ATV zu ProSiebenSat1Puls4: Die Daten zum TV-Deal – und was bei Fellner alles ging

23. Jänner 2017, 07:00
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Etat-Wochenschau: Koalitionsgespräche zu neuer Medienförderung geplant

Wien – Die Übernahme von ATV durch ProSiebenSat1 auf den letzten Metern vor der Medienbehörde – die Etat-Wochenschau liefert die wichtigsten Daten zum Deal. Ein über kartellrechtliche "No-Gos" aufgebrachtes Fellner-Medium namens "Österreich" – Herausgeber Wolfgang Fellner weiß von der "Formil"-Megafusion der Magazinkonzerne, was alles geht. Die nächsten Koalitionsgespräche über eine neue Presseförderung. Und: Armin Wolf liest Karl May. Hier geht's zur Wochen(vor)schau:

"Kartellrechtliches No-Go"

Da bockte der Gärtner: Wolfgang Fellners "Österreich" warnt höchst erregt bis entsetzt vor der in den nächsten Tagen anstehenden ATV-Übernahme durch ProSiebenSat1. Die Österreich-Tochter des deutschen Fernsehriesen käme mit ATV und ATV 2 auf "deutlich über 35 Prozent". Der "Politik-Insider" ohne Namen schreibt in "Österreich": "Normalerweise wäre das ein kartellrechtliches No-Go."

Ein kartellrechtliches No-Go: Das dachten Wettbewerbsrechtler und andere Juristen von der zuständigen Kartellrichterin bis hinauf zum Justizminister, die übrigen Zeitungsverleger und Magazinmacher – und der eine oder andere Hausverstand auch in den Jahren 2000/2001 – von einer Magazinfusion namens Formil.

foto: red / repro "österreich"
"Empörung über Mega-TV-Deal" bei "Österreich" am Sonntag.

Schlag nach bei Formil

  • Verlagsgruppe News und Kurier-Magazine hatten damals im Magazinwerbemarkt 60 Prozent Brutto-Marktanteil. Doch die Fusionswerber schafften es, das Kartellgericht zu täuschen und mit beeindruckender Rechenakrobatik bis auf 17 Prozent herunterzurechnen.
  • Im Lesermarkt hatte schon die Verlagsgruppe News eine kumulierte Reichweite von 48 Prozent – und mit "Profil", "Trend" und den übrigen Kurier-Magazinen wurden es 59 Prozent. Ein "kartellrechtliches No-Go" für das Formil-Urteil, das dem Zusammenschluss aber dennoch zustimmte – wohl unter Druck der und auf die Laienrichter im Senat.
  • Alle drei aktuellen politischen Magazine kamen damals unter ein Dach – "Profil", "Format" und "News". Kartellgerichte haben auch auf Medienvielfalt zu achten, und die meint auch Eigentümervielfalt – das Kartellgericht stimmte dennoch zu, siehe oben.
  • Ein fixfertiger Rekurs des zunächst wild entschlossenen damaligen Justizministers Dieter Böhmdorfer (FPÖ) wurde nach einem Besuch Wolfgang Fellners bei der damaligen Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (FPÖ) und dem FP-Klubchef Peter Westenthaler doch nicht erhoben. Der Rekurs beschreibt minutiös alle Fehler und Täuschungen.

"Regelrecht vom Markt kaufen"

Der Politik-Insider in "Österreich" beklagt nun, dass ProSiebenSat1Puls4 mit ATV einen Konkurrenten "regelrecht vom Markt kauft" – so tat die Verlagsgruppe News das 2001 mit "Profil". ATV schreibe massive Verluste, der Käufer würde deshalb Redaktion, Werbevermarktung und andere Bereiche auflösen und mit Puls 4 fusionieren. So ähnlich tat das die News-Gruppe mit den Kurier-Magazinen (nur die Profil-Redaktionsgesellschaft musste laut Kartellurteil beim Kurier bleiben). Und der "Insider" schreibt einem "hochrangigen Regierungsmitglied" diese Worte zu: "Wenn dieser Kauf durchgeht, können wir das Kartellrecht abschaffen. Bei den Casinos streitet die Wettbewerbsbehörde um jede Kleinigkeit – und diesen Wahnsinns-Deal soll sie durchlassen? Das ist absolut unvorstellbar."

Das hätte noch viel besser zur "Formil"-Fusion der Fellners gepasst. Im Fernsehmarkt gibt es noch den ähnlich großen Player ORF und die nicht gerade kleine RTL-Vermarkterin IP – mehr dazu unten bei den Daten. Der größte Konkurrent der News-Gruppe nach der Magazinfusion hatte etwa ein Viertel ihres Umsatzes.

Unvorstellbar scheint eine Zustimmung der Wettbewerbsbehörde übrigens nicht: Nach STANDARD-Infos verhandeln die Player schon seit Monaten über mögliche Auflagen und Bedingungen für den Kauf. Die Behörde könnte etwa Mindestanteile für ATV-Eigenproduktionen vorschreiben, heißt es unter den Verhandlern.

Und ProSiebenSat1Puls4 bemüht sich auch nach der Liveübertragung der Rede zu seinem "Plan A" in Wels sichtlich sehr um Kanzler Christian Kern.

ProSieben, ATV und Co: Der Markt-Stand

Wie groß sind ProSiebenSat1Puls4 und ATV nun?

