Wählen lernen kann schmerzen

20. Jänner 2017, 16:03
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In der Demokratiewerkstatt des Parlaments wird Kindern spielerisch der Staat erklärt und nähergebracht – die schönen genauso wie die weniger schönen Seiten der Volksherrschaft

Gesenkte Köpfe, ein Mädchen zuckt mit den Schultern. "Passt schon", murmelt ein Bursche und kratzt sich am Kopf. Ein anderer stampft einmal wütend auf. "Mist", schimpft er, hält sich danach aber gleich schuldbewusst die Hand vor den Mund. Wie so oft nach Stichwahlen – fast die Hälfte der Wählerschaft ist enttäuscht. Aber gut, hilft nichts. Nach vorn schauen. Gespalten ist die 3C deshalb nicht. Wird heute eben eine Zeitung produziert und kein Radiobeitrag gestaltet. "Ist das jetzt in Ordnung für alle, die anders abgestimmt haben?", fragt eine der Betreuerinnen. "Ja", rufen einige. So schlimm ist es doch nicht. So läuft das halt in einer Demokratie.

Ganz neu ist das Konzept den Achtjährigen nicht. Die Schüler einer Volksschule im 17. Bezirk Wiens haben auch bereits bei der Schulsprecherwahl abgestimmt. In der Demokratiewerkstatt des österreichischen Parlaments nehmen sie heute am Kurs zum Thema Partizipation teil. "Meine Meinung zählt!" ist das Motto – aber gemacht wird eben, was die Mehrheit will.

Gerechte Wahl

Auch bei der nächsten Aufgabe: Es geht darum, aus einzelnen Feldern ein großes Spielbrett zu bilden. Doch in welcher Form? "Steeeern", ruft ein Mädchen. "Dreieck", kreischt ein Bursche. "Wäre es fair, jetzt einfach einen Stern oder ein Dreieck zu machen, weil die beiden am lautesten geschrien haben?", fragt eine der Betreuerinnen des Kurses.

Dann spielt sie mit ihrer Kollegin eine Szene vor. Eine setzt sich einen Hut auf und sagt: "Ich fände ein Spielbrett in Form einer Blume schön." "Eine Blume? Leute mit Hut nehme ich nicht ernst", sagt die andere. Die Kinder schauen gebannt zu. Ein Mädchen schreitet vorsichtig ein: "Ich finde eine Blume auch schön", sagt es leise. Die beiden ignorieren den Zwischenruf. "Eine Blume ist eine komische Idee, das kann nur jemandem mit Hut einfallen", triezt die eine die andere weiter.

Schließlich wird aufgelöst, dass das nur ein Spiel war. Dass die beiden zeigen wollten, was ein Vorurteil ist. Dann wird demokratisch zwischen den verschiedenen Formen abgestimmt: Die Mehrheit will ein dreieckiges Spielbrett bauen.

Treffen mit Abgeordneten

Die Parlamentsdirektion bietet Werkstätten zu sechs verschiedenen Themen an. Zielgruppe sind Schüler im Alter zwischen acht und 14 Jahren. Fast an jedem Wochentag kommen zwei Klassen ins Palais Epstein am Ring – gleich neben dem Parlament. Die Schwerpunkte sind die Gesetzwerdung, Medien, Partizipation, die Geschichte der Republik und Europa. Darüber hinaus werden wöchentlich Treffen mit Nationalratsabgeordneten organisiert.

Am Ende der vierstündigen Workshops soll jede Schulklasse eine Zeitung, eine Radiosendung oder einen Kurzfilm gestaltet haben. Eine Gruppe der Volksschulklasse aus dem 17. Bezirk hat sich in einem Artikel und einem Comic mit dem Thema Gleichberechtigung auseinandergesetzt. Edi malt deshalb Mädchen, die Fußball spielen und dafür einen Preis gewonnen haben.

Das Vorurteil "Frauen können nicht Fußball spielen" sei nämlich Quatsch, sind er und seine Mitschülerinnen überzeugt. Eine der Sportlerinnen bekommt rosa Haare, eine andere eine blau eingefärbte Frisur verpasst. "Das sind die komischsten Mädchen, die ich überhaupt je gesehen habe", sagt Edis Sitznachbarin empört. "Nein, die sind nur besonders kess", erklärt die Lehrerin.

Das Mädchen malt derweil einen Buben mit rosa Shirt, lila Hose, einer "Schweinsnase", wie sie sagt, und einem bunten Puppenwagen. Der sei auch gar kein Klischee, sagt die Volksschülerin. Solche Buben seien ihr nämlich schon oft begegnet. (Katharina Mittelstaedt, 21.1.2017)

Markenstreit im Namen der Demokratie

Für Demokratie könne man eigentlich nie genug tun, meinte der frühere Bundesratspräsident Gottfried Kneifel: "Ich meine: Wir kämpfen und catchen auf einer Bühne, aber wir bewerben die Bühne an sich nicht."

Der langjährige ÖVP-Politiker fand daher Gefallen an dem, was das Parlament in Wien unter dem Titel Demokratiewerkstatt veranstaltet und propagierte das auch in seinem Heimatland Oberösterreich.

Dies fiel auf fruchtbaren Boden: Landtagspräsident Viktor Sigl plante, im oberösterreichischen Landtag ebenfalls eine Demokratiewerkstatt nach dem Vorbild des Parlaments in Wien einzurichten. Vorsichtshalber fragte er in Wien nach, ob so etwas denn auch genehm sei – und erfuhr, dass das eben nicht erwünscht wäre.

"Die Demokratiewerkstatt darf es in Österreich nur für Bundesdemokratie geben", wundert sich Kneifel, "dabei sollte man glauben, dass die Republik doch so etwas wie ein Konzern ist, innerhalb dessen die Markenrechte gemeinsam genutzt werden können."

Die Oberösterreicher ließen es sich allerdings nicht verdrießen. Die oberösterreichische Demokratiewerkstatt heißt nun eben Werkstatt für Demokratie und findet jährlich statt. (cs)

  • In der Partizipationswerkstatt dürfen Schüler über alles abstimmen – wie bei jeder demokratischen Wahl gilt das, was die Mehrheit will.
    foto: christian fischer

    In der Partizipationswerkstatt dürfen Schüler über alles abstimmen – wie bei jeder demokratischen Wahl gilt das, was die Mehrheit will.

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