Trump-Angelobung im Schatten des Kulturkonflikts

20. Jänner 2017, 07:00
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Theoretisch feiern in der Zeit der Amtsübergabe beide Parteien den friedlichen Transfer der Macht. Doch praktisch – und mit Blick auf Trump – ist vieles anders

Den schönen Schein zu wahren, darauf hat John Lewis noch nie Wert gelegt. Also ließ er wissen, dass er der Amtseinführung Donald Trumps fernbleibe, weil er in dem Mann keinen legitimen Präsidenten sehe. Schließlich habe Russland die Kandidatur Hillary Clintons zerstört, schließlich habe Moskau mit seinen Hackerangriffen geholfen, Trump zu wählen.

Was mit einem Interview begann, wird am Freitag mit einem veritablen Boykott enden: Rund sechzig Kongressabgeordnete haben sich mittlerweile mit Lewis solidarisiert. Sie folgen dem Beispiel des alten Bürgerrechtlers, der 1965 an der Spitze eines Demonstrationszuges über die Edmund-Pettus-Brücke in Selma marschierte, wo Polizisten mit Knüppeln so heftig auf seinen Schädel einschlugen, dass sie ihn fast zertrümmerten. Lewis' moralische Autorität ist unbestritten, und nun werden rund 60 namhafte Demokraten durch Abwesenheit glänzen, wenn Trump vorm flaggengeschmückten Kapitol mit seiner frisch renovierten Kuppel den Eid ablegt. Es wird also nichts mit dem schönen Schein.

"Einzigartig amerikanisch"

Theoretisch ist es ja so, soll es so sein: Sobald die Wahlschlacht geschlagen ist, halten die Anhänger beider großer Parteien inne, um den friedlichen Übergang der Macht zu feiern. Sobald der Sieger gekürt ist, bringen ihm auch die Verlierer guten Willen entgegen. Was in aller Regel bedeutet, dass die Beliebtheitswerte des angehenden Präsidenten in den zwei Monaten zwischen Wahl und Inauguration kräftig ansteigen. Das Spektakel an der Westseite des Kapitols soll die Versöhnung gewissermaßen krönen: Es signalisiere, "dass wir als geeintes Volk hinter einer alles überdauernden Republik stehen", steht voller Pathos in der wappenverzierten Einladung. Einzigartig amerikanisch sei das.

In der Praxis ist es oft anders, besonders in diesem Jahr. Trumps Popularitätswerte sind seit dem Spätherbst nicht gestiegen, sondern gefallen, und allein schon die Kontroverse mit Lewis macht deutlich, warum. Statt wenigstens einmal einen Einwand mit souