Irre Mörder, öde Frauen und Geschwisterliebe: Lasst uns über die vierte Staffel "Sherlock" reden

27. Jänner 2017, 07:00
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Der Detektiv mit dem lässigsten Mantel der Zunft ist zurück, mit ihm kommen auch löchrige Erzählstränge und ganz viel Fanliebe

Das lange Warten auf die Baker-Street-Boys war diesen Jänner endlich vorbei. Seit 2008 ermitteln Sherlock Holmes – mit Smartphone, Detektiv-Hut, aber ohne jegliches soziales Gespür – und John Watson – mit ein bisschen Kriegstrauma und einem Blog – durch das gegenwärtige London. Jetzt also Staffel vier. Wir starten mit unserem Lieblingsbösewicht Moriarty in dieses Gespräch und der in der Serie allgegenwärtigen Frage: Did you miss me?

SPOILERALERT DELUXE: Wer die vierte Staffel noch nicht gesehen hat, der sollte hier schleunigst raus. Wir reden über den Inhalt. Also über alle wichtigen Wendungen in der Geschichte. Sagen Sie dann bloß nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

sherlock

Daniela Rom: Als Sherlock-Fan der ersten Stunde ist es nicht ganz einfach, uneingeschränkte Liebe für Staffel vier zu empfinden. Im Vergleich zu Staffel drei und dem Special von 2016 war die Vierer für mich zwar wieder ein Highlight – aber halt ein Highlight mit vielen Schattenseiten. Vor allem wegen der Löcher in der Erzählung – Mary ist erst die Superspionin, die sich durch alle Lebenslagen durchlavieren kann, aber dann können sie Sherlock und John einfach mit einem Peilsender irgendwo im Nahen Osten aufspüren. Dass Mary am Schluss doch erschossen wird, nur weil Sherlock seine Klappe nicht halten kann – come on, really?

Michaela Kampl: Mary war schon immer eine seltsame Figur. Diese Liebesgeschichte war für mich nie richtig nachvollziehbar. In den Doyle-Originalen spielt sich auch eher eine Nebenrolle. Mary als selbstständige Attentäterin oder Geheimagentin oder irgendwas dazwischen war ein klarer Schritt weg von den Büchern. Deren Inhalt war zwar nie einfach gespiegelt, aber doch erkennbar. Das war bei Mary nicht der Fall.

Daniela Rom: Na ja, doch. Sie stirbt auch in der Serie.

Michaela Kampl: Das reicht mir nicht als Parallele. Ja, sie stirbt. Aber sonst hat sie nichts mit der Buchvorlage gemeinsam.

Doris Priesching: Dass man eingeführte Charaktere mittendrin sterben lässt, ist ja mittlerweile gern geübte Praktik in Serien. Die Gefahr ist halt, wenn man dergleichen Schockmomente zu sehr strapaziert, dass die Zuschauer abstumpfen. Diesem von Mary nachgerufenen "Rette John"-Auftrag an Sherlock fehlt es an Überzeugungskraft: Den Tod von Mary sollen wir einfach so hinnehmen, aber den von Watson sollen wir fürchten? Das ist die Tücke der ständigen Wendungen.

Daniela Rom: Auch die anderen Figuren gehen weg von der Buchvorlage und werden im neuen, gegenwärtigen Setting verankert. Aber wie dem auch sei. Folge zwei, fand ich übrigens, ist die stärkste der Staffel, aber auch hier hab ich bis zum Schluss nicht verstanden, was Colverton eigentlich antreibt. Und die hanebüchene Geschichte mit der Schwester führt uns gleich zu Folge drei. Echt jetzt? Sherlock ist so komisch, weil seine Schwester gemein zu ihm war (okay, sie hat seinen besten Freund umgebracht, aber trotzdem), und die Schwester wollte eigentlich nur hin und wieder ein Bussi vom Bruder, dann wär sie keine Irre.

foto: bbc
Da sitzen sie, John und Sherlock, und denken nach. Und rundherum schwimmt die Geschichte.

Doris Priesching: Ich hab Sherlock nicht vermisst, weil ich mich der Serie nie so verschrieben habe und zuletzt des Krimiüberschusses ein wenig überdrüssig geworden bin. Nach der Entwöhnung kann ich aber sagen: Ich vermisse ihn, obwohl es unbestritten Schwächen gibt. Ich mag die Staffel. Sherlock sah ich schon immer als so eine Art Hybrid aus James Bond, Harry Potter und Batman und Robin. Die Fälle sind trickreich, der Humor trocken und rotzig, es gibt jede Menge überraschende Wendungen, unerwartbare Auflösungen, gute Dialoge und pfiffige Drehbuchideen. Schon allein, dass ihm schummrig wird beim Anblick von Bildern Maggie Thatchers – lustig!

