Zeitzeugen erinnern an Sammellager für Juden

24. Jänner 2017, 14:08
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Nationalratspräsidentin Bures: "Der Holocaust begann nicht in den Konzentrationslagern. Der Holocaust begann in unserer Mitte"

Wien – An ein lange kaum erforschtes Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte haben die Akademie der Wissenschaften und das Parlament am Dienstag anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages erinnert: Historiker und prominente Zeitzeugen berichteten von jenen Sammellagern in Wien-Leopoldstadt, in denen 45.000 Juden vor ihrem Transport in die Vernichtungslager interniert wurden.

"Der Holocaust begann in unserer Mitte"

"Der Holocaust begann nicht in den Konzentrationslagern. Der Holocaust begann in unserer Mitte", sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) in ihren Eröffnungsworten zur Gedenkveranstaltung. Sie verwies auf jene Ausstellung in der Krypta des Heldendenkmals in Wien, die sich derzeit diesen Orten – Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse – widmet.

Es handelt sich dabei um Schulen, heute sind es ganz normale Gebäude, berichtete die Historikerin Monika Sommer. Zu rekonstruieren, was dort geschah, und dies nicht nur aus der Täterperspektive der Nationalsozialisten, sei die Aufgabe gewesen. Deshalb habe man sich stark auf Zeitzeugeninterviews gestützt.

Zu Wort kam auch der Autor Doron Rabinovici, der sich als einer der ersten dem speziellen Wiener System der Deportation gewidmet hatte. Adolf Eichmann habe eine Vorgehensweise etabliert, bei der die Kultusgemeinden zum Werkzeug ihrer eigenen Vernichtung gemacht wurden. Später hätten dies die Nazis in vielen Städten Europas kopiert. Der offizielle Opfermythos Österreichs sei lange der Aufarbeitung dieses Kapitel entgegengestanden.

Zeitzeugen berichten

Gezeigt wurde ein Auszug des Films "Letzte Orte. Letzte Zeugen.", bevor die Zeitzeugen Arik Brauer und Helga Feldner-Busztin zu Wort kamen. Die Demütigung durch den Judenstern, die Angst vor den Nazi-Funktionären, das Überleben in Wien, die Deportation und die Freude über die Befreiung durch die sowjetischen Truppen waren dabei die Themen.

Brauer erzählte von der Deportation eines autistischen Mädchens im Sammellager, dem er Flöte spielen beigebracht hatte. "Sie konnte nicht reden, aber sie hat gewusst, was ihr blüht. Sie hat sie mir gegeben. Ich habe sie bis heute." Die Befreiung von der Nazi-Herrschaft sei für ihn wie eine Geburt gewesen. "Ich habe getanzt auf den Straßen, und da hat es noch nach Leichen gestunken." (APA, 24. 1. 2017)

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