Britische Regierung verordnet Industrie Fitnessplan

25. Jänner 2017, 06:00
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London will die britische Wirtschaft als Reaktion auf den Brexit für globalen Wettbewerb stärken

Um den negativen Effekt des EU-Austritts abzufedern, will die britische Regierung britische Industrieunternehmen stärker fördern. Ein aktuelles Konsultationspapier hebt die Bedeutung von weltweit führenden Branchen auf der Insel hervor. Dazu zählen exportorientierte Sektoren wie Life-Sciences, Nuklearenergie, Film und TV sowie die Entwicklung umweltfreundlicher Elektromotoren für die Automobilindustrie. Sie wolle sicherstellen, sagte Premierministerin Theresa May am Rande einer Kabinettssitzung, "dass unsere Wirtschaft für jedermann in jeder Region des Landes funktioniert".

Gleich bei ihrem Amtsantritt hatte die Regierungschefin eine aktivere Industriepolitik signalisiert. Frühere Ressorts für Wirtschaft und Klimawandel wurden als Ministerium für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie zusammengefasst. May verdankte dem Brexit-Votum ihr Amt; sie interpretierte das Ergebnis des Referendums nicht nur als Absage an Brüssel, sondern auch als Hilferuf vernachlässigter, strukturschwacher Regionen besonders im Norden und Osten Englands.

Symbolischer Akt

Als symbolischen Akt holte die Premierministerin deshalb ihr Kabinett in einem Industriepark bei Warrington zusammen, wo Wirtschaftsminister Greg Clark die Kollegen unterrichtete. Es gehe nicht darum, die Besitzstände zu wahren, teilte der frühere Boston-Consulting-Angestellte später auch dem Londoner Unterhaus mit. Die Regierung wolle die richtigen Rahmenbedingungen für junge Unternehmen mit Zukunftstechnologien schaffen.

Freilich ist die Insel in vielen der von Clark genannten Branchen wie Pharma oder Film und Fernsehen schon heute konkurrenzfähig. Hingegen klagen gerade kleinere und mittlere Betriebe über die schlechte schulische Ausbildung der Jugend, die mangelnde digitale Infrastruktur sowie über allzu sehr auf kurzfristige Gewinne orientierte Banken.

Mangel an Ingenieuren

Der schlechten Ausbildung will Clark mit neuen Schulen für technische Berufe zu Leibe rücken. Dafür sind 198 Millionen Euro vorgesehen. Statt bisher nur 17 Wochenstunden sollen Lehrlinge bessere Betreuung erfahren, wie etwa in China, wo 30 Wochenstunden üblich sind. An höheren Schulen soll der Mathematikunterricht verbessert werden. Derzeit geht ein Drittel ohne ausreichende Mathematik- und Englischkenntnisse von der Schule ab.

Von besserer Schulbildung erhoffen sich Regierung und Industrie mehr junge Ingenieure. Derzeit sind diese in den Studiengängen eine Minderheit. Drei Viertel der Studierenden in den Fächern Maschinenbau und Elektrotechnik kommen aus dem Nicht-EU-Ausland und dürfen wegen strenger Visabestimmungen nach dem Studium nicht im Land bleiben. Setzt sich der durch den Brexit verstärkte Trend fort, fehlen dem Land 2020 gut eine Viertelmillion Ingenieure mit Uniabschluss sowie mindestens 200.000 Facharbeiter.

Das Konsultationspapier enthält schockierende Zahlen zu einem seit Jahrzehnten ungelösten Problem: Die Produktivität liegt in Großbritannien weit unter jener entwickelter westlicher Industrienationen. Die Arbeitsleistung pro Stunde ist auf der Insel um fast ein Fünftel niedriger als in Frankreich und Deutschland.

Skeptiker der Regierungspläne weisen vor allem auf die niedrigen staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung hin; von deren Erhöhung war zuletzt nicht die Rede. Mit 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts blieb Großbritannien 2014 deutlich hinter dem OECD-Durchschnitt zurück. (Sebastian Borger aus London, 25.1.2017)

  • Wirtschaftsminister Greg Clark will der schlechten Ausbildung an den britischen Schulen zu Leibe rücken.
    foto: apa/afp/ben stansall

    Wirtschaftsminister Greg Clark will der schlechten Ausbildung an den britischen Schulen zu Leibe rücken.

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