Diebstahlsprozess: Die angeblich erpresste Bankangestellte

24. Jänner 2017, 15:53
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Eine 23-Jährige soll aus ihrer Bankfiliale 300.000 Euro gestohlen haben. Sie gibt zu, das Geld genommen zu haben, und erzählt Abenteuerliches

Wien – Eines ist sicher: Schuld daran, dass der Hypo Niederösterreich 300.000 Euro fehlen, ist Insiderwissen. Die Schreibe ist aber nicht von der Landesregierung unter der Enns, sondern vom Prozess gegen Johanna A. (Name geändert, Anm.). Die 23-Jährige soll als Angestellte in der Filiale Herrengasse die Summe am 5. Februar 2016 in die eigene Tasche gesteckt haben. Sie leugnet das – und erzählt stattdessen eine abenteuerliche Geschichte.

Zunächst die Version von Staatsanwältin Sonja Herbst. A. habe im Vorfeld zweimal größere Bargeldbeträge für die Filiale bestellt. Im Namen von Kunden, die es nicht gab oder die nichts davon wussten. Als die Geldlieferung kam, zweigte sie bei geeigneter Gelegenheit die 300.000 Euro ab, verließ die Bank und meldete sich später, um eine Erpressung vorzutäuschen.

Morgendliche Klopfzeichen

Eine Geschichte, die nun auch das Schöffengericht unter Vorsitz von Mariella Ecklmair zu hören bekommt. "Um sieben Uhr hat es an der Wohnungstür geklopft", erzählt die Unbescholtene dem Senat. – "Geklopft oder geklingelt?", fragt Ecklmair. "Geklopft. Unser Haus wird gerade renoviert, die Klingel ist kaputt. Ich habe mir auch nichts dabei gedacht, da öfters Bauarbeiter klopfen."

In diesem Fall war das nicht so. Als sie die Tür öffnete, seien draußen zwei Unbekannte gestanden. Die die von Lukas Kollmann verteidigte junge Frau erstaunlich genau beschreiben kann: "Overalls, schwarze Lederhandschuhe, graue Sportschuhe." Einer sei blond mit hellem Teint gewesen, der andere dunkler.

Bevor sie noch fragen konnte, was los sei, hätte das Duo die Tür so fest aufgedrückt, dass sie zu Boden gefallen sei, erzählt die Deutsche. "Einer hat mich dann hochgezogen und gegen den Kasten gedrückt. Er hat gesagt, er weiß, mit wem ich arbeite, hat sogar den Vornamen meines Vorgesetzten gewusst", erinnert sie sich schluchzend an das Insiderwissen.

Drohung gegen Eltern in Deutschland

"Sie haben mir auch gesagt, dass sie mein Telefon überwachen und heute eine größere Geldlieferung an die Bank kommt. Die müsste ich stehlen und übergeben, sonst würden sie mir oder meinen Eltern in Deutschland etwas antun!"

Die Unbekannten hätten ihr auch ein Foto der Eltern auf einem Handy gezeigt. "Wie sie vor ihrem Haus gerade aus dem BMW aussteigen. Am Gewand der Mutter habe ich erkannt, dass es ein aktuelles Bild ist!", beteuert die Angeklagte unter Tränen.

Interessant auch die Forderung der beiden Männer: Sie wollten drei Millionen Euro. "Ich habe gewusst, dass nicht so viel in der Bank ist, aber das hat sie nicht interessiert." Noch interessanter: Mit A. war ihr 30 Kilo schwerer Jagdhund in der Wohnung. Der habe zunächst gebellt. Doch dann habe einer der Täter ein Bettlaken aus einem Kasten genommen, Klebeband aus der Kleidung gezogen und den Hund in das Tuch eingewickelt und verklebt. Das soll das Tier anstandslos über sich ergehen lassen haben und anschließend auch ruhig gewesen sein.

