"Eine Italienische Nacht": Nelken, Kornblumen und Glitzerpumps

    23. Jänner 2017, 14:48
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    Ödön von Horváths Stück im Wiener Theater Scala

    Wien – Die Gastgartenzeit kommt zwar erst, aber das Wiener Theater Scala hat sich schon jetzt in ein nettes Gartenlokal verwandelt. Sitzreihen wichen hölzernen Tischgruppen, Girlanden und Lichterketten spannen sich über die Bühne. Wirt Josef Lehninger (Karl-Maria Kinsky) hilft persönlich bei der Platzzuweisung.

    Während des Einlasses tagt schon der sozialdemokratische Stammtisch beim Kartenspiel, das Publikum wird sogleich zu teilnehmenden Genossen. Alles steckt in den Vorbereitungen für die "italienische Nacht". Getrübt sind diese durch ein Treffen Rechtsradikaler, das ebenfalls hier stattfinden soll. Man empört sich, doch eine wirkliche Rolle spielt es nicht. Rote Nelken werden gegen blaue Kornblumen getauscht. Eine Feier ist eine Feier.

    Bruno Max hat Ödön von Horváths Eine Italienische Nacht hochaktuell, bis in die Nebenschauplätze detailverliebt und mit klarer politischer Aussage inszeniert. Dafür musste er das 1931 erschienene Stück kaum aktualisieren.

    Am "politischen Strich"

    Stadtrat Ammetsberger (Georg Kusztrich) hat nurmehr einen klaren Standpunkt, wenn es um seine Frau Adele (Christina Saginth) geht. Politisch dümpelt er schon länger auf unklaren Parolen dahin, stets im Kreise seiner Vorstandsmitglieder Kranz (Christoph Prückner), Betz (Bernie Feit) und Gender-Verfechterin Engelbert (Marion Rottenhofer). Der von seiner Partei enttäuschte Martin (Wolfgang Fahrner) spielt sich zum Anführer der Linken auf und schickt für seine Ideale seine Freundin Anna (Claudia Waldherr) auf den "politischen Strich": Heimatlich verkleidet mit Dirndl und Glitzerpumps bandelt sie mit einem Neonazi (Helmut Frauenlob) an, um Informationen über die Gruppierung rund um den Kameradschaftsführer mit markantem kärntnerischem Idiom (Leopold Selinger) herauszukriegen.

    Fanatismus läuft eben in beide Richtungen. Darum schlüpfen auch die Darsteller der Rechtsradikalen kurz darauf in die Rollen von Martins Genossen. Künstler Karl (Thomas Marchart) ist dem linken Lager zugetan, jedoch "auch in erotischer Hinsicht politisch toleranter", weshalb er sich auf die politisch uninteressierte Kellnerin Leni (Jacqueline Rehak) einlässt.

    Ein tolles Ensemble mit ausgezeichneter Gruppendynamik trifft auf ein 86 Jahre altes Stück von erschreckender politischer Aktualität. Empfehlung! (Katharina Stöger, 23.1.2017)

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