"Westen feiert sich als Demokratie-Hüter"

Interview20. Jänner 2017, 16:41
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Dass Afrikas Staaten oft nur oberflächlich demokratische Strukturen aufweisen, ist nicht zuletzt eine koloniale Hypothek, sagt Historiker Jürgen Zimmerer

STANDARD: Etwa 60 Jahre sind vergangen seit der großen Unabhängigkeitswelle in Afrika. Der Westen behauptet gerne, man hätte die Länder mit demokratischen Strukturen in die Unabhängigkeit entlassen. War das so?

Zimmerer: Wir reden hier über viele Staaten mit sehr unterschiedlichen Kolonialisierungsgeschichten. Ganz generell kann man sagen, dass die Vorbereitung auf die Unabhängigkeit, wenn überhaupt, sehr spät und zögerlich erfolgte. Das Ziel des Kolonialismus war Ausbeutung und nicht Demokratisierung. Es ist eine Legende des europäischen Kolonialismus, dass man von Beginn des 20. Jahrhunderts an die Staaten auf die Unabhängigkeit vorbereitete. Im Grunde hatten viele Kolonialländer auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch gehofft, ihre Gebiete zu behalten. Dass man erst in letzter Minute demokratische Apparate aufgepfropft hat, hat sich als schwere Hypothek erwiesen. Eine aktive Zivilgesellschaft war weder erwünscht noch wurde sie gefördert. Zwar wechselte man die Machthaber aus, aber es fehlten Kontrollmechanismus und Unterbau.

STANDARD: Die koloniale Grenzziehung ist eine weitere Hypothek?

Zimmerer: Über die kolonialen Grenzziehungen wurden Gruppen, die sich eigentlich in Rivalität befanden, zusammengepfercht und solche, die traditionell miteinander Handel trieben, fanden sich plötzlich in verschiedenen Staaten wieder. Das führte zu einer ethnischen Klientelpolitik. Wenn man sich auf das Gemeinwesen nicht verlassen kann, dann nimmt man die eigene Familie oder Gruppe als Bezugssystem.

STANDARD: Auf welche vorhandene Herrschaftssysteme setzten die Kolonialherrscher auf, als sie die Länder unterwarfen?

Zimmerer: Man hatte meist Monarchien oder Oligarchien. Das waren sehr wohl auch Partizipationsstrukturen. Die kolonialen Autoritäten haben diese Strukturen zerschlagen oder neue geschaffen. Was wir heute oft als "Stämme" bezeichnen, ist ja eine Erfindung der Kolonialmächte. Um die vorgefundene Bevölkerung zu strukturieren, setzte man vielerorts indigene Kollaborateure ein und schuf Strukturen, die in der Gesellschaft gar keine Basis hatten.

STANDARD: Stichwort Identität und Zugehörigkeit: Der Kolonialherr war also der einende gemeinsame Gegner, der dann wegfiel?

Zimmerer: Ja! In vielen Staaten wurde die Unabhängigkeit sehr euphorisch aufgenommen. Nationalistische Bewegungen, die sich am europäischen Modell ein Vorbild nahmen, entstanden. Sehr unterschiedliche Gesellschaften wurden über den – zum Beispiel kenianischen oder tansanischen – Nationalismus zusammengehalten. Da wo die Unabhängigkeit in langen Auseinandersetzungen erkämpft werden musste, wie in Simbabwe oder auch in Südafrika, kamen die politischen Führer aus dem Kampf. Befreiungsbewegungen sind oft autoritär strukturiert.

STANDARD: Eine funktionierende Demokratie fußt aber auch auf Verteilungsgerechtigkeit.

Zimmerer: In der Tat! Demokratie gerät unter schweren wirtschaftlichen Bedingungen in schwieriges Fahrwasser. Das kennen wir ja auch aus Europa und den USA. Auch die Umverteilung nach dem Patronagesystem ist nichts typisch afrikanisches, sondern vor allem eine Frage der Sozialstruktur und des Wohlstands.

STANDARD: Sind also auch die nach wie vor ausbeuterischen Interessen der Ex-Kolonialstaaten daran schuld, dass die Menschen in den meisten afrikanischen Staaten in ungerechten Verhältnissen leben?

Zimmerer: Natürlich ist nicht alles die Schuld der Europäer. Nach 50, 60 Jahren haben die afrikanischen Eliten das System, das die Kolonialmächte hinterließen, auch zu ihren Gunsten und denen ihrer Cliquen missbraucht. Zum Beispiel in Angola, wo der Präsident durch die Ausbeutung des Ölvorkommens einer der reichsten Männer Afrikas wurde. Der Rohstoffreichtum wird oft als größter Fluch Afrikas bezeichnet. Laut Guardian fließt aber wesentlich mehr Geld pro Jahr von den Entwicklungsländern in die Industrieländer als umgekehrt. Die Entwicklungshilfe ist also so etwas wie eine europäische Exportsubvention – aktuell mit der Flüchtlingshilfe verknüpft. Man geht hin und fördert, wenn es oberflächlich demokratische Strukturen gibt. Wenn man eine Bekämpfung der Fluchtursachen ernst meint, müsste man daran gehen, die ungleiche Wohlstandsverteilung zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden aufzuheben. Stichwort: Globale, soziale Gerechtigkeit. Teilen ist da alternativlos.

STANDARD: Sie erwähnten Angolas Präsident José Eduardo dos Santos, seit 1979 im Amt. Immer mehr Afrikaner wählen Langzeitherrscher ab. Zeichen eines neuen demokratischen Bewusstseins?

Zimmerer: Die neuen Medien führen natürlich auch in Afrika zu einer verstärkten Politisierung. Ein aktuelles Beispiel ist Gambia, wo Langzeitherrscher Yahya Jammeh die Wahl zwar verlor, aber nicht Platz machen möchte. Vertreter der Nachbarstaaten haben interveniert und versucht, ihn zu überzeugen. Den ‘Westen’, der sich als Demokratie-Hüter feiert, interessiert das scheinbar nicht. Leider geht so etwas oft zugunsten derjenigen aus, die bereits an der Macht sind und die Gewehre haben. In Gambia scheiner aber nun die Nachbarstaaten entschlossen, sich – ausgestattet mit einem Votum des Uno-Sicherheitsrats – zugunstern des demokratisch gewählten Kandidaten einzumischen. (21.1.2017)

foto: privat
Jürgen Zimmerer (51) ist Professor für Globalgeschichte an der Uni Hamburg. Er leitet die Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe.
  • Fan von Gambias gewähltem Präsidenten Adama Barrow.
    foto: afp/stringer

    Fan von Gambias gewähltem Präsidenten Adama Barrow.

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