"Resident Evil 7" im Test: Horrorspiel-Triumph und Killerapp für VR

    Rezension23. Jänner 2017, 17:00
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    Capcom erfindet mit dem besten Genrewerk seit Jahren seine namhafte Videospielserie neu

    Die Kunst der großen Horrormeister liegt nicht im Schockmoment, sondern darin, dem Publikum die Angst davor einzuflößen. Und wer auszieht, um exakt diese Art des Fürchtens zu lernen, tut gut daran, zur dämonischen Familie Baker ins fiktive Louisiana zu reisen. Denn so perfekt hat dieses wunderbar schaurige Gefühl schon lange kein Genrewerk mehr erzeugt, wie das eben erschienene Resident Evil 7: Biohazard. Gleichzeitig ist diese als Fortsetzung getarnte Neuinterpretation der populären Horrorspielserie die erste, wortwörtliche Killerapp für Virtual-Reality-Systeme. Zumindest für all jene, die sich trauen.

    Mut bewiesen vor allem aber Director Koshi Nakanishi und Autor Richard Pearsey. Über zwei Jahrzehnte hatte sich die Serie mit Dutzenden Ablegern zunehmend vom Horrorspiel zum Zombieshooter entwickelt, bis man schlussendlich in einer kreativen Sackgasse angelangt war. Eine Zäsur, die zur Conclusio führte, zu den Wurzeln zurückzukehren und dabei jedoch alte Konventionen ad acta zu legen.

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    Gameplay von den ersten Stunden in "Resident Evil 7"

    Holzvertäfelter Albtraum

    Als Protagonist Ethan Winters folgt man dem Hilferuf der verschollenen Ehefrau Mia in ein heruntergekommenes Anwesen inmitten der schwülen Südstaatenhitze. Allein und unwissend tappt man durch die abgefuckten Räume des Hauses, bemerkt verstörende Bilder an den Wänden und ekelt sich vor der vor Maden triefenden Küche. Die Balken biegen sich unter den Füßen, Grillen zirpen, der Wind schlägt gegen das Fenster. Eine Tür schlägt zu. Schritte in der Ferne. Die Erkenntnis, dass man doch nicht allein hier ist.

    Erstmals aus der Ich-Perspektive erfährt man zudem am eigenen Leib, dass man von den Geistern des Hauses nicht erwünscht ist, und sieht sich schon bald mit dessen blutrünstigen Bewohnern konfrontiert. Aus der Rettungsaktion wird eine Überlebensmission. Eingeschlossen in einem holzvertäfelten Albtraum gilt es, Mia aus den Fängen dieser kannibalischen Monster zu befreien und den Weg nach draußen zu finden.

    Escape the room

    Es entfaltet sich eine nervenzerreißende, mit Gedärmen und Schießpulver verfeinerte Hommage an "Escape the room"-Spiele, in der der Tod hinter jeder Ecke lauern kann. Ressourcen und Waffen sind spärlich gesät, ausgefeilte Mechaniken versperren Geheimtüren und der Weg zum nächsten wichtigen Hinweis führt nur durch den bitter-dunklen Keller.

    Nakanishis Team schaffte es auf exzellente Weise, die herausfordernden Kernmechaniken der Serie mit einer modernen, fotorealistischen Vision eines Geisterhauses zu verschränken, dessen Architektur an die genial in sich verschränkten Levellabyrinthe der Dark Souls-Reihe erinnert. Nur in Saferooms kann gespeichert werden, der knappe Inventarplatz zwingt dazu, immer nur das Notwendigste mitzunehmen und sich auf einzelne Ziele zu fokussieren. Jede Patrone zählt, genau wie jede Wurzel und jede Chemikalie, die man zum Heiltrank oder zur Säure zusammenmischt.

    Konfrontation mit Ängsten

    Es sind in Summe nicht viele Gegner, doch jeder Einzelne stellt eine Gefahr dar, was die Konfrontationen umso bemerkenswerter macht. Man hat Zeit, über Rätsel nachzudenken, die verwüsteten Räume nach Gegenständen abzusuchen, doch man weiß, dass man sich nicht vor seinen Ängsten drücken kann. Zu klaustrophobisch, zu düster ist die Umgebung, zu schrill, zu erschütternd sind die allgegenwärtigen Geräusche der gewaltvollen Wesen, die man noch nicht sieht.