Glimmende Zigarette ausgedrückt

Auch sie selbst habe nie um Hilfe geschrien – der Schock sei zu groß gewesen, behauptet die Angeklagte auf Ecklmairs Nachfrage. Leise sei sie auch geblieben, als einer der Täter ihr drei, vier Sekunden lang eine glimmende Zigarette auf den linken Unterarm gedrückt habe. "Das ist ein Vorgeschmack, was dir passiert", soll er dabei in Deutsch mit undefinierbarem osteuropäischem Akzent gesagt haben. Eine leichte Brandwunde wurde bei A. festgestellt.

Der Übergabeort war die Felberstraße in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus. "Sie haben mir eine Plastiktüte gegeben und gesagt, ich soll das Geld dort spätestens bis 14 Uhr über einen Zaun auf das Bahngelände werfen."

In den extrem lebensnahen Scripted-Reality-Sendungen des nachmittäglichen Fernsehprogramms würde sich das alles noch völlig plausibel anhören. In der Realität hat die Geschichte allerdings ziemlich viele Löcher, die auch dem Senat auffallen.

DNA-Spuren auf Klebeband

Beispielsweise das Klebeband. "Das hatte der eine Mann bei sich?", fragt die Vorsitzende nach. "Ja." – "Laut DNA-Gutachten wurden darauf nämlich nur Ihre Spuren, die Ihres Freundes und einer unbekannten Person gefunden", hält Ecklmair der Angeklagten vor. Deren Freund zum Tatzeitpunkt aber aus familiären Gründen in Bukarest gewesen ist. A. hat keine Erklärung dafür.

Einem Schöffen lässt die Sache mit dem Hund ebenso keine Ruhe. "Die Täter sollen so gut organisiert sein, und dann wissen die nicht, dass Sie einen Hund daheim haben? Und müssen den mit einem Ihrer Bettlaken ruhigstellen? Es überrascht mich, dass die davon überrascht worden sein sollen."

A. bietet auch keine schlüssige Erklärung dafür an, warum sie, nachdem sie die Wohnung verlassen hatte, niemanden verständigte. An ihrem Arbeitsplatz angekommen, schrieb sie lediglich einen Zettel. Auf dem stand, sie werde erpresst, und man dürfe bis 14 Uhr nicht die Polizei verständigen. Das Schreiben legte sie im Tresorraum in die Mappe, aus der sie das Geld stahl.

Mit dem Mietauto zur Übergabe

Mit einem Car2Go-Mietauto fuhr sie um 11.30 Uhr von der Bank zum Übergabeort. Dort blieb sie laut elektronischen Aufzeichnungen zwei Minuten, dann fuhr sie zurück zur Wohnung. Sie habe das Geld einfach über den Zaun geworfen, behauptet die Angeklagte. Anschließend sei sie nahe ihrer Wohnung in einen Supermarkt gegangen und habe dort ihren Vorgesetzten angerufen, die Geschichte erzählt und auf die Polizei gewartet.

Ein Verhalten, dass Misstrauen erweckt. "Da war es ja vor 14 Uhr. Woher haben Sie gewusst, dass das Geld überhaupt schon abgeholt worden ist?", wundert sich Ecklmair. Denn die Bedrohung der Eltern habe ja weiter bestanden. Außerdem: "Der Supermarkt war von Ihrer Wohnung aus zu sehen. Sie haben ja nicht gewusst, ob die beiden Männer nicht noch dort sind. Und dann warten Sie vor dem Supermarkt auf die Polizei?", ist Anklägerin Herbst verdutzt. A. bleibt bei ihrer Version. Beiden Frauen fällt auf, dass A. ihre Eltern auch dann nicht angerufen und gewarnt hat.

Bande muss sich auf Glück verlassen haben

Rätselhaft erscheint auch, wie die angebliche Bande sich so auf ihr Glück verlassen konnte. Denn laut Darstellung A.s sei es ebensolches gewesen, dass ihr Vorgesetzter ihr an dem Tag den Tresorschlüssel gegeben habe und sie alleine in den Tresorraum gehen konnte. Normalerweise hätte ein Vier-Augen-Prinzip gegolten. Eine Darstellung, der der Vorgesetzte als Zeuge übrigens widerspricht.

Für die Erstattung des DNA-Gutachtens wird die Verhandlung schließlich vertagt. (Michael Möseneder, 24.1.2017)

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