Rupert Henning: "Bin sehr verknallt in Eisner und Fellner"

21. Jänner 2017, 10:00
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Ein Jüngling kündigt den Mord an seinen Eltern auf sozialen Medien an. Wie er auf so eine Idee kommt, erklärt der Autor der "Tatort"-Folge "Schock", zu sehen am Sonntag

STANDARD: Ein junger Mann entführt seine Eltern und droht über soziale Medien mit deren Ermordung. Dahinter steckt ein linksanarchistisches Netzwerk. Wie kommt man auf so eine Idee?

Henning: Dem Fall liegt die Nachricht von Robert Steinhäuser zugrunde, der 2002 in Erfurt mehr als zehn Menschen inklusive sich selbst umbrachte. Diese "school shootings" beschäftigten mich sehr. Meine Frau (Mercedes Echerer, Anm.) war zu der Zeit Mitglied im Europaparlament, wir diskutierten viel darüber. Ich fragte mich, was jemanden dazu bringt, so etwas zu tun.

foto: apa/herbert neubauer

STANDARD: Wozu braucht es aber dieses anarchistische Netzwerk?

Henning: Das steht nur vermeintlich dahinter. Der junge Mensch hat sein Leben, seine schulische, studentische Karriere und will dieses System kritisieren. Dazu steht er im Diskurs mit einer Wissenschafterin. Die ist ein bissl "frustriert", weil sie merkt, dass sie noch so viele Vorträge halten kann, aber letztendlich ändert sich nix. Er beschließt etwas zu tun, was größtmögliche Aufmerksamkeit erzielt: Wir tun etwas scheinbar vollkommen Sinnloses. Stellen Sie sich vor, der Bub von Stephen Hawking sagt plötzlich: Ich bringe jetzt meinen Vater um ...

STANDARD: Macht es keinen Unterschied, ob er das für sich entscheidet oder ob er von einer Organisation gehirngewaschen wurde?

Henning: Aber er hat keine Organisation hinter sich, er hat nur dieses Netzwerk, das er benützt.

STANDARD: Wieso musste es ein linkes Netzwerk sein?

Henning: Im Moment gibt es scheinbar mehr Bedrohungspotenzial von rechts, und das meiste ist politisch oder religiös fundiert. Also sagen wir mal, die RAF gibt es nicht im Moment, und die gewaltbereite linke Szene ist nicht so sehr in der cder Medien, nichtsdestotrotz ist sie existent. Es gibt auch bei Gruppierungen wie Greenpeace Leute, die in irgendeiner Weise wissen, sie müssen Aktionen durchziehen, und sie bewegen sich dadurch in irgendeiner Form in einem semilegalen Raum.

STANDARD: Sahen Sie beim Schreiben Ihre Frau in der Rolle der gefährlichen Wissenschafterin?

Henning: Ja, eindeutig. Es war für mich auch eine Conditio sine qua non, dass Mercedes diese Rolle spielen sollte. Ich bin aber passionierter Antinepotist. Für die 20 Jahre, in denen ich mit Mercedes zusammen bin, brauche ich nicht einmal eine Hand, um aufzuzählen, wie oft ich mit ihr gearbeitet habe. Sie ist Schauspielerin, wenn sie passt für die Rolle, braucht man sie nicht zu bestrafen, nur weil sie meine Frau ist. Ich sehe das sehr nüchtern und habe den größten Respekt vor Schauspielern und dem, was sie tun. Weil sie immer warten müssen. Sie müssen warten, bis jemand sie anruft und fragt, ob sie diese oder jene Rolle spielen wollen. Eine gewisse existenzielle Unsicherheit wird immer bleiben, ich habe sie nicht.

foto: orf/hubert mican

STANDARD: Nicht?

Henning: Nein, scheinbar stinke ich mit meiner Windel, die ich schon sehr früh anhatte. Als Geschichtenerzähler kann ich mir überlegen, was will ich erzählen, und dann mache ich es einfach. Ich habe nicht darauf gewartet, dass irgendjemand etwas von mir will. Das ist ein Erbe meiner kämpferischen Kindheit.

STANDARD: Welche inhaltlichen bzw. stilistischen Elemente dürfen in einem "Tatort" nicht fehlen?

Henning: Hat mir niemand gesagt.

STANDARD: Zum Beispiel, dass einer der Ermittler in den Fall persönlich involviert sein soll.

Henning: Manchmal ist das so, dann wieder nicht. Der Tatort ist vom Genre her ein Krimi, und in einem Krimi muss etwas passieren, das ein anderer aufklärt. Das ist die Regel. Der Wiener Tatort hat eine weitere, nämlich: Die Hauptermittler heißen Moritz Eisner und Bibi Fellner.

foto: orf / hubert mican

STANDARD: Und die Botschaft? Ein "Tatort" braucht eine Aussage über den Zustand der Gesellschaft, oder nicht?

Henning: Hat er eben oft nicht. Oft ist es einfach "nur" ein Krimi. Irgendjemand bringt irgendeinen um, das sagt noch nichts über den Zustand der Menschheit. Ich habe ein Thema, da schauen vielleicht zwölf Millionen an einem Abend, cooler geht's nicht mehr, also versuche ich eine Geschichte zu erzählen, die möglichst relevant ist.

STANDARD: Für welches Team würden Sie gern einen "Tatort" schreiben?

Henning: Batic und Leitmayr, weil die schon so lange dabei sind. Ich bin aber sehr verknallt in Eisner und Fellner. Die haben einen guten Rotz, das ist infektiös im besten Sinn. Da will ich immer wissen, wie es weitergeht. (Doris Priesching, 20.1.2017)

Rupert Henning (49) schrieb 2005 seinen ersten "Tatort". "Schock" liegt sein Theaterstück von 2005 zugrunde.

TV-Tagebuch zum "Tatort": Aufstand der Ausgebildeten

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