Frankreichs Sozialisten rücken bei der Vorwahl nach links

23. Jänner 2017, 16:35
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Der französische Linkssozialist Benoît Hamon schiebt sich bei der parteiinternen Vorwahl vor den bisherigen Favoriten Manuel Valls

Er hat etwas von einem Hobbit: Mit großen Ohren und kleiner Statur, einem sanften, aber unbeugsamen Wesen wirkt Benoît Hamon stets etwas fehl am Platz im Scheinwerferlicht. TV-Auftritte mit perfekt sitzender Krawatte sind nicht seine Sache. Am Sonntagabend, als der 49-jährige Bretone überraschend den ersten Durchgang der sozialistischen Primärwahlen gewonnen hatte, musste er sich zwischen Türrahmen und Leibwächtern durchzwängen, um überhaupt auf das Rednerpodest zu gelangen. Dort sichtete er mit nervösen Fingern seinen Zettelsalat, um lehrerhaft seine sozialen wie ökologischen Prioritäten aufzuzählen: ein Grundeinkommen für alle und eine Energiewende mit Abkehr vom französischen Atomkurs.

Im Wahlkampf hatte Hamon klargemacht, dass er die "neue Linke" in Frankreich verkörpern will – wie Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in England oder Podemos in Spanien. Der frühere Bildungsminister ist ein "Frondeur" (Rebell) vom linken Flügel der Parti Socialiste. Erbittert bekämpfte er zuletzt das liberalisierte Arbeitsrecht, das die Regierung von Präsident François Hollande und dem damaligen Premier Manuel Valls über die Köpfe der Parlamentarier hinweg in Kraft gesetzt hatte.

Manuel Valls als Herausforderer

Valls warf Hamon 2014 zusammen mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg aus der Regierung: Zu illoyal erschienen ihm die beiden Widerspenstigen vom linken Parteiflügel.

Jetzt treffen sich der Entlassene und der ehemalige Boss zum Duell: Hamon hat sich am Sonntag mit 36 Prozent der Stimmen für das Finale der parteiinternen Vorwahl qualifiziert, Valls mit 31 Prozent. Und der unscheinbare Frondeur ist plötzlich der Favorit auf den Antritt bei der Wahl Ende April. Der medienversierte Politprofi Valls sieht sich zum Herausforderer degradiert.

Der Komfort der Opposition

Der Expremier ist noch am Wochenende zum Angriff übergegangen: Das von Hamon geforderte Grundeinkommen sei schlicht unfinanzierbar, sagte er, um sich als Vertreter der "republikanischen Ordnung und der Autorität des Staates" gegen die Terrordrohung zu präsentieren. Und während die radikale Linke – gemeint waren gerade Hamons Vorbilder Sanders oder Corbyn – den "Komfort der Opposition" vorzöge, wolle er die Präsidentenwahlen wirklich gewinnen und Regierungsverantwortung ausüben.

Hamon reagiert unaufgeregt. "Wir müssen von den alten Rezepten und Methoden wegkommen, wir müssen neue Wege gehen", konterte er vor seinen Fans in einer plötzlich viel zu eng gewordenen Wahlkampfzentrale in Paris.

Unterstützung für Hamon

Ganz anders war die Stimmung in Valls' Hauptquartier: Obwohl der im Dezember zurückgetretene Regierungschef den Einzug ins Primärwahlfinale geschafft hat, machen seine Anhänger lange Gesichter. Denn Montebourg, der 18 Prozent erhalten hat, ruft zur Wahl Hamons auf. Valls wird größte Mühe haben, die Nominierung noch zu erhalten. Denn rein rechnerisch kommt Hamon schon allein mit den Stimmen Montebourgs auf 54 Prozent.

Aber so klar ist das Rennen nicht. In ersten Wahlgängen stimmen französische Sozialisten meist mit dem "Herzen", wie es heißt, in der Endrunde aber mit der "Vernunft". Die geringe Wahlbeteiligung im ersten Durchgang – nur 1,5 Millionen Abstimmende bemühten sich in die 7300 Wahllokale – lässt die Analysten annehmen, dass viele Sozialisten des pragmatischen Flügels am Sonntag noch zu Hause blieben.

Liebäugeln mit Macron

Die Frage ist allerdings, warum. Glauben sie schon nicht mehr an den Sieg eines sozialliberalen Kandidaten wie Valls? Gegen diesen Defätismus stellte sich der Expremier am Sonntagabend: Ein linker Sieg bei der Präsidentenwahl sei in Trump- und Putin-Zeiten nötig, und er halte ihn auch für möglich, rief er dramatisch aus.

Aber es gibt auch eine andere Annahme: Bleiben die Realosozialisten am kommenden Sonntag vielleicht zu Hause, weil sie auf ein anderes Pferd setzen? Viele liebäugeln mit Emmanuel Macron, dem abtrünnigen Exwirtschaftsminister, der nicht an der Vorausscheidung der Sozialisten teilnimmt. Der linke Exbanker will im April unabhängig von jeder Urwahl ins Präsidentschaftsrennen steigen. Und laut Umfragen ist Macron am ehesten von allen Linkskandidaten in der Lage, den Rechtskandidaten François Fillon und Marine Le Pen gefährlich zu werden. Hamon und Valls sind dagegen abgeschlagen. (Stefan Brändle aus Paris, 23.1.2017)

  • Scheinwerferlicht ist nicht die liebste Umgebung des Benoît Hamon. Bei der Vorwahl der französischen Sozialisten siegte er dennoch klar.
    foto: ap / kamil zihnioglu

    Scheinwerferlicht ist nicht die liebste Umgebung des Benoît Hamon. Bei der Vorwahl der französischen Sozialisten siegte er dennoch klar.

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