Nicht alle fürchten Trump in Mexikos Autohochburg

24. Jänner 2017, 12:00
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Macht Donald Trump seine Drohungen wahr, stehen tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. Manche sehen das als Chance

"Wir stellen ein", verkündet ein Schild an der Tür zum Café Corazon Santo in der nordmexikanischen Stadt San Luis Potosí. Kein Jahr ist das stilvolle Café im schicken Süden der ehemaligen Bergbau- und Handelsstadt alt, doch das Geschäft boomt. Hausfrauen am Morgen, Geschäftsleute mittags, Jugendliche abends. Oberkellner Pastor Ortiz lässt sich auch davon die Laune nicht verderben, dass US-Präsident Donald Trump den Potosinos die geplante Großinvestition einer Autofabrik von Ford vereitelt hat. "Wir Mexikaner sind Krisen und schlechte Präsidenten gewohnt, wir werden auch mit Trump fertig", sagt der stämmige Mittdreißiger selbstsicher.

Einen halben Kilometer entfernt, am neuen Sitz des Industrieverbandes, ist die Stimmung trotz des atemberaubenden Blicks auf die Stadt getrübter. 80 Prozent seines Außenhandels wickelt Mexiko mit den USA ab. Für Verbandspräsident Raúl Martinez fühlt es sich an, als sei er kurz vor dem Sieg beim Monopoly auf dem Feld "Zurück zum Anfang" gelandet. "Es gibt keinen Tag, an dem Trump nicht auf uns eindrischt", schimpft Martinez.

Auf zu neuen Märkten

"Auf die Politiker ist kein Verlass, jetzt müssen wir eben selbst nach Lösungen suchen", ergänzt Salvador Esparza, dessen Firma Espartec Kontrollsysteme für die Autoindustrie fertigt. Neue Absatzmärkte erschließen steht ganz oben auf der Liste, Stellen einsparen und die Produktion herunterfahren sieht man als Notlösung, denn das würde auch die heimische Kaufkraft senken und möglicherweise eine Rezession heraufbeschwören.

Für den Gliedstaat, der auf die Autoindustrie setzte und in den vergangenen Jahren im Schnitt fünf Prozent wuchs, ist Trump eine Katastrophe. 23 Jahre sind vergangen seit der Unterzeichnung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta), und fast so lange hat San Luis Potosí gebraucht, um von einer staubigen Stadt in der Wüste zu einem der fünf am schnellsten wachsenden Bundesstaaten zu werden. Und das vor allem deshalb, weil die Autoindustrie Mexiko als idealen Standort entdeckt hat, mit billigen Arbeitskräften, niedrigen Steuern und Freihandelsverträgen.

Zehntausende Arbeitsplätze

Investitionen in Milliardenhöhe und 50.000 Arbeitsplätze stehen alleine in San Luis Potosí auf dem Spiel, wenn Trump seine Drohungen wahrmacht und Strafzölle auf in Mexiko gefertigte Autos verhängt. Alleine der Fabriksstopp von Ford bedeutet laut Martinez, dass 10.000 Stellen nicht geschaffen werden. Und nicht nur das. Zusätzlich zu seinen protektionistischen Drohungen will Trump auch noch massenweise mexikanische Migranten ausweisen. Vor allem die geschätzten sechs Millionen Illegalen bangen um ihre Existenz.

In Ojo de Agua, einem 1.500-Seelen-Dorf eine Dreiviertelstunde von der Provinzhauptstadt entfernt, hat ein Drittel der Dorfbewohner Angehörige in den USA. Manuela Melendez' Bruder etwa arbeitet in Dallas in einem Restaurant und unterstützt sie regelmäßig mit Dollar-Sendungen. Er hat keine Papiere. "Wir sind alle sehr besorgt um ihn." Bislang arbeiten die Unternehmen gerne mit Illegalen, weil sie billiger sind. Doch Juan Mario Cerino von der Vereinigung Potosinischer Auswanderer in Illinois (Acopil), hat gehört, dass Trump Unternehmen auf Schwarzarbeiter kontrollieren und horrende Bußgelder verhängen will. Damit wird der Arbeitsmarkt für Mexikaner ohne Papiere auf einen Schlag verschwinden. "Sie werden freiwillig zurückgehen, ohne dass Trump Massendeportationen veranstalten muss", fürchtet Cerino.

Kein Weltuntergang

"Damit würde sich Trump selbst ins Bein schießen", ist der Wirtschaftsminister von San Luis Potosí, Gustavo Puente, überzeugt und ergänzt: "Hätte ich Trump vor mir, würde ich ihm erklären, dass US-Autobauer wegen der günstigen Fertigung in Mexiko weltweit wettbewerbsfähig sind." Dass Ford von der geplanten Fabrik abgesehen habe, sei eine schlechte Nachricht für San Luis Potosí, aber nicht der Weltuntergang. Fünf Interessenten für das Ford-Gelände hätten sich schon gemeldet, dabei sei noch nicht einmal sicher, dass die Firma darauf verzichte.

Denn andere Autobauer wie BMW, dessen Fabrik in San Luis Potosí 2019 die Fertigung der 3er-Limousine aufnehmen will, oder Nissan, VW und Mercedes halten an ihren Investitionen fest. Das reicht laut Puente, um Zulieferer weiter nach Mexiko zu locken. "Wir hatten bislang jährlich Investitionen von 800 Millionen US-Dollar. Ich denke, dass es 2017 sogar mehr wird", sagt der Politiker, der seit Oktober 17 neue Firmen eingeweiht hat. "Wir werden weiter wachsen, aber sicher langsamer." Auch die Chinesen stehen Schlange. Sie könnten Experten zufolge zu den größten Gewinnern werden, sollten sich die USA hinter Protektionismus verschanzen.

Trump als Chance

Nicht nur mit neuen Allianzen könnte Mexiko Gewinn schlagen aus der Absicht Trumps, Nafta neu zu verhandeln, sagt die auf Internationale Beziehungen spezialisierte Politologin Cecilia Costero von der Hochschule Colegio de San Luis: "Im Vertrag fehlen Klauseln zum Technologietransfer, Umwelt- und Arbeitsrechtsauflagen, und die Lösung der Kontroversen vor internationalen Schiedsgerichten war sehr nachteilig für Mexiko." Würden die mexikanischen Unterhändler ein Gesamtpaket schnüren und Migration und Sicherheitsfragen wie den blühenden US-Waffenexport nach Mexiko einbringen, könnten sich die Beziehungen ausgeglichener gestalten.

Und würde nur ein Bruchteil der 1,5 Millionen in den USA lebenden Potosinos zurückkommen, müsste sich die Regierung abseits vom "Ghetto der Autoindustrie" Gedanken über eine neue Entwicklungsstrategie machen und vielleicht die vernachlässigte Landwirtschaft wiederbeleben, sagt Costero. "Ich sehe Trump auch als große Chance." (Sandra Weiss aus Potosí, 24.1.2017)

  • 1,6 Milliarden Dollar wollte Ford in ein Werk in San Luis Potosí investieren. Dann kam Trump. Jetzt wird in Michigan in den USA ausgebaut.
    foto: apa / afp / pedro pardo

    1,6 Milliarden Dollar wollte Ford in ein Werk in San Luis Potosí investieren. Dann kam Trump. Jetzt wird in Michigan in den USA ausgebaut.

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