Ökonom Stiglitz: "Trumps Sicht auf die Welt ist total falsch"

Interview20. Jänner 2017, 07:00
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Joseph Stiglitz glaubt nicht, dass Donald Trump einen kohärenten Plan hat. Er hofft, dass ihn der Kongress in seinem Aktionismus bremsen wird

STANDARD: Die Chefin des Währungsfonds, Christine Lagarde, hat hier in Davos Zweifel daran geäußert, dass Donald Trump überhaupt einen Plan hat. Zweifeln Sie auch?

Stiglitz: Das ist vermutlich richtig. Es ist nicht klar, ob es einen kohärenten Plan gibt. Es gibt ganz sicher keinen kohärenten ökonomischen Rahmen. Aber ich glaube, er ist gesetzt genug, dass er weiß, in welche Richtung er gehen will. Wir können erahnen, was seine Denkweise ist und welche Themen er wahrscheinlich angehen wird. Was wir nicht wissen, ist, bis zu welchem Grad der Kongress, die Gesetze, der Rechtsstaat ihn einschränken können. Wir können erahnen, was er möglicherweise mag, aber nicht, was er wirklich umsetzen kann.

STANDARD: Aber was erwarten Sie von ihm? Er hat ja schon einige Ankündigungen zur Steuerpolitik, zur Einführung von Zöllen etc. gemacht.

Stiglitz: International gesehen ist eine Rückkehr in eine Zeit zu erwarten, als die USA die Welt dominiert und alles diktiert haben.

STANDARD: Sie sehen Trump als globalen Diktator?

Stiglitz: Nein, seine Denkweise ist so, er hätte die Welt gerne so, aber das ist nicht die Welt von heute. Seine persönliche Sicht ist, er wird Amerika wieder großartig machen. Aber China ist eine größere Volkswirtschaft, Amerika hat auch bei weitem nicht die größten Rücklagen weltweit. Es gibt nichts, was er als Präsident machen kann, um das zu ändern. Die Realität ist anders als seine Annahmen. Darin liegt die große Gefahr: Seine Sicht auf die Welt ist total falsch.

STANDARD: Aber er wird wirtschaftspolitische Schritte setzen. Welche?

Stiglitz: Elemente seiner Weltsicht sind ähnlich jenen, die in der Geschäftswelt vorherrschen: Niedrigere Steuern ergeben mehr Wachstum. Niedrigere Regulierung führt auch zu Wachstum. Es gibt aber nur wenig Anlass zur Annahme, dass das langfristig der Fall ist. Es gibt Fälle, wo man kurzzeitig einen Aufschwung auslösen kann. Deregulierung von Banken könnte zu einer neuen Finanzkrise führen.

STANDARD: Erwarten Sie mehr kurzfristige Maßnahmen, um einen Aufschwung zu befördern?

Stiglitz: Er wird wahrscheinlich Sachen machen, um genau diesen kurzzeitigen Effekt zu erzielen. Aber ob er das durch den Kongress bekommt und ob das dann auch greift, das ist schon eine kompliziertere Angelegenheit. Die Wechselkursrate wird wahrscheinlich steigen. Das wird Auswirkungen auf die Exporte haben und zu einem Anstieg des Defizits führen. Er kann ruhig einige Firmen anrufen und ihnen sagen, sie sollen ein paar Jobs mehr schaffen. Aber der Wechselkurs ist wichtiger und betrifft jedes Unternehmen. Und die kontrolliert er nicht. Es ist auch nicht klar, ob er die Werkzeuge hat, das zu machen. Es ist möglich, dass wir mehr Inflation bekommen. Aber wir müssen ohnehin abwarten, ob er das, was er angekündigt hat, als Präsident auch umsetzt.

STANDARD: In Davos hat Chinas Staatschef Xi Jinping vor einem Handelskrieg gewarnt. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Stiglitz: Die Gefahr besteht. Nach dem, was er bisher gesagt hat, versteht er entweder die Handelsverträge nicht, oder es kümmert ihn nicht, oder er will sie bewusst missachten, wenn er über 45 Prozent Schutzzoll auf Produkte aus China spricht, Mexiko, Mercedes, BMW droht. Dabei herrscht große Übereinstimmung, dass viele dieser Abkommen neu verhandelt werden sollten.

