Lebenshilfe für komplette Abschaffung der Sonderschulen

24. Jänner 2017, 06:00
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Aber: "Man darf Inklusion nicht naiv angehen" – Grüner Bildungssprecher Walser fordert zusätzliche Mittel

Wien – Verständnis für die Befürchtungen, dass eine Abschaffung der Sonderschulen ohne angemessene Rahmenbedingungen Kinder und Lehrer überfordern würde, äußert Grünen-Bildungssprecher Harald Walser, richtet aber auch eine Handlungsaufforderung an den Vorsitzenden der Pflichtschullehrergewerkschaft, Paul Kimberger.

Der Lehrervertreter hat im STANDARD kritisiert, dass es kein politisches Bekenntnis zur Inklusion gebe, was sich in der entsprechenden finanziellen Ausstattung äußere. Dabei fehlten schon jetzt rund 3000 Sonderpädagogen.

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) will aber, dass Sonderschulen bis zum Jahr 2020 nur noch "die Ausnahme" sind.

"Irdisches Pädagogikjammertal"

"Ich erwarte mir von der Gewerkschaft ein entschiedenes Eintreten für ein ausfinanziertes, inklusives Schulmodell, anstatt mit Verweis auf die bestehende Situation das irdische Pädagogikjammertal zu betreten", sagte Walser am Montag zum STANDARD. Die von der Regierung angekündigten Modellregionen für Inklusion in Kärnten, der Steiermark und Tirol sind für ihn "ein Hohn, weil es dafür keine zusätzlichen Gelder gibt".

So wie Kimberger nennt er als Vorbilder die skandinavischen Länder und Südtirol. So wie dort fordert Walser für behinderte Kinder auch in Österreich ein "gesetzlich verankertes Recht, im Heimatschulsprengel mit geeigneten Mitteln unterrichtet zu werden".

Wichtig ist ihm auch: "Es muss Schluss sein mit der Verunsicherung von Sonderschullehrkräften, wir brauchen künftig mehr und nicht weniger von ihnen."

Langer Weg zur Inklusion

Das sieht auch die Lebenshilfe Österreich so: "Die Kompetenz der Sonderschulpädagogen wird weiter benötigt, aber wir sind gegen exklusive Settings", sagt Generalsekretär Albert Brandstätter. Die größte Interessenvertretung für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in Österreich vertrete in der Frage "grundsätzlich die Maximalposition. Das Ziel muss sein: Keine Sonderschulen mehr. Alle Kinder sollten gemeinsam mit entsprechender Unterstützung in Regelschulen unterrichtet werden, weil es wichtig ist, dass sie Kontakte mit möglichst vielen unterschiedlichen Gleichaltrigen haben. Es ist natürlich ein langer Weg dorthin."

Er stimme Kimberger zu, dass Inklusion ohne genug Ressourcen (Stützpersonal, Schulassistenz) und Adaptionen wie Barrierefreiheit nicht funktioniere: "Man darf es nicht naiv angehen. Es braucht natürlich große Investitionen."

Legitime Elternängste

Bis dahin verstehe er auch die "legitimen Ängste" vieler Eltern von Kindern mit Behinderungen: "Es ist schon eine Herausforderung an das Schulsystem – aber auch an die gesamte Gesellschaft." (Lisa Nimmervoll, 24.1.2017)

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