Michaela Kampl: Die Folge zwei mit dem Serienmörder Colverton fand ich diesmal am besten. Vermutlich deswegen, weil dort ein wenig der alte Sherlock wieder auftaucht. Weil es einen konkreten Verbrecher gibt, der ein Gegengewicht sein kann. Aber am Ende bleibt es dann doch oberflächlich, und es geht nur darum, Watson zu retten. Sherlock ist in dieser Staffel nicht mehr der Detektiv, den ich vermisst habe.

Daniela Rom: Ich hab mir ja immer wieder vorgestellt, wie die Serienmacher Steven Moffat und Mark Gatiss irgendwo bei einem Bier sitzen und sagen: Ha, jetzt haben wir sie alle gelinkt mit diesem Redbeard-Hunde-Dings. Machen wir etwas ganz Lustiges: Wir erfinden eine Schwester, und der Hund ist kein Hund. Harharhar.

Michaela Kampl: Das ist ihnen spät irgendwann eingefallen, sagen die zwei in einem Interview. Und sie beschreiben das echt so: Oh, wir sind da zusammengesessen und auf einmal sagt XY, was wenn Redbeard kein Hund, sondern ein Bruder ist. Die Idee haben dann offenbar alle super gefunden. Wobei, Redbeard als Hund und Sherlocks Trauma, das an dessen Verschwinden hängt, fand ich schon länger ein wenig übertrieben.

Daniela Rom: Ich bin ja wirklich ein Riesenfan von Moffat und Gatiss, die sind auch für mehrere Staffeln "Doctor Who" verantwortlich, und Moffat hat neben der besten Comedy ever, "Coupling", die wahrscheinlich beste Kurzserie mit "Jekyll" zusammengebracht. Ähnlich wie bei "Sherlock" geht's auch hier um die Adaptierung der Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Geschichte in der Gegenwart. Anders als "Sherlock" ist das ein Sechsteiler, der wirklich abgeschlossen ist und dann eben aus. Das täte "Sherlock" – so leid es mir tut und so gerne ich Benedict Cumberbatch und Martin Freeman zuschaue – auch gut. Ein Ende. Ein gscheites. Immer wieder beschleicht mich das Gefühl, dass Moffat und Gatiss sich nach einer Zeit verlieren und im Publikums-Pleasing enden. Das kann sehr lustig sein, wie die Folge zwei aus Staffel drei mit der Hochzeit, ist aber storytellingtechnisch eher mau. Da geht's dann nur mehr darum, um sich selbst zu kreisen. Auf Dauer ist mir das einfach zu wenig.

foto: reuters
Serienmacher Steven Moffat – nicht immer macht er das, was die Fans von ihm wollen. Ist aber auch schwierig, es allen recht zu machen.

Doris Priesching: Mich mit meinen unregelmäßigen "Sherlock"-Erfahrungen stört das nicht, ich fand's ziemlich lustig. Aber ich verstehe, dass dich das nerven kann, weil du mit dem Thema einfach vertrauter bist. Und ich mag es, wenn sie so bedeutungsschwangere Sachen sagen: "The game is on", und dann finsterer Blick. Huhu, das ist so uraltmodisch und spießt sich so schön mit diesem Big-Data-Scheiß, den sie da immer einfließen lassen.

Michaela Kampl: Mich wundert, dass die beiden einen gar so platten Plot für das Finale liefern. Alles lag am Ende nur daran, dass die beiden kleinen Holmes-Brüder die noch kleinere Schwester nicht mitspielen ließen. Geärgert habe ich mich über die unbeantworteten Fragen in der Geschichte: Wie kommt Eurus aus dem Gefängnis? Wie kann sie eine Nacht so tun, als sei sie die Tochter einen Serienmörders, taucht weiterhin als Therapeutin von Watson auf und täuscht ihm gleichzeitig noch eine SMS-Liebelei vor? Weil eigentlich ist sie ja im Superhochsicherheitsgefängnis irgendwo im Meer im Nebel im Nirgendwo. So als hätten die Drehbuchschreiber am Ende drauf gepfiffen. Nach dem Motto: Na ja, schaun wir, dass wir das irgendwie über die Bühne kriegen. Die Liebe zum Detail, die zuvor immer auch die Faszination ausgemacht hat, war völlig weg.