Der Zuschauer-Marktanteil Laut Arbeitsgemeinschaft Teletest hatten die Sender von ProSiebenSat1Puls4 2016 einen gemeinsamen TV-Marktanteil beim Gesamtpublikum ab 12 Jahren von 16,8 Prozent. ATV und ATV 2 kamen hier auf zusammen 3,1 Prozent. Der ORF meldete für seine vier Sender hier einen Marktanteil von 35,1 Prozent im Jahresschnitt 2016.

Die TV-Kanäle von ProSiebenSat1Puls4 mit österreichischer Werbung haben noch etwas weniger Marktanteil – ein Teil der Österreicher sieht die deutschen Versionen mit deutscher Werbung (und ohne österreichische Programmfenster). Die vermarktbaren Österreich-Versionen haben nach früheren Angaben von ProSiebenSat1Puls4 auf STANDARD-Anfrage zusammen 15,3 Prozent Marktanteil.

Für 2015 liegen mir mehr Daten vor, auch über die Werbezielgruppe der Zwölf- bis 29-jährigen und über das junge Publikum zwischen zwölf und 29. Gesamtmarktanteil 2015 ab zwölf Jahren: 17,1 Prozent, vermarktbar 15,6 Prozent. ATV und ATV2 kamen 2015 auf zusammen 3,3 Prozent beim Gesamtpublikum. ORF-Sender: 35,3 Prozent.

In der Werbezielgruppe sah es 2015 so aus (vermarktbare Marktanteile):

Beim jungen Publikum zwischen zwölf und 29 Jahren sah es 2015 so aus – hier kommen ATV und ProSiebenSat1 jedenfalls über 30 Prozent Marktanteil:

Der TV-Werbemarkt

Nach Bruttowerbevolumen laut Focus (Daten aus 2015, 2016 war bei Erscheinen noch nicht komplett ausgewertet) haben ProSiebenSat1Puls4 (hier ausgewiesen als Sevenone) und ATV zusammen deutlich über 30 Prozent Marktanteil:

Die Focus-Daten geben TV-Werbezeit multipliziert mit den offiziellen Werbetarifen an, Rabatte, Sonderkonditionen, Bonus-Spots und ähnliche Angebote sind da nicht abgezogen.

Die Netto-Umsätze

ATV, ausgewiesen mit 71 Bruttomillionen, wies zuletzt laut Firmenbuch rund 34 Millionen realen Umsatz aus. ProSiebenSat1Puls4, ausgewiesen mit 370 Millionen brutto, setzt laut Firmenbuch rund 140 Millionen Euro (inklusive etwa Online-Vermarktung) um. Die RTL-Vermarkterin IP dürfte auf 105 bis 110 Millionen Euro realen Umsatz kommen, Focus weist ihr 222 Millionen brutto zu. Der ORF nahm 2015 mit klassischer TV-Werbung real rund 140 Millionen Euro ein – sein Bruttowert lag für dieses Jahr bei 284 Millionen.

Sehr grob überschlagen (und bei ProSiebenSat1Puls4 wie IP und ATV mit allen Umsätzen gerechnet, kommt man hier auf Marktanteile von je 31 Prozent für ProSiebenSat1Puls4 und ORF. Mit ATV würde sich ProSiebenSat1Puls4 Richtung 39 Prozent Werbemarktanteil bewegen.

Etwas einfacher hätten es wohl die "Krone" beziehungsweise die Mediaprint vor der Wettbewerbsbehörde, auch wenn ihr 50 Prozent an der österreichischen RTL-Vermarkterin IP gehören. Ein weiterer Anlauf der "Krone" am Kitzbühel-Wochenende Richtung ATV scheint keine entscheidende Wendung gebracht zu haben. Nun liegt der Ball definitiv bei der Bundeswettbewerbsbehörde – die nach Infos von Verhandlern noch im Jänner entscheiden will. Die nächsten Tage dürften die Telefone dort recht häufig klingeln.

Was ist ATV wert?

Was ist ATV eigentlich wert – jedenfalls ProSiebenSat1Puls4 oder auch der "Krone"? Kolportiert werden 20 bis 25 Millionen Euro für den Sender, der seit Gründung noch keine schwarzen Zahlen geschrieben hat und seit 2008 mit nur einer einstelligen Ausnahme 2011 stets zweistellige Verluste zwischen 10 und 20 Millionen Euro schrieb.

Medienförderung

Um etwa soviel Geld – 15 bis 20, vielleicht 25 Millionen statt zuletzt 8, 5 Millionen – geht es diese Woche auch bei zwei anderen Herren: Medienminister Thomas Drozda und ÖVP-Mediensprecher Werner Amon wollten sich diese Woche wieder einmal zusammensetzen, um mit der geplanten Medienförderung weiterzukommen. Drozda wollte nach früheren Ankündigungen noch im Jänner eine Punktation dazu vorlegen. Auch seine Telefone werden die nächsten Tage munter klingeln. Bleiben Sie dran.

Nachtrag

Was hat es jetzt mit Armin Wolf und Karl May auf sich? Infos dazu wurden eingangs versprochen und in einer Erstversion des Artikels nicht ganz gehalten. Aber jetzt: Wolf ist Mitglied der der "Karl May-Boygroup", die am 26. Jänner im Wiener Rabenhof auftritt. Neben Wolf wollen Thomas Glavinic, Thomas Maurer, Guido Tartarotti "in den bizarren Kosmos des Abenteuerschriftstellers", entführen. "Ein Abend für Anfänger und Fortgeschrittene, von "Apache" bis "Zounds"!" heißt es in der Ankündigung. (Harald Fidler, 23.1.2017)

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