Heimlichtuerei um britische Atomwaffenpanne

    23. Jänner 2017, 19:01
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    Zwischenfall mit Rakete im Juni 2016 vertuscht – Opposition fordert Aufklärung

    Die britische Regierung hat eine peinliche Panne bei einem Raketentest verschwiegen und damit Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer Atomwaffen geweckt. Die Labour-Opposition zitierte am Montag den Verteidigungsminister ins Unterhaus: Michael Fallon solle eine Stellungnahme zu dem Zwischenfall abgeben, der sich bereits im Juni 2016 ereignete.

    Einem Bericht der "Sunday Times" zufolge stellte der Abschuss einer ohne Atomsprengkopf versehenen Rakete vom Typ Trident II D5 das Ende eines sechsmonatigen Testprogramms für eines der vier mit Atomwaffen ausgerüsteten U-Boote dar: Die HMS Vengeance war erst im Dezember 2015 nach einem vierjährigen Umrüstungsprogramm wieder in See gestochen. Offenbar gelang der Abschuss rund 300 Kilometer östlich von Florida ohne Probleme. Doch statt nach Südosten, Richtung Südatlantik, soll die Rakete plötzlich Kurs aufs US-Festland genommen haben; sie wurde rechtzeitig zerstört, ohne Schaden anzurichten.

    Raketentests sind seltener geworden, seit auch die Navy zu umfassenden Sparprogrammen gezwungen ist. Die Übung vor Florida war erst der fünfte Abschuss einer Rakete von einem britischen U-Boot in diesem Jahrhundert; jedes Exemplar kostet London umgerechnet fast 20 Millionen Euro.

    Admiral Alan West sprach in der BBC von zwei Möglichkeiten: Entweder habe der Test einen fundamentalen Systemfehler offenbart, was Geheimhaltung zwingend notwendig machen würde; da aber das Verteidigungsministerium dem U-Boot und seiner Besatzung "komplette Einsatzfähigkeit" attestierte, müsse es sich wohl um einen Fehler an der Rakete gehandelt haben. So etwas sollte man bekannt geben, glaubt West: "Sonst sind wir wie Nordkorea oder China, wo nie zugegeben wird, wenn etwas schiefgeht."

    Politisch brisant

    Offenbar galt die Panne als politisch brisant, weil im Juli – gerade erst hatte Theresa May nach dem Brexit-Referendum das Premieramt von David Cameron übernommen – die konservative Regierung eine Unterhaus-Abstimmung über die umstrittene Modernisierung des U-Boot-basierten Atomwaffen-Trägersystems plante. Dabei standen weniger die Raketen und ihre Nuklearsprengköpfe auf der Tagesordnung als vielmehr die vier atomar angetriebenen U-Boote der Vanguard-Klasse. Sie sollen in den kommenden 20 Jahren nach und nach ersetzt werden. Sie befördern 16 Raketen mit jeweils bis zu drei Atomsprengköpfen.

    Der letzte ernste Zwischenfall mit britischen Atomwaffen ereignete sich 2009: Damals waren zwei mit Nuklearwaffen bestückte U-Boote der Verbündeten Großbritannien und Frankreich "bei sehr niedriger Geschwindigkeit" mitten im Atlantik kollidiert. Die "nukleare Sicherheit" sei nicht beeinträchtigt gewesen, wiegelte damals London ab. Experten vermuteten damals, die beiden Boote hätten sich gegenseitig beschattet.

    Unter Beobachtung anderer Atommächte stand gewiss auch der schiefgegangene Raketentest vom vergangenen Jahr; schließlich werden Informationen über derlei Übungen vorab ausgetauscht, um katastrophale Fehlreaktionen zu vermeiden. (Sebastian Borger aus London, 23.1.2017)

    • Die HMS Victorious, "Zwillingsschwester" der HMS Vengeance.
      foto: apa/ afp / andy buchanan

      Die HMS Victorious, "Zwillingsschwester" der HMS Vengeance.

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