Handgreiflicher Wahlkampf bei Frankreichs Sozialisten

22. Jänner 2017, 09:00
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Die Ohrfeige eines bretonischen Nationalisten für Präsidentschaftsbewerber Valls widerhallt im linken Vorwahlkampf. Am Sonntag wird abgestimmt

Nolan L. wusste, welchen Weg der hohe Gast aus Paris nehmen würde. Als Manuel Valls das Rathaus von Lamballe in der Nordbretagne verließ und erhobenen Hauptes durch die Zaungäste schritt, schlug Nolan zu und traf die linke Wange des ehemaligen Premierministers. Ein Leibwächter warf sich sogleich auf den Missetäter und brachte ihn rückwärts zu Fall.

Doch es war schon zu spät: Die Ohrfeige war nicht mehr rückgängig zu machen und verbreitete sich, da mehrfach gefilmt, in Windeseile über die Internetkanäle. Lautstark krachte sie in den internen Wahlkampf der Sozialistischen Partei, die am Sonntag ihren Präsidentschaftskandidaten kürt.

Als Favorit in der Defensive

Valls ist einerseits der Favorit seiner Partei – aber auch von allen sieben Kandidaten am meisten in der Defensive. Denn er verkörpert, ob er will oder nicht, die wenig erfreuliche Bilanz der Amtszeit von Präsident François Hollande, dessen Premierminister er seit 2014 war. Die Ohrfeige hatte zwar vorrangig regionalpolitische Motive: Der 18-jährige Arbeitslose Nolan L. – der in einem Schnellverfahren zu drei Monaten bedingter Haft und 105 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde – ist bekannt als Kämpfer für die bretonische Sache und Sprache. Er soll seinen Handschlag für den Pariser Politiker mit den Worten begleitet haben: "Hier ist die Bretagne!"

Doch online meinten viele Linkssympathisanten aus anderen Landesteilen, sie hätten "auch Lust, Valls eine zu kleben". Der Premier zählt zum rechten Flügel seiner Partei und trieb mit seinem umstrittenen Arbeitsrecht schon Hunderttausende auf die Straße. Im aktuellen Wahlkampf bemüht er sich, seine linken Überzeugungen herauszustreichen. Ohne rot zu werden, behauptet er, er befinde sich nicht am Rand, sondern "im Herzen" der Partei.

Nolan L. hat diese Strategie buchstäblich auf einen Schlag zerstört. Unter dem Eindruck der "Erniedrigung" (so die Zeitung "Le Figaro") lässt Valls seinen linken und ohnehin künstlich wirkenden Wohlfühlkurs wieder sein und meint stramm: "Ich bin gegen jede Form von Gewalt, ich verkörpere die Autorität." Wie früher kritisiert er wieder seine Parteigegner zur Linken: "Manchmal akzeptiert man, so auch auf der Linken, gewisse Formen der Gewalt; ich halte das für inakzeptabel."

Auswirkungen unklar

Die ganze Frage ist nun, ob Valls damit in den Reihen der Parti Socialiste eher punkten kann – oder sich im Gegenteil noch unbeliebter machen wird. In den Umfragen haben seine linken Widersacher Benoît Hamon und Arnaud Montebourg fast gleichgezogen mit dem ehemaligen Premier, der so gar nicht von seiner Bekanntheit als Ex-Regierungschef zu profitieren scheint.

So ist völlig offen, wer am Sonntag bei der "primaire de la gauche" (Vorwahl der Linken) vorne liegen wird. Eine Woche später wird der offizielle Kandidat der Sozialisten in einer Stichwahl ermittelt. Bei der eigentlichen Präsidentenwahl Ende April wird er wohl gegen vier starke Gegner antreten müssen – Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon auf der Linken, Marine Le Pen und François Fillon auf der Rechten. (Stefan Brändle aus Paris, 22.1.2017)

  • Ob die Ohrfeige für Manuel Valls und die anschließende Debatte darüber ihm selbst bei der Primärwahl am Sonntag nützen oder schaden, ist noch unklar.
    foto: reuters/robert pratta

    Ob die Ohrfeige für Manuel Valls und die anschließende Debatte darüber ihm selbst bei der Primärwahl am Sonntag nützen oder schaden, ist noch unklar.

  • Bei der Primärwahl der Sozialisten am Sonntag bewerben sich sieben Kandidaten für die Präsidentschaftskandidatur (von links): Jean-Luc Bennahmias, Benoît Hamon, Arnaud Montebourg, Vincent Peillon, Sylvia Pinel, François de Rugy und Manuel Valls.
    foto: apa/afp/joel saget

    Bei der Primärwahl der Sozialisten am Sonntag bewerben sich sieben Kandidaten für die Präsidentschaftskandidatur (von links): Jean-Luc Bennahmias, Benoît Hamon, Arnaud Montebourg, Vincent Peillon, Sylvia Pinel, François de Rugy und Manuel Valls.

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