel war einträglich, der Reichtum der Stadt äußerte sich in der ausgedehnten Bautätigkeit ihrer Einwohner. Im goldenen Zeitalter der Metropole ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus wurde ein neues Stadtzentrum errichtet. Architektonisch passte man sich dem Zeitgeist mit griechisch-römischem Baustil an – orientalische Verzierungen inklusive. Die griechisch-römische Kultur traf in Palmyra nicht nur architektonisch auf die vorderasiatische.

Doch die Stadt galt schon lange davor als wichtiger Umschlagplatz für Waren aller Art. Neben den römischen Ruinen wurden auch Ruinen einer sehr viel älteren, hellenistischen Stadt gefunden. Dort wurden unter anderem Weinamphoren aus Rhodos gefunden, die bis nach Indien gehandelt wurden. Bereits im ersten Jahrtausend vor Christus wurde ein Tempel für den Gott Bel (Baal) errichtet, der rund tausend Jahre später ausgebaut und zu einem der wichtigsten religiösen Bauwerke im Vorderen Orient wurde.

Selbst als Syrien 64 vor Christus zur römischen Kolonie wurde, bewahrten sich die Einwohner der Stadt eine große Unabhängigkeit. Der Reichtum aus Handel bedeutete zunehmend auch militärische Macht für Palmyra. Als die Sassaniden den römischen Kaiser Valerian im 3. Jahrhundert nach Christus schlugen, standen die Palmyrener den Römern bei. Der neue Kaiser Aurelian ernannte den palmyrenischen Herrscher Odaenathus zum Statthalter des gesamten Orients. Als dieser starb, übernahm seine Frau Zenobia, deren Schönheit legendär gewesen sein soll, die Herrschaft. Doch die wachsende Unabhängigkeit und das Machtstreben der Wüstenmetropole waren den Römern zunehmend ein Dorn im Auge.

foto: ap
Hohe Grabtürme prägen das Bild der Nekropolis von Palmyra.

Als Zenobias Truppen 269 nach Christus Ägypten, die Kornkammer Roms, eroberten, war das Maß voll. Die Römer belagerten, eroberten und besetzten die Stadt, ließen aber Gnade walten und verschonten Palmyra zunächst. Zenobia wollte fliehen, wurde aber gefangen genommen. Doch kaum waren die Römer abgezogen, erhoben sich die Bewohner Palmyras erneut, massakrierten die römischen Besatzer und erklärten sich für unabhängig. Danach gab es keine Gnade mehr: Palmyra wurde im dritten Jahrhundert von den Römern zerstört. Nur wenige Gebäude blieben stehen, die Stadt sollte nie mehr die alte Pracht erreichen.

Die einst bedeutende Oase war von da an nur noch ein römischer Militärstützpunkt. Später zogen die Handelsströme fast gänzlich an der Stadt vorbei. Unter den Osmanen, die im 13. Jahrhundert eine Festung über der antiken Ruinenstadt errichteten, war Palmyra nur mehr ein unbedeutendes Dorf. (Stefan Binder, 26.1.2016)

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