Banken bereiten sich auf Teilrückzug aus London vor

19. Jänner 2017, 21:01
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Frankfurt könnte großer Nutznießer von Verlagerung werden – Bankenchefs treffen sich in Davos mit Premierministerin May

London/Davos – Nach der Festlegung der britischen Premierministerin Theresa May auf einen "harten Brexit" bereiten sich die ersten Banken konkret auf einen Umzug auf den europäischen Kontinent vor.

"Wenn noch jemand Zweifel hatte, was den EU-Pass oder den Zugang zum Binnenmarkt betrifft, ist dies nun Vergangenheit", sagte der Geschäftsführer des Verbandes der Auslandsbanken, Oliver Wagner, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Internationale Banken, die bisher mit einem "EU-Pass" von London aus Geschäft in ganz Europa betrieben, brauchen dafür künftig eine Tochter in der EU. Als ein großer Nutznießer kristallisiert sich Frankfurt heraus. Fast alle großen US-Investmentbanken befassen sich Insidern zufolge mit einer Verlagerung von Arbeitsplätzen in die deutsche Bankenmetropole. May versuchte unterdessen US-Banken von Vorteilen des Finanzplatzes London zu überzeugen.

Kontakte mit Bankenaufsicht

UBS und HSBC hatten bereits am Mittwoch signalisiert, dass sie jeweils 1.000 Arbeitsplätze von London abziehen könnten. Nach einem Bericht des "Handelsblatts" will Goldman Sachs ebenfalls bis zu 1.000 von 6.500 Stellen in London nach Frankfurt verlagern. Die Bank erklärte, noch sei nichts entschieden. Reuters hatte im November von Plänen der Bank berichtet, die bestehende deutsche Goldman Sachs AG zu einer großen Europa-Tochter auszubauen, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) direkt beaufsichtigt würde. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein sagte in Davos, sein Haus werde nicht alle in London wegfallenden Stellen an einem Ort konzentrieren.

Auch der Rivale Morgan Stanley ist laut Finanzkreisen bereits mit der deutschen Bankenaufsicht BaFin in Kontakt. Sie fordert, dass Banken nach einem Umzug nicht nur Geschäft nach Deutschland verlagern, sondern auch wichtige Funktionen wie das Risikomanagement und das Controlling in Deutschland ansiedeln. Morgan-Stanley-Chef James Gorman sagte, es gehe bei den Verlagerungen auf den Kontinent nicht um Tausende Jobs. Morgan Stanley werde den Übergang zusammen mit der Regierung in London so sanft wie möglich gestalten.

May: Investitionen lohnenswert

May sprach am Donnerstag am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos mit den Chefs der großen US-Investmentbanken über den Brexit. "Ich hatte sehr gute, positive Beratungen mit den Banken über die Vorteile des Finanzdistrikts in London", sagte die Premierministerin dem Sender BBC. Bei den Gesprächen sei es auch um den Fortbestand der City of London gegangen. Investitionen in Großbritannien seien angesichts der sehr starken Konjunktur lohnenswert.

Finanzkreisen zufolge soll sich May mit Vertretern von Goldman Sachs bis JP Morgan -, des Finanzinvestors Blackstone und der weltgrößten Fondsgesellschaft Blackrock unterhalten haben. Britische Banken forderten im Vorfeld großzügige Übergangsregelungen vor einem Wegfall der "EU-Pässe". "Wir wollen ein Stillhalteabkommen für weitere drei Jahre nach dem Abschluss der Verhandlungen über den Brexit", sagte Barclays -Aufsichtsratschef John McFarlane in Davos.

Trotzdem bereiten viele Banken bereits ihren Umzug vor. "Ich glaube nicht, dass es schon endgültige Entscheidungen gibt, aber es gibt Tendenzen für bestimmte Standorte", sagte Wagner. "Die Entscheidungen dürften fallen, sobald Großbritannien den Antrag (auf EU-Austritt) stellt." Er wird im März erwartet. "Zuerst werden hundert oder ein paar hundert Jobs verlagert", sagte ein hochrangiger Banker. "Alle Banken werden erst einmal das tun, was weniger weh tut." Ein großes Geldhaus habe bereits 100 Millionen Dollar für Umzugskosten zurückgelegt. Analysten von JP Morgan schätzen, dass eine Verlagerung des Handels und angrenzender Bereiche aus London heraus allein die wichtigsten acht Banken zusammen 7,5 Milliarden Dollar kosten könnte.

Frankfurt ist dabei offenbar nicht nur für Banken attraktiv, die am Main schon große Niederlassungen betreiben. Die britische Bank Lloyds, der größte Immobilienfinanzierer des Landes, erwäge die Gründung einer Tochter in Frankfurt, sagte ein Insider zu Reuters. Kein Einzelfall: "Im Jänner hatten wir zum ersten Mal auch Anfragen von ganz neuen Banken, die es hier in Frankfurt noch gar nicht gibt", sagte Auslandsbanken-Lobbyist Wagner. (APA, 19.1.2017)

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