Nissan Micra: Achten Sie auf das große V

29. Jänner 2017, 14:27
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Radikaler Kurswechsel Nissans beim Micra. Der Kleinwagenklassiker verabschiedet sich vom Langeweilerdesign

Dubrovnik – In der ersten Phase des 100-jährigen Krieges, im 14. Jahrhundert, dominierten die Engländer die Franzosen, vor allem ihrer Langbogen wegen. Wurde ein Bogenschütze erwischt, hackte man ihm die Zugfinger ab. Zur Verhöhnung hielten den Franzmännern Krieger, die Zeige- und Mittelfinger noch dran hatten, gespreizt entgegen. Daraus wurde das Victory-Zeichen; zumindest laut einem Erzählstrang der Legende.

foto: nissan

So ein V, V wie Siegertyp oder was?, prangt künftig markant im Grill eines jeden Nissans, achten Sie auf das große V. Der Niederlage im Krieg folgte übrigens der erste Brexit, bis auf Calais (englisch bis 1558) zog sich das Königreich vom Kontinent zurück. Eine Folge des jetzigen Brexits: Der Micra wird nicht mehr drüben auf der Insel, in Sunderland, gebaut, sondern im französischen Renault-Werk in Flins. Die Japaner bleiben Sunderland dennoch treu, ja, das Nissan-Werk wird sogar ausgebaut, von dort sollen Kontinentaleuropa viele viele andere Nissans mit Victory-V überschwemmen.

Aus der Micra Mouse

Knutschkugel und Micra Mouse war gestern, künftig soll Micra für Designerware stehen, was in dieser Klasse nicht selbstverständlich ist. Ausgehend vom Marken-V, schwingt das Linienspiel in zackigen Wellen in den Seitenkorpus über und endet in einem Heck, das noch am ehesten als konventionell zu bezeichnen wäre. Es ist der Micra übrigens erstaunlich nahe dran an der vor zwei Jahren auf dem Genfer Salon gezeigten Studie Sway. Wer hätte gedacht, dass die sich das trauen. Andererseits hat Nissan mit dem schrägen, noch extremeren Juke bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt, dass sich progressiver Auftritt durchaus lohnen kann – Toyota versucht jetzt ja auch, mit einem extrem draufgängerisch gestalteten C-HR Kunden zu ködern.

foto: nissan

Neuer Micra also. Innen findet sich das V in der Volant-Südspeiche und in der Mitte als Schalthebelrahmung wieder. Damit wissen wir schon einmal, wo wir uns befinden; notfalls liest man es auch noch im Logo im Lenkrad: Nissan. Der Rest wirkt sauber, aufgeräumt und bedienfreundlich, sogar das Infotainmentsystem.

Hand und Fuß

Zwar hatte schon der brave Vorgänger für seine Größe angemessene Platzverhältnisse geboten, kein Vergleich allerdings mit dem Neuling. So großzügig ging es für die Insassen noch in keinem Micra zu. Gut gut, werden Sie einwenden, der ist dafür auch um 17 Zentimeter gewachsen, auf vier Meter Länge. Und da der Radstand zugleich um acht Zentimeter zugelegt hat, ergeben sich nicht nur oben für die Hände, sondern auch unten für die Füße andere, befreiendere Verhältnisse. Dass der Micra drinnen etwas weniger progressiv wirkt als außen, fällt im Alltag wohl sogar positiv auf.

foto: nissan

Mit den neuen Dimensionen schließt Nissan auf zur Konkurrenz, die sich mehr oder weniger geeinigt hat auf ein Standardmaß von vier Metern plusminus ein bisserl was (wobei man darüber diskutieren könnte, ob man da noch von Kleinwagen reden kann; das wären wohl eher – siehe unten – Micro-Cars à la VW up!, nicht die Micra-Autos). Und es tut sich richtig was in dieser Liga heuer. Der Citroën C3 legt soeben los, Kia Rio und Ford Fiesta gehen ebenfalls in die nächste Runde, desgleichen Suzuki Swift, Seat Ibiza, VW Polo.

foto: nissan

Am Fahrwerk gibt es wenig zu bemängeln, wer es gern komfortabel hat, ist im Micra gut aufgehoben. Mehr erwarten würde man sich vielleicht im Antriebskapitel. Drei Motoren: Zwei Ottos (beides Dreizylinder), ein Diesel (Vierzylinder), dieses Startaufgebot klingt nicht gerade üppig. Immerhin ist der 0,9-Liter-Turbobenziner mit 90 PS ein doch recht lustiges Aggregat, der Diesel mit ebenfalls 90 PS auch (bis auf das Turboloch). Auf dem Getriebesektor sieht es so karg aus wie auf dem Karst hinter Dubrovnik, wo Nissan den Micra präsentierte: Es gibt nur ein manuelles Fünfganggetriebe. Keines mit sechsen. Keines mit Doppelkupplung. Klingt schon weniger progressiv. Okay, eine CVT-Automatik soll heuer noch folgen ... In Summe gilt aber: ganz schön viel Auto im Viermeterformat. Dafür ein großes Siegertyp-V. (Andreas Stockinger, 28.1.2017)

foto: nissan

Nachlese:

Mazda2: Mobilmachung der Leer-Nestler

Ford Fiesta ST200: Günstiger Traumwagen

Citroën C3: Ein kleines Lächeln hat noch keinem geschadet

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Nissan

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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