Wenn im friedlichsten Land der Welt ein Mord passiert

24. Jänner 2017, 13:16
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In Island wurde eine Frau tot aufgefunden. In einem Land mit einer der niedrigsten Mordraten ist das ein Schock

Reykjavík/Wien – Von Island hört man in der Regel nur Gutes – oder zumindest Skurriles. Von den rund 335.000 Einwohnern glauben viele an Elfen und Trolle, und im vergangenen Sommer sorgten Islands Fußballnationalteam und seine Fans – Stichwort "Huh" – bei der Europameisterschaft für Furore. Zudem ist das am dünnsten besiedelte Land Europas ein beliebtes Reiseziel, bietet die Insel doch zahlreiche Seen, Geysire, Wasserfälle und Vulkane. Gut, den Ausbruch von Eyjafjallajökull im Jahr 2010, dessen Aschewolke Teile des europäischen Flugverkehrs zum Erliegen brachte, hätte es nicht gebraucht, trotzdem hat Island international einen ausgezeichneten Ruf.

Nicht verwunderlich ist daher auch, dass Island seit Jahren an der Spitze des Global Peace Index steht (Österreich ist übrigens Dritter), somit das friedlichste Land der Welt ist. Die Polizei fährt dort unbewaffnet auf Patrouille, und Morde sind extrem selten. Im Schnitt gab es 1,8 seit dem Jahr 2001 – 2003, 2006 und 2008 wurde sogar überhaupt kein Mordfall gemeldet. Dies alles erklärt, weshalb der Fall Birna Brjánsdóttir das Land in Schockzustand versetzt hat.

Birna Brjánsdóttir, so der aktuelle Ermittlungsstand, war in der Nacht auf den 14. Jänner mit Freunden in der Hauptstadt Reykjavík unterwegs. Um fünf Uhr morgens verabschiedet sich die 20-Jährige in der Bar Hurra von ihren Freunden, kauft sich sichtlich angetrunken einen Kebab und macht sich auf den Weg nach Hause. Dies alles ist auf ausgewerteten Videos von Überwachungskameras sichtbar. Kurz bevor die Frau mit den langen roten Haaren aus dem Bild verschwindet, ist auch ein rotes Auto zu sehen – ein Kia Rio.

Größte Suchaktion Islands

Einen Tag später meldet ihre Familie sie als vermisst, weil sie nicht daheim und auch nicht zur Arbeit erscheint – sie arbeitet als Verkäuferin in einem Einkaufszentrum. Was folgt, ist die vermutlich größte Suchaktion in der Geschichte Islands. Polizei und Feuerwehr setzen Hubschrauber, Drohnen und Suchhunde ein, außerdem werden sie von 725 Freiwilligen unterstützt. Die Anteilnahme in der Bevölkerung ist riesig, für die Medien auf der Insel gibt es nur mehr dieses Thema. Acht Tage später wird man fündig, die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich damit. Birna Brjánsdóttir wird am Sonntagmittag an einem Strand der Halbinsel Reykjanes südlich von Reykjavík tot aufgefunden.

Davor und danach entdecken die Ermittler immer mehr Indizien, die auf das Schicksal der 20-Jährigen hinweisen. Die letzten Handysignale Birna Brjánsdóttirs führen sie in die Hafenstadt Hafnarfjördür südlich von Reykjavík, wo die Polizei ihre Stiefel, Doc Martens, findet. Dort werden weitere Überwachungsvideos aus der Nacht, in der Brjánsdóttir verschwand, ausgewertet. Die Ermittler entdecken den roten Pkw nahe eines grönländischen Fischkutters, der Polar Nanoq. Sie machen den Wagen ausfindig und finden darin Blutspuren, die, das ist mittlerweile klar, von der 20-Jährigen stammen. Das Auto ist rund um den 14. Jänner von drei Matrosen der Polar Nanoq gemietet worden.

Dem Fischkutter hinterhergeflogen

Als die Ermittler das herausfinden, ist die Polar Nanoq bereits wieder in See gestochen. Die isländische Küstenwache schickt sofort einen Helikopter hinterher. Mit an Bord sind sechs Mitglieder einer Spezialeinheit, bekannt als "Viking Swat Team", der einzigen bewaffneten Polizeieinheit in Island. Sie erreichen das Schiff, seilen sich ab, nehmen die drei Matrosen, die keinen Widerstand leisten, fest und befördern sie zurück nach Island.

Die drei werden dem Richter vorgeführt. Zwei von ihnen, 25 und 30 Jahre alt, werden des Mordes verdächtigt, der dritte befindet sich mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Die beiden Verdächtigen bestreiten, etwas mit dem Tod von Birna Brjánsdóttir zu tun zu haben. Die Polizei vermutet, dass die Matrosen die 20-Jährige mit dem Mietauto mitgenommen, sie dort getötet und danach ins Meer geworfen haben. Doch viele Fragen sind noch offen: Die genaue Todesursache und die Todeszeit sind unklar, auch, ob Brjánsdóttir sexuell missbraucht wurde. Es werde nach einer Waffe gesucht, teilte der Chefermittler mit, ohne genauere Angaben zu machen. Mittlerweile wurde ein wichtiger Zeuge gefunden, der laut Polizei Auskunft darüber geben könnte, wo sich der rote Kia am Vormittag des 14. Jänner aufhielt. Denn das könnte der mutmaßliche Tatort gewesen sein.

Schock bereits im Jahr 2013

Klar ist hingegen, dass Island weiterhin geschockt ist. Bei den wenigen Mordfällen, die sich dort ereigneten, waren oft Alkoholkonsum oder psychische Probleme im Spiel – die Fälle waren im Gegensatz zu dem jetzigen rasch gelöst. Dass nun so lange nach dem oder den Tätern gesucht wird und die Verdächtigen Ausländer sind, ist ein Novum. Ebenso neu war es für die Isländer, als im Jahr 2013 Polizisten zum ersten Mal einen Mann erschossen. Dieser hatte mit einem Jagdgewehr aus seinem Fenster und schließlich auf die heranrückenden Polizisten geschossen, bis die Beamten ihn tödlich verletzten. Der Schock damals war ähnlich groß.

In Grönland – von dort stammen die Verdächtigen – legten Menschen vor dem isländischen Konsulat Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Viele Isländer zeigten sich in den sozialen Medien schockiert und posteten Fotos von angezündeten Kerzen. Dort, genauer gesagt auf Facebook, postete Birna Brjánsdóttir am 12. Jänner, zwei Tage vor ihrem Tod, zum letzten Mal etwas. Laut isländischen Medien habe sie sich darüber beklagt, dass es vermutlich ihr schlimmster Tag des Jahres sei. Denn es war "Kiss a ginger day" – und niemand habe sie geküsst. (Kim Son Hoang, 24.1.2017)

  • Island ist ein Land mit vielen Sehenswürdigkeiten. Nun versetzt ein Mord die Bewohner in Schockzustand.
    foto: ap/frank augstein

    Island ist ein Land mit vielen Sehenswürdigkeiten. Nun versetzt ein Mord die Bewohner in Schockzustand.

  • Die isländische Polizei veröffentlichte ein Foto von Birna Brjánsdóttir.
    foto: afp/reykjavik metropolitan p

    Die isländische Polizei veröffentlichte ein Foto von Birna Brjánsdóttir.

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