Hassliebe zum ORF: Der Widerspruch vor dem Fernsehschirm

28. Jänner 2017, 09:00
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Einerseits unzufrieden mit Programm und Gebühren, andererseits oft als vertrauenswürdig erachtet: FH-Studie zum öffentlich-rechtlichen Medienangebot

Wien – Welchen Nutzen haben die Medien für unsere Gesellschaft? In welcher Hinsicht tragen sie dazu bei, dass das soziale Miteinander besser funktioniert? In Zeiten, in denen Schlagworte wie "Lügenpresse", "postfaktisch", "Systemmedien" und "Hetze" in öffentlichen Diskursen Konjunktur haben, erhalten diese Fragen eine neue Dringlichkeit.

Der sogenannte Public Value eines Medienunternehmens wird aber gerade dann zum heißen Thema, wenn der Bürger für ihn zur Kasse gebeten wird und solidarisch für Inhalte bezahlen soll, die er gegebenenfalls nicht konsumieren will. In Österreich dreht sich die Diskussion um ORF-Gebühren und Werbeeinnahmen, um Bildungsauftrag und Kommerzprogramm seit Jahrzehnten im Kreis. Polarisieren sich die politischen Debatten im Land, scheinen auch die öffentlich-rechtlichen Medien verstärkt unter Beschuss zu geraten.

Forschungsprojekt

Holt man Meinungen von Nutzern öffentlich-rechtlicher Medienangebote ein, wie es ein Forschungsteam im Rahmen eines Projekts am Institut für Journalismus & Medienmanagement der Fachhochschule Wien der WKW getan hat, ergibt sich ein Bild, das ähnlich widersprüchlich ist wie die Debatte selbst.

Medienforscherin Nicole Gonser hat gemeinsam mit ihren Kollegen in dem von der Magistratsabteilung 23 der Stadt Wien (zuständig für Wirtschaft, Arbeit und Statistik) geförderten, dreijährigen Projekt "Public Value goes international" Bürger befragt, welche Bedeutung sie den Medienangeboten zuschreiben und wie es um die Bereitschaft steht, für diese Angebote auch zu bezahlen. Kooperiert wurde bei dem Projekt, das durch die Involvierung Studierender auch als Lehrangebot diente, mit Forschungseinrichtungen in Großbritannien, Finnland und Deutschland.

Bei den 80 qualitativen Interviews, die als eine Teilstudie mit Mediennutzern aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Altersstufen geführt wurden, fiel eine schnelle, reflexartige Ablehnung des öffentlich-rechtlichen Programms und der damit einhergehenden Gebühren ins Auge, erklärt Gonser. "Wenn man allerdings genauer nachfragt, wird offenbar, wie sehr dennoch die tägliche Mediennutzung mit den Angeboten des ORF verknüpft ist – etwa über die Nachrichtenseiten im Internet, die man täglich konsumiert, oder das "Folgen" bekannter Journalisten auf Facebook und Twitter.

Verbreitete Unkenntnis

"Oft bemerkten wir auch Unkenntnis darüber, was eine öffentlich-rechtliche Organisationsweise und das dahinterstehende Solidarprinzip überhaupt bedeuten; dass sich nämlich die Gesellschaft darauf verständigt hat, ein pluralistisches Angebot für alle zu schaffen, das zum Beispiel auch Minderheiten berücksichtigt, die in einem rein kommerziell orientierten Medienangebot keinen Platz hätten", erläutert die Medienforscherin. Die Widersprüchlichkeit der Positionen verstärkt sich noch, wenn einerseits politische Einflussnahme als Kritik hervorgestrichen wird, andererseits dem öffentlich-rechtlichen Medienhaus aber hohe Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit attestiert wird.

Bei einer quantitativen Onlinebefragung mit über 1100 Teilnehmern bestätigte sich dieses ambivalente Bild. Bei den Fragen, ob man mit den öffentlich-rechtlichen Programmen "alles Wichtige" im Land mitbekommt und ob die Mitarbeiter der Medienanstalt "ehrlich und vertrauenswürdig" seien, lagen die Durchschnittswerte mit 5,11 und 4,6 deutlich über der Mitte der von eins bis sieben laufenden Bewertungsskala und damit im positiven Bereich.

Skepsis

Bei der Frage, ob unabhängige und unparteiische Informationen gebracht würden, zeigen die Antworten mit 3,84 knapp über der Skalenmitte nur mehr eine leicht positive Tendenz. Insgesamt zeigen sich die österreichischen Einschätzungen weniger skeptisch als jene in Deutschland, wo die Befragung bei geringerem Umlauf ebenfalls durchgeführt wurde. Die ambivalenten Einschätzungen, gepaart mit den vielen Ergebnissen, die um die neutrale Skalenmitte liegen, nimmt Gonser als weitere Indizien für eine verbreitete Unwissenheit über die Ausrichtung öffentlich-rechtlichen Programms.

Beim Vertrauen in die Nachrichtensendungen ergibt sich ein überraschend positives Ergebnis im Vergleich zum Privatfernsehen. Über 70 Prozent vertrauen "eher darauf, dass die Informationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen korrekt sind", gut 26 Prozent vertrauen Öffentlich-Rechtlich und Privat gleich stark, nur wenige Prozent geben den Privaten den eindeutigen Vorzug.

Gespür für die Gebühr

Fragt man nach, ob die Gebühr – zurzeit in der Bundeshauptstadt knapp 25 Euro – als adäquat empfunden wird, zeigt sich das wenig überraschende Ergebnis, dass sie als zu hoch eingeschätzt wird. "Es ist aber nicht so, dass die Leute null Euro zahlen wollen", so die Medienforscherin. In Österreich hat sich der Betrag, den die Befragten bereit zu zahlen wären, bei etwas über neun Euro eingependelt, in der parallelen deutschen Befragung lag der Wert noch ein paar Euro darunter.

"Spannend ist, dass es offenbar gewisse Schwellenwerte gibt, die man als Referenz heranzieht", erklärt Gonser. "Die Einschätzungen könnten von kommerziellen Internetangeboten wie Netflix und Amazon Prime geprägt sein. Auch für den ORF möchten viele offenbar nicht mehr bezahlen als für diese Angebote." (pum, 28.1.2017)


Link
Datenmaterial und Details unter www.journalismusdreinull.at

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  • Tarek Leitner und Marie-Claire Zimmermann im "Zeit im Bild"-Studio: der ORF als Symbol hoher Vertrauenswürdigkeit.
    foto: orf

    Tarek Leitner und Marie-Claire Zimmermann im "Zeit im Bild"-Studio: der ORF als Symbol hoher Vertrauenswürdigkeit.

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