Genfer Uhrensalon: Die Stunde der Optimisten

27. Jänner 2017, 07:00
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Das vergangene Jahr war wieder hart für die Schweizer Uhrenindustrie. Aber das ist noch lange kein Grund, sich die Laune verderben zu lassen: Der Genfer Uhrensalon war spektakulär wie immer

So mancher IWC-Mitarbeiter soll dieses Jahr den Eingang zum eigenen Stand auf dem Genfer Uhrensalon verpasst haben: keine Haifische, keine Sportwagen, keine Flugzeugträger – stattdessen Blumenschmuck in barockem Ambiente. Und das vor dem Modell einer riesigen Damenuhr. Öha. Was ist denn da passiert? Hat die ausgewiesene Männermarke ihre feminine Seite entdeckt? Sind die Werbesprüche wie "Fast so schön wie eine Frau. Tickt aber richtig" vergessen?

Nein, natürlich nicht, von vergessen kann gar keine Rede sein, stattdessen habe man sich erinnert. Nämlich daran, dass es schon Damenuhren aus Schaffhausen gegeben hat. Und weil sich immer mehr Frauen auch für mechanische Uhren im Allgemeinen und für Zeitmesser von IWC im Besonderen interessieren – siehe "Portofino" – hat sich die Marke entschlossen, den Damen mit der Wiederbelebung der historischen "Da Vinci" eine Kollektion zu widmen.

Die Sinnfrage stellt sich nicht

Neue Zielgruppen anzusprechen ist in Zeiten wie diesen das Gebot der Stunde. Denn viel zu lachen gab es für die (Schweizer) Uhrenindustrie in letzter Zeit nicht. Auch wenn davon auf der 27. Ausgabe des exklusiven Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) nicht viel zu spüren war. Im Gegenteil, die Marken zeigten, was sie draufhaben. Neben (wenigen) Einstiegsmodellen, zum Beispiel bei Montblanc und Baume & Mercier, gab es eine ganze Menge für den Normalsterblichen nicht erschwingliche Modelle zu sehen.

Schwindelerregend, wie manche Häuser Komplikationen kombinieren: Grande Sonnerie trifft auf Tourbillon trifft auf Ewigen Kalender ... selbst Connaisseurs bleibt da die Spucke weg. "Die Frage nach dem Sinn wollen wir hier nicht erörtern", fasst es Anthony de Haas, Chefentwickler bei A. Lange & Söhne, augenzwinkernd zusammen.

Alles halb so wild

Das selbstbewusste Auftreten der Branche soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Sektor nach eineinhalb schwierigen Jahren in einer "Übergangsphase" befindet. "Es gab schon verheißungsvollere Jahre" lässt sich Fabienne Lupo, Präsidentin der Fondation de la Haute Horlogerie (FHH), die den Uhrensalon organisiert, zitieren. "Die Unsicherheit bleibt hoch." 2016 waren die Aussteller trotz des starken Frankens noch zuversichtlich gewesen. Aber dann sanken die Uhrenexporte weiter: Im vorigen Jahr um zehn Prozent. Im Luxussegment waren es sogar 15 Prozent. Auch die Angst vor Terror in Europa bremste die Reise- und Einkaufslust vor allem chinesischer Kunden. Eine neue Steuer in der Höhe von 60 Prozent auf den Import von Luxusgütern nach China tat ihr Übriges.

Das schmerzt. Denn "zwei Drittel des Exportvolumens (rund 18,6 Mrd. Euro, Anm.) entfallen auf Uhren für durchschnittlich rund 16.000 Euro", sagt Analyst Jon Cox vom Finanzdienstleister Kepler Cheuvreux in Zürich. "Etwa die Hälfte der hochpreisigen Uhren wird von Chinesen gekauft."

Umbau bei Richemont

Die Branche ist dennoch tendenziell optimistisch. So hatte der Luxusgüterkonzern Richemont, der SIHH ist quasi dessen Hausmesse, mit guten Zahlen im Weihnachtsquartal aufhorchen lassen. Einhergehend mit angekündigten personellen Veränderungen, erlebte Richemont an der Börse einen Aufschwung.

Denn 2017 wird kräftig umgebaut: So tritt Konzernchef Richard Lepeu per Ende März 2017, wenn er sein Pensionsalter erreicht hat, zurück. Georges Kern, bisher CEO von IWC, wird seinen neuen Posten als Verantwortlicher für die Bereiche Uhrenproduktion, Marketing und Digital einnehmen und kommt wie sein Kollege Jérôme Lambert, als neuer Head of Operation (bisher CEO von Montblanc), in den Verwaltungsrat. Auf einen Gesamt-CEO verzichtet man bei Richemont künftig ganz.

Ein Tag für alle

Mit 30 Marken war der Salon so groß wie nie. Zum Beispiel fanden sich mit Girard-Perregaux und Ulysse Nardin zwei weitere große Namen auf der Ausstellerliste, die der Baselworld, der weltgrößten Uhrenmesse, abtrünnig wurden. Dreizehn kleine, unabhängige Avantgarde-Uhrenmarken versammelten sich im "Carré des Horlogers", das seit dem Vorjahr existiert und heuer neue Marken anlockte. Man schätze die exklusive Atmosphäre des SIHH, heißt es. Durften doch nur handverlesene Gäste diese erste große Leistungsschau des Jahres besuchen. Bis jetzt.

Denn heuer war der SIHH zum ersten Mal öffentlich zugänglich. 2500 Fans durften am Freitag, dem letzten Tag der Messe, gegen ein Entgelt von rund 65 Euro diesen Mikrokosmos des Luxus betreten und darüber staunen, wie die Marken dort auf spektakuläre Art und Weise ihre Highend-Zeitmesser präsentieren. Der Champagner war im Eintrittspreis allerdings nicht inbegriffen. (Markus Böhm, RONDO, 27.1.2017)

  • Im "Carré des Horlogers" präsentierten unabhängige Marken ihre Kreationen. Darunter MB&F mit dieser ungewöhnlichen Konzeptuhr.
    foto: hersteller

    Im "Carré des Horlogers" präsentierten unabhängige Marken ihre Kreationen. Darunter MB&F mit dieser ungewöhnlichen Konzeptuhr.

  • Roger Dubuis: Die noch junge Marke präsentierte Zeitmesser mit Hightech-Materialien.
    foto: hersteller

    Roger Dubuis: Die noch junge Marke präsentierte Zeitmesser mit Hightech-Materialien.

  • A. Lange & Söhne: Die Glashütter zeigten eines der kompliziertesten Stücke des SIHH.
    foto: hersteller

    A. Lange & Söhne: Die Glashütter zeigten eines der kompliziertesten Stücke des SIHH.

  • Vachron Constantin: Das Traditionshaus führte u.a. astronomische Komplikationen vor.
    foto: hersteller

    Vachron Constantin: Das Traditionshaus führte u.a. astronomische Komplikationen vor.

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