Singapur: Autoritarismus ohne staatliche Zensur

22. Jänner 2017, 12:19
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In Singapur sind es die Menschen selbst, die die Zensur für den Staat übernehmen. Erinnerungen an eine Forschungsreise für die Diplomarbeit

Pack das Buch lieber in deinen Rucksack", sagte mein singapurischer Begleiter am Rückweg unseres gemeinsamen Tagestrips in die nächstgelegene malaysische Stadt. Wie einen Schatz trug ich es im Sackerl vor mir her – denn schließlich musste ich es auch lange genug suchen und dafür eine Landesgrenze überqueren.

Obwohl ich mittlerweile einige Wochen im südostasiatischen Tigerstaat wohnte und mich in meiner Diplomarbeit mit dem autoritären System Singapurs auseinandersetzte, hatte ich das für viele Einheimische selbstverständliche Verstecken, Verheimlichen und Vergessen noch nicht verinnerlicht.

Ich hatte schließlich auch noch keine Konsequenzen zu spüren bekommen – anders als mein Begleiter und viele andere Gesprächspartner: ein paar Tage Gefängnis für eine Demonstration, Überwachung wegen langjährigen Engagements gegen die Todesstrafe, Geldstrafen für bestimmte Blogbeiträge. Konsequenzen, die man eben hinnehmen musste, sagten sie mir.

Schöne Fassade

Für Südostasien-Reisende ist Singapur ein Traum: alles blitzblank, geregelter Verkehr, gängiges Streetfood neben riesigen Shoppingtempeln mit allen Fastfoodketten und Geschäften, denen man nach Wochen im malaysischen Dschungel oder am thailändischen Strand gerne einen Besuch abstattet. Moderne Gebäude und perfekt geplante Gärten neben Stadtteilen, in denen man denkt, mitten in Indien oder China zu stehen.

Dass es hier neben der Todesstrafe auch noch immer die Prügelstrafe gibt, Homosexualität gesetzlich nicht geduldet wird, dass es für die Presse sogenannte "out of bounds markers" gibt – von der Regierung definierte Tabubereiche, über die besser nicht berichtet wird – sowie Jugendliche, die für Youtube-Videos ins Gefängnis gehen – das verschwindet hinter der schönen Fassade. Ein antidemokratisches Regime – die allermeisten denken an andere Länder als an Singapur.

Es sind die Menschen selbst

Das effektivste System ist nicht das mit der aufwendigsten Zensur, sondern jenes, das gar keine nötig hat – das war die These, die mich zum Thema und auf diese Reise brachte. Nun saß ich hier mit dem neu erstandenen Buch und merkte, was diese Worte heißen: Das Buch war in Singapur nicht verboten. "Aber", versicherte mir mein Begleiter, "du kannst noch lange danach suchen. Kein Buchgeschäft wird es verkaufen oder für dich bestellen."

Es sind die Menschen selbst, die in Singapur die Zensur für den Staat übernehmen. Auch das hatte ich in Wien schon gelesen, konnte es vor Ort aber Tag für Tag erleben. Zum Beispiel, als sich am weltweiten Tag gegen die Todesstrafe fünfzehn Leute in einem kleinen Raum zum Gedenken an Opfer trafen, während sich draußen lange Schlangen vor den Einkaufszentren bildeten – das neue iPhone kam auf den Markt und beherrschte das nationale Interesse.

Die Geschichte

Die Stabilität und den Wohlstand wertschätzen, lieber nichts riskieren und tun, was laut Regierung getan werden muss: Glaubt man der Peoples Action Party, die den Staat seit seiner Gründung 1965 regiert, gehören eingeschränkte Freiheitsrechte eben zu den Abstrichen, die für erfolgreiches Zusammenleben in Kauf genommen werden müssen. Kein Wunder: Denn zu Beginn stand das kleine Land ohne Rohstoffe, aber mit einer potenziell explosiven ethnischen Vielfalt da. Das "Überleben" wurde zur wichtigsten Regierungsrationalität, und so wurde von A bis Z alles von der Regierung durchgeplant. Auch heute noch wird vorgeschrieben, wie viele Familien mit malayischen, indischen oder chinesischen Wurzeln in welchem Wohnblock wohnen dürfen.

Wir passierten mittlerweile die Grenze, und das Buch war tief im Rucksack verstaut. Der britische Autor Alan Shadrake widmet sich darin ausführlich der Todesstrafe in Singapur und gibt unter anderem ein Gespräch mit dem ehemaligen einzigen Henker des Landes wider. Natürlich sah die Regierung die Harmonie in Singapur gefährdet. Für Shadrake hieß das mehrere Wochen Gefängnis und horrende Geldstrafe. Das Buch las ich in den folgenden Tagen nicht wie die andere Lektüre draußen in den Parks, sondern im Zimmer daheim. Irgendwie hatte ich mich doch an die Realität vieler Singapurer gewöhnt. (Lara Hagen, 22.1.2017)

  • Dass es hier neben der Todesstrafe auch noch immer die Prügelstrafe gibt, Homosexualität gesetzlich nicht geduldet wird, dass es für die Presse sogenannte "out of bounds markers" gibt – von der Regierung definierte Tabubereiche, über die besser nicht berichtet wird – sowie Jugendliche, die für Youtube-Videos ins Gefängnis gehen – das verschwindet hinter der schönen Fassade.
    foto: imago

    Dass es hier neben der Todesstrafe auch noch immer die Prügelstrafe gibt, Homosexualität gesetzlich nicht geduldet wird, dass es für die Presse sogenannte "out of bounds markers" gibt – von der Regierung definierte Tabubereiche, über die besser nicht berichtet wird – sowie Jugendliche, die für Youtube-Videos ins Gefängnis gehen – das verschwindet hinter der schönen Fassade.

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