STANDARD: Aber das ist eine andere Herangehensweise.

Stiglitz: Genau. Das wäre auch okay. Wenn man sagt, die Welt hat sich verändert, wir müssen diese Verträge im 21. Jahrhundert modernisieren. In den meisten Fällen hat er damit absolut unrecht, dass die US-Verhandler versagt hätten. Wir haben das meiste bekommen, was wir haben wollten.

STANDARD: Ist das auch der Fall bei den Verhandlungen über TTIP, das Abkommen zwischen der EU und den USA?

Stiglitz: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass TTIP und TTP, das transpazifische Abkommen, kommen werden. Sie repräsentieren genau das, was er nicht haben will. Er sagte, das seien die schlechtesten Verhandlungen, die jemals geführt worden seien. Er mag einer Neuverhandlung zustimmen. Es wurde lange verhandelt, und die USA haben das meiste von dem, was sie wollten, bekommen. Für die anderen Länder ist es besser, kein Abkommen als ein schlechtes zu kriegen.

STANDARD: Gilt das auch für die Europäer, besser keines als das?

Stiglitz: Genau. Die Zölle sind schon so niedrig, dass es diese Handelsverträge gar nicht braucht. Es geht um intellektuelle Eigentumsrechte, Regulierungen. TTIP und TPP wurden vor allem von Unternehmen diktiert in einer nicht sehr transparenten Art. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Trump sehr für Transparenz eintritt. Er hätte sicher gern ein noch einseitigeres Abkommen. Warum sollte Europa sagen, wir unterschreiben einfach. Das ist nicht realistisch.

STANDARD: Es gibt viel Unsicherheit. Wie kann man dem begegnen?

Stiglitz: Ja. Ich glaube nicht, dass es einen Handelskrieg gibt. Die US-Regierung wird ihm das nicht erlauben. Hoffentlich, aber genau wissen wir das nicht. Unser System sollte ihn davon abhalten. Die Republikaner glauben an den Freihandel und mögen keinen Protektionismus, die Demokraten glauben an den Rechtsstaat.

STANDARD: Trump hat schon angekündigt, er will alles zum Schutz Amerikas tun.

Stiglitz: Aber wir leben in einem Land, in dem der Präsident nicht der König, kein absolutistischer Herrscher ist. Der Präsident muss den Kongress um Erlaubnis bitten. Die Republikaner wollen, dass der Präsident Erfolg hat. Die Demokraten sorgen sich um Jobs. Das könnte zu einer protektionistischen Stimmung führen. Wenn wir einen Handelskrieg haben, dann werden alle verlieren. Was wir im Moment nicht wissen, ist, wie sich das erratische Verhalten des Präsidenten auswirkt. Wir wissen auch nicht, wie sich der Kongress verhalten wird. Also, lasst uns das Beste hoffen. (Alexandra Föderl-Schmid, 20.1.2017)

Joseph Stiglitz (geboren 1943) ist Professor für Ökonomie an der Columbia University und Vertreter des Neukeynesianismus. Er war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und erhielt 2001 den Wirtschaftsnobelpreis.

  • "Die Republikaner wollen, dass der Präsident Erfolg hat. Die Demokraten sorgen sich um Jobs. Das könnte zu einer protektionistischen Stimmung führen", sagt Joseph Stiglitz. Und warnt: "Wenn wir einen Handelskrieg haben, dann werden alle verlieren."
    foto: ap/michel euler

    "Die Republikaner wollen, dass der Präsident Erfolg hat. Die Demokraten sorgen sich um Jobs. Das könnte zu einer protektionistischen Stimmung führen", sagt Joseph Stiglitz. Und warnt: "Wenn wir einen Handelskrieg haben, dann werden alle verlieren."

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