Daniela Rom: Mein Lieblingsplothole ist, wie John aus dem Brunnen kommt. Erst ist er angekettet und droht zu ersaufen, weil er eben angekettet ist. Dann retten wir ihn, indem wir ihm ein Seil zuwerfen. Was ist das? Ein Wunderseil, das auch Schlösser öffnen kann? Oder muss das Seil einfach nur lang genug sein, dann kriegt die Kette Angst und löst sich im Wasser auf? #ironieoff Da musste ich wirklich sehr lachen, weil es so blöd ist. Und so schade. Ich geb dir recht, Michi, da fehlt der Blick aufs Detail. Aber ich denke, dass der schon seit der dritten Staffel weg ist. Also spätestens mit der Auflösung, wie Sherlock den Fall vom Dach überlebt hat. Die Auflösung gibt es nicht, und es bleibt nur Super-Sherlock, der nicht nur Schüsse in die Brust überlebt (weil Mary ja so gut schießen kann), sondern auch von Dächern fliegen kann.

Michaela Kampl: Der vorgetäuschte Tod wurde doch penibel erklärt, oder erinnere ich mich da falsch? Wer wann in welchem Winkel wohin springt und wo wer dann was sieht und so? Nicht? In der letzten Staffel gibt es fast nur diesen Superhelden. Sherlock war am Beginn der Serie ein Nerd mit – sagen wir mal: ausbaufähiger Sozialkompetenz, der Kriminalfälle löst. Der Sherlock am Ende der Serie ist eher der Gute, der gegen die Bösewichte kämpft. Mehr Bond als Sherlock. Mehr Superheld als seltsamer Detektiv.

Daniela Rom: Das stimmt. Superhero-Sherlock finde ich auch fader als den Brainy-is-the-new-sexy-Sherlock. Höhepunkt war da wohl die Szene, wo Sherlock und John aus der Bakerstreet fliegen, als die Bombe hochgeht. Daran kann man auch eine andere Veränderung in der Serie festmachen. Am Anfang ging es um die Bubenfreundschaft und ums Lösen sehr komplizierter Fälle. Ich erinnere mich mit Freude an herrliche Dialoge, zum Beispiel in der ersten Folge. Watson: "That was ridiculous. That was the most ridiculous thing I've ever done." Sherlock: "Yes. And you invaded Afghanistan." Mittlerweile geht's fast nur mehr um die Gefühlswelt und die Familiengeschichte und nur mehr ein bisschen ums Lösen von Fällen.

Michaela Kampl: Eurus ist für mich trotzdem spannend. Genauso wie Mary. Da brechen die Autoren dieses Jungs-machen-gefährliche-Dinge-und-lösen-Kriminalfälle-Schema auf, und dann schaffen sie es aber nicht, glaubwürdige oder ebenbürtige Frauen zu schreiben. Weder Mary noch Euros noch Irene Adler sind richtig gut geschriebene Charaktere. Irgendwas fehlt da immer.

foto: ap
Über Molly haben wir gar nicht geredet. Das können Sie aber gerne im Forum nachholen.

Daniela Rom: Mrs. Hudson? Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Das ist bei "Doctor Who" genauso, die Frauen bleiben der Sidekick, der entweder vor unerfüllter Liebe vergeht oder halt so begeistert ist von den Buben. Ich muss aber auch sagen, dass es mich weder bei "Sherlock" noch bei "Doctor Who" so richtig stört. Ja, es fällt mir auf. Ja, ich denk mir: Oida, da "beichtet" John einen mentalen Seitensprung, aber halt nur der Vision seiner toten Frau, und die lächelt dann milde. Aber für die Geschichte ist es mir egal. Keine stärkere, besser geschriebene Frauenfigur würde es besser machen. Irene Adler fand ich in dem Zusammenhang gar nicht so schlecht gemacht, den Sexting-Teil in Staffel vier hätte man sich aber sparen können. Das ergibt null Sinn. Aber der Rest der Geschichte war auch nicht wirklich viel sinnvoller, da ist's dann schon fast wieder schlüssig.

Michaela Kampl: Vielleicht ist das schwieriger als gedacht und auch ein wenig zu viel verlangt, in diese alte Männer-Geschichte noch eine ebenbürtige Frau reinzuquetschen. Da müssten dann schon gleich Sherlock und Watson als Frauen besetzt sein. Hallo. liebe Leser, jetzt wäre der Moment der Aufregung da. Nutzen Sie ihn oder werden Sie weiterlesen? Ich widerspreche da auch dem, was ich oben gesagt hab. Zuerst ist mir Mary zu abweichend von der Buchvorlage, und dann reg ich mich auch noch auf, dass sie nicht ebenbürtig genug ist. Na ja, das Leben ist voller Widersprüche. (Michaela Kampl, Doris Priesching, Daniela Rom, 27.1.2017)

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