Was gegen Narben hilft

24. Jänner 2017, 08:00
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Narben lassen sich zwar nicht entfernen, doch in den meisten Fällen korrigieren – selbst noch nach Jahren

Wien – Die Küche ist ein gefährlicher Ort. Rund ein Drittel aller Haushaltsunfälle passiert dort. Der Garten gilt ebenfalls als gefährliches Pflaster, vor allem für Kinder unter zehn Jahren. Während der Nachwuchs vor allem Schürf- und Platzwunden davonträgt, sind es bei Erwachsenen am häufigsten Schnittverletzungen durch Glasscherben und scharfe Messer.

Doch nicht nur Unfälle hinterlassen als Narben bleibende Spuren auf der Haut – auch Akne oder chirurgische Eingriffe können sich in das größte Organ des Menschen einschreiben. Bei jungen Menschen stärker als bei älteren, weil der Körper beschädigtes Gewebe im Alter langsamer und zurückhaltender wieder aufbaut.

Narben sind minderwertiges, wenig elastisches und zellarmes Ersatzgewebe: Talg- und Schweißdrüsen fehlen genauso wie Haarwurzeln. Ohne Sonnenschutz reagieren frische Narben außerdem empfindlich auf UV-Strahlung. Das Ergebnis: Pigmentstörungen. Generell gilt: Je schlechter die Wunde abheilt, desto markanter die Narbenbildung.

Je tiefer, desto schlechter

Im besten Fall bleiben Verletzungen als blasse, unscheinbare Striche sichtbar. Sie können aber auch wulstig, rot bis blau gefärbt sein, jucken, stark ziehen oder brennen. Nicht zu vergessen die mögliche psychisch Belastung – etwa wenn sich Betroffene dadurch entstellt und unattraktiv fühlen.

"Am häufigsten lassen Menschen ihre Narben behandeln, weil sie weh tun, als kosmetisches Problem empfunden werden oder das neugebildete Gewebe plötzlich beginnt die körperliche Beweglichkeit einzuschränken", erklärt Lars-Peter Kamolz von der Universitätsklinik Graz. Lassen sich Finger und andere Extremitäten wegen verkürzter Narben nicht mehr wie gewohnt bewegen, ist eine Korrektur unverzichtbar, betont der Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie.

Sichtbare Wundmale entstehen, sobald das Gewebe bis in die Lederhaut – oder tiefer – verletzt wird. Narbenfrei hingegen bleiben Schürfwunden der Oberhaut. Wie auffällig sich eine Narbe ausbildet, hängt von vielen Faktoren ab. "Wenn Narben etwa aufgrund von starken Entzündungen entstehen – wie etwa bei Akne –, ist es wichtig, rasch mit einer entzündungshemmenden, medikamentösen Therapie zu beginnen", erklärt Elke Janig, Molekularbiologin und Dermatologin am Kuzbari-Zentrum für ästhetische Medizin in Wien.

Auch der Juckreiz bei Windpocken sollte möglichst rasch unterdrückt werden, damit sich Kinder nicht aufkratzen. Nach Entzündungen bilden sich beim Heilungsprozess gewebezerschneidende Enzyme: Übersteigen die Gewebeabbaufaktoren die Neubildungsfaktoren, entstehen sogenannte atrophe, also eingesunkene Narben, wie sie bei Akne oder Windpocken typisch sind. Rund 70 Prozent aller Aknepatienten haben meist eingesunkene Narben. Die gute Nachricht: Sie lassen sich der Dermatologin zufolge mit CO2-Lasern gut einebnen.

Mit Druck gegen Wucherungen

Nach der ersten Schnellheilung der Wunde beginnt ein Umbauprozess im Gewebe. Besteht zwischen diesem und dem vorangegangenen Gewebeaufbau ein Ungleichgewicht, entstehen atrophe (eingesenkte) oder hypertrophe (überzogen) Narben. Überwiegen etwa die Wachstumsfaktoren, können sich sogar keloidförmige Narben bilden, also gutartige bindegewebige Hautwülste, die über den ursprünglichen Wundbereich stark hinausreichen.

Die Therapiemöglichkeiten bei hypertrophen Narben und Keloiden sind grundsätzlich gleich, erklärt Dermatologin Janig: "In beiden Fällen zählen Kortisoninjektionen in die Narbe als Behandlung erster Wahl. Dadurch werden Blutgefäße verengt, die überschießende Gewebeproduktion gestoppt und Entzündungen gehemmt."

Die Kortisontherapie, die nichts mit dem Schmieren von Kortisoncremes zu tun hat, kann mit einer Druckbehandlung kombiniert werden, wie sie vor allem nach großflächigen Verbrennungen angewendet wird. Dabei erhalten Patienten maßgeschneiderte Kompressionsverbände, die Wucherungen ausbremsen.

Heilung selbst beeinflussen

Auch der chirurgische Schnitt bei einer Operation kann die Beschaffenheit einer Narbe prägen: "Plastische Chirurgen achten darauf, entlang von Hautspannungslinien zu schneiden, um die Wundränder möglichst spannungsfrei zu verschließen", betont Chirurg Lars-Peter Kamolz. Janig ergänzt: "Der Wundverschluss sollte keinem Zug ausgesetzt sein, was an Rücken, Dekolletee oder an den Oberarmen schwieriger ist. Daher bilden sich hier oft auffälligere Narben."

Betroffene selbst können die Abheilung ebenfalls positiv beeinflussen, wenn sie aufs Rauchen verzichten, keinen Sport treiben, nicht fasten und kein Wasser auf die Wunde kommen lassen, um Brutstätten für Bakterien zu vermeiden. Als wirksame Selbsttherapie haben sich außerdem in Studien selbstanwendbare Silikon-Gelfolien oder Silikongels erwiesen.

"Dabei kommt es zu einem okklusiven, also abdichtenden Effekt. Wenn Pflaster oder Gels zwölf bis 24 Stunden pro Tag auf der Haut bleiben – und das mindestens ein halbes Jahr lang bis hin zu zwei Jahren –, verliert die Haut wenig Wasser und schafft so ein perfektes Milieu zum Abheilen. Wird die Silikontherapie aber nicht täglich angewendet, bringt sie nichts", warnt Janig.

Umstrittene Wirkung von Zwiebelextrakt

Die Wirksamkeit von Gels, die auf Zwiebelextrakt (Extractum cepae) basieren, ist allerdings umstritten – auch wenn sie in Apotheken für die Behandlung von Narben angeboten werden. Als Alternative empfiehlt Kamolz, zur kostengünstigeren Ringelblumensalbe zu greifen, die Narben geschmeidig hält. Hilfreich sind auch tägliche zarte Massagen des Narbengewebes.

Welche Therapie zielführend sein kann, unterscheidet sich von Patient zu Patient. Wie lange es dauert, bis die individuelle Narbenheilung abgeschlossen ist, hängt auch von der Tiefe der Wunde ab. Umbauprozesse von zwei Jahren sind durchaus möglich, erst dann erreicht die Narbe ihre endgültige Beschaffenheit. Die gute Nachricht: Selbst nach Jahren lässt sich die Vernarbung noch korrigieren. (Sandra Nigischer, 24.1.2017)

  • Nach einer OP müssen die Wundränder möglichst spannungsfrei verschlossen werden.
    foto: istock

    Nach einer OP müssen die Wundränder möglichst spannungsfrei verschlossen werden.

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