    Es ist ein Höllentrip, der davon lebt, laufend zu überraschen. Das können natürlich auch Jumpscares sein, aber vorwiegend ist das dem Verzicht auf Wiederholungen zu verdanken. Umgebungen werden genauso häufig abgewechselt, wie Spielkonzepte. Auf einen knochenharten Endkampf kann eine praktisch gewaltlose Stunde in Form eines Story-Flashbacks folgen, die das Nervengerüst jedoch nicht weniger schont. Und es gibt optionale Räume und Entscheidungen, die allein dafür da sind, zu verunsichern.

    B-Movie-Falle

    Trotz der vielfach brillanten Ansätze stolpert "Resident Evil 7" am Weg zum angsterfüllten Höhepunkt hin und wieder in B-Movie-Klischees hinein. Trotz größter Fluchtbemühungen lassen sich klapprige Türen und spröde Fenster nicht eintreten und bei aller ach so dramatischen Suche nach Hilfe wird selbst ein 2,5 Meter hoher Zaun unüberwindbar. Man kann das gewiss alles rechtfertigen mit dem Bedürfnis, seine Kumpanen nicht im Stich lassen zu wollen, doch wirklich sauber ist das bei aller authentischer Atmosphäre nicht.

    Den vielleicht größten Fehltritt begehen die ambitionierten Schöpfer jedoch gegen Ende, als man glaubt, den videospielenden Höhepunkt mit der althergebrachten Multiplikation von Widersachern zu steigern. Ein verkraftbares Übel, aber ein paar vorhersehbare Actionszenen hätten dem sonst so teuflisch unberechenbaren Ganzen gut getan.

    Showcase für VR

    Die Steigerungsstufe dieser permanenten Unruhe ist nur noch durch die Nutzung eines Virtual-Reality-Headsets (in dem Fall Playstation VR) zu erreichen. Komplett umgeben von dieser Schreckenswelt, werden alle Eindrücke weit intensiver und die Möglichkeit, sich tatsächlich mit dem Kopf umzusehen, erlaubt es, die Kulissen im Detail zu studieren. Überdies genießt man trotz geringerer Auflösung mechanische Vorteile, wie das präzise Zielen per Kopfbewegung und die ziemlich gruselige Freiheit, um Ecken spähen zu können. Das Erlebnis profitiert nicht zuletzt von der relativ langsamen Spielweise und auch von den vielen Optionen, die VR-Nutzung zur besseren Verträglichkeit anzupassen.

    Einstellungen, die man in jedem Fall ausprobieren sollte, da nicht alle Menschen die Bewegungen gleich gut vertragen. In meinem zwölfstündigen Testlauf bekam mir die Kombination aus Headtracking und Analogstick-Kamerarotation in 30- oder 45-Grad-Schritten am besten. Es bedarf etwas Eingewöhnungszeit, bis man weiß, wie man die Kamera mit dem Stick so steuert, dass es einem angenehm ist. Doch ist man einmal drin, gibt es kein Zurück mehr.

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    PlayStation VR-Gameplay von "Resident Evil 7"

    Fazit

    Wenn der Tod hinter jeder Ecke lauert, fällt es schwer, Prognosen abzugeben. Doch mit seinem markerschütternden Genremix wird Resident Evil 7 für viele das beste Horrorspiel seit Jahren sein und der absolute Höhepunkt einer nicht immer glanzvollen Serie. Auf der perfiden Klaviatur der Schreckenskunst trifft es fast jeden bittersüßen Ton. Und wer bislang nicht an die Macht von Virtual-Reality glaubte: Hier ist die erste Killerapp, die am Herzinfarkt schrammend vom Gegenteil überzeugt. (Zsolt Wilhelm, 23.1.12017)

    "Resident Evil 7: Biohazard" erscheint am 24. Jänner für PC, Xbox One und PlayStation 4 und ist mit PlayStation VR kompatibel. Ab 18 Jahren.

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