Wie viel die Patienten tatsächlich an Selbstbehalten zahlen

    23. Jänner 2017, 07:00
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    Die SPÖ hält Selbstbehalte für unsozial. Selbstständige zahlen pro Jahr aber nur rund 60 Euro mehr als Unselbstständige. Ein Faktencheck.

    Wien – Herr Mayr, Angestellter in Wien, sieht nicht mehr ganz gut. Für seine neuen Kontaktlinsen musste er im Vorjahr zumindest 97 Euro selbst zahlen. So hoch war der Mindestselbstbehalt bei der Wiener Gebietskrankenkasse (GKK). Herr Fellner hat die gleiche Augenschwäche, arbeitet aber in St. Pölten und ist somit bei der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse versichert. Bei ihm lag die Mindestkostenbeteiligung bei nur 32 Euro. Möglich machen das die unterschiedlichen Systeme der Krankenkassen.

    Bei den höchst zulässigen Selbstbehalten sind die Unterschiede sogar noch viel größer. Im Burgenland dürfen von den GKK-Versicherten bis zu 162 Euro pro Linse verlangt werden, in Oberösterreich und Salzburg sowie bei den Versicherungsanstalten der Selbstständigen, Bauern und Beamten sind es bis zu 1296 Euro.

    foto: dpa
    Bei den GKK-Versicherten entfällt auf die Rezeptgebühren kostenmäßig am stärksten ins Gewicht.

    Ein wahres Dickicht

    Die Beispiele, die Neos-Sozialsprecher Gerald Loacker in zahlreichen parlamentarischen Anfragen eruiert hat, illustrieren, dass das Gesundheitssystem für die Patienten ein wahres Dickicht ist. Jede Kasse hat ihr eigenes Leistungsangebot und bittet die Versicherten in unterschiedlichem Ausmaß zur Kasse. Zuletzt wurde auf Betreiben der SPÖ wieder intensiv darüber diskutiert, ob der allgemeine Selbstbehalt bei den Selbstständigen in Höhe von 20 Prozent der Gesundheitskosten nicht abgeschafft werden sollte. SPÖ-Klubchef Andreas Schieder bezeichnete diesen als "unsozial".

    Aber sind die Selbstständigen tatsächlich dramatisch schlechtergestellt als Arbeiter und Angestellte? Aufschluss darüber gibt das statistische Handbuch der Sozialversicherungsträger. Aus dem geht hervor, wie viel die Versicherten pro Jahr tatsächlich selbst zahlen.

    • GKKs Bei den Gebietskrankenkassen zahlte jeder Versicherte im Jahr 2015 (aktuellste Zahlen) im Schnitt 82,24 Euro. Der größte Teil (58,34 Euro) entfiel auf Rezeptgebühren. Kostenbeteiligungen, die neben den erwähnten Sehbehelfen beispielsweise noch bei Zahnkronen, orthopädischen Schuhen oder bei Kuren anfallen, machten im Schnitt 16,83 Euro pro Kopf aus. Der Rest (7,06 Euro) entfiel auf die Gebühr für die E-Card. Aufgeschlüsselt nach Ländern liegt diese Statistik nicht vor.

    • Selbstständige Dramatisch hoch sind die Eigenbeiträge aber auch bei den Selbstständigen nicht. Sie zahlten im Schnitt 141,94 Euro. Der klassische, also der prozentuelle Selbstbehalt machte dabei 97,53 Euro aus. Dass es nicht mehr ist, liegt zum einen an Befreiungen für chronisch Kranke, Kinder und Selbstständige mit geringem Einkommen, zum anderen aber auch daran, dass der Eigenbeitrag auf zehn Prozent sinkt, wenn man vereinbarte Gesundheitsziele erreicht. Medikamente werden bei Selbstständigen etwas seltener verschrieben, sie zahlen jährlich 42,40 Euro an Rezeptgebühren.

    • Bauern Die Bauern, die im Bereich der Kuren ein sehr gutes Angebot haben, zahlten im Schnitt 125,53 Euro selbst. Bei ihnen gibt es keinen prozentuellen Selbstbehalt, aber einen Behandlungsbeitrag von 9,61 Euro pro Quartal.

    • Eisenbahner Deutlich höher als bei den Selbstständigen und Bauern waren die Selbstbehalte bei den Eisenbahnern, eine der SPÖ nicht gerade ferne Krankenkasse, die auch für ein vergleichsweise gutes Leistungsangebot bekannt ist. 184,45 Euro fielen dort im Schnitt an. Bei den Eisenbahnern gibt es ebenfalls pauschale Selbstbehalte. Dort liegen sie bei den meisten Leistungen bei sieben Prozent, bei Zahnbehandlungen sind es 20 Prozent, bei Zahnersatz 30 Prozent. Rezepte werden, ähnlich wie bei den Versicherten von Betriebskrankenkassen, überdurchschnittlich häufig verschrieben.

    • Beamte Den höchsten Kostenanteil hatten 2015 die Beamten zu tragen. Sie haben im Schnitt 218,39 Euro selbst bezahlt. Mittlerweile dürfte dieser Wert aber deutlich niedriger sein. Per 1. April 2016 wurde der Selbstbehalt bei der Versicherungsanstalt der öffentlich Bediensteten nämlich auf zehn Prozent halbiert.

    Alle Krankenkassen zusammen haben 2015 etwas mehr als 700 Millionen Euro über Selbstbehalte eingenommen, 435 Millionen davon entfielen auf die Gebietskrankenkassen, wie diese Grafik zeigt.

    Dieses Chart zeigt, wie viele Versicherte die einzelen Kassen haben.

    Neos für Wahlrecht

    Ob der überschaubaren effektiven Unterschiede bei den Selbstbehalten plädiert Neos-Politiker Loacker für ein Wahlrecht für die Versicherten. Dann könnten sie selbst entscheiden, ob sie lieber eine Kasse mit pauschaler Kostenbeteiligung wollen oder eben nicht. Die Leistungsunterschiede sind für ihn mit den Selbstbehalten nicht zu rechtfertigen.

    Im Vergleich zu den geleisteten Beiträgen für die Krankenversicherung sind die Selbstbehalte jedenfalls nur ein relativ kleiner Kostenfaktor. Ein Eisenbahner zahlte 2015 im Schnitt etwas über 3000 Euro an Beiträgen, ein öffentlich Bediensteter rund 2700 Euro, was Folge der recht guten Einkommen in diesen Gruppen ist. GKK-Versicherte zahlten im Schnitt ziemlich genau 2000 Euro pro Jahr an Beiträgen, die Bauern 1900 Euro und die Selbstständigen 1627 Euro. Die Selbstbehalte machen also nur 4,1 Prozent (Gebietskrankenkassen) bis 8,7 Prozent (SVA) der gezahlten Beiträge aus, wie diese Grafik zeigt.

    (Günther Oswald, 23.1.2017)

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