Gott, neu bearbeitet

25. Jänner 2017, 16:16
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Viele Autoren, wenig Tiefe: "10 Gebote" in Berlin

Ein ehrgeiziges Projekt: Fünfzehn Autoren wurden vom Deutschen Theater Berlin aufgefordert, als "zeitgenössische Recherche" die Aktualität der Zehn Gebote Gottes zu überprüfen. "Ein Schaf und neun Schauspieler", so die Vorgabe, sollen es exekutieren. Doch zunächst ertönt Gisbert von Knyphausens Kinderprotestsong Immer muss ich alles sollen, jetzt will ich endlich auch mal was wollen. Dazu strampeln die Darsteller auf der rotierenden Drehbühne, auf die Bühnenbildner Florian Lösche einen zweistöckigen Allzweck-Rundbau gestellt hat.

Die eingereichten Szenen sind nämlich äußerst unterschiedlich, über das zu Beginn angeschlagene etwas kindlich-trotzige Niveau kommen sie kaum hinaus. Zunächst: Benjamin Lillie kalauert sich als Heranwachsender im Pyjama frech in die Gottesrolle hinein ("Ich bin der Wolkenmäcki", "Wie man sich betet, so lügt man"). Dann eine konventionell gebaute Verhörszene über Familienehre (Sherko Fatah). Bei Felicitas Zeller korrigieren Kaffeehausbesucher bewaffnet mit Griffeln die Lügenpresse (achtes Gebot!).

Es gibt auch Videoeinspielungen: So müssen vom Dokumentarfilmer Jan Soldat nachgestellte Interviews mit Kannibalen und deren sexueller Fetischismus das Gebot "Du sollst nicht töten" illustrieren. Merkwürdigerweise ist das siebente Gebot gedoppelt in "Du sollst nicht stehlen" und "Du sollst stehlen". Darunter fällt der Monolog eines Vaters (Andreas Pietschmann), der sich vornimmt, sein Kind mit 15 Jahren aus Mitleid und Güte zu töten, um ihm so das Erwachsensein zu ersparen. Diese Szene Navid Kermanis kommt alttestamentarischen Verwirrungen nahe. Auch wenn Jette Steckel energisch und lustvoll über vier Stunden abwechslungsreich unterschiedlichste Theaterformate ausprobiert – von der schrillen Comedy bis zum konventionellen Kammerspiel -, nachhaltige Brisanz und Tiefe fehlen diesem Autorenprojekt völlig.

Ein schrottiges Zottelmonster

Das müsste nicht sein! Zu erinnern wäre etwa an jenes sehr anspruchsvolle Projekt des Schauspielhauses Wien, bei dem 2010 in einer zehnteiligen Serie zu je 40 Minuten "die Gebotenheit der Gebote" diskutierte wurde. Mit Texten von Ewald Palmetshofer, Kathrin Röggla, Ilija Trojanow, Clemens Setz und Paulus Hochgatterer.

In Berlin gibt es allerdings noch ein zusätzliches, elftes Gebot. Gott selbst (Ole Lagerpusch) und endlich auch das angekündigte Schaf treten auf. Gott ist ein Zottelmonster, das – so Autor Rocko Schamoni – wie das Haarbiest bei Toni Erdmann, "nur schrottiger" wirken soll. Es bittet uns Menschen für seine Schöpfung um Entschuldigung: "Alles verdammte Fehler, ich bin aber auch ein Depp!" Bei so viel Weinerlichkeit verliert sogar das Lamm Gottes die Geduld und nimmt schnell von der Bühne Reißaus. (Bernhard Doppler, 25.1.2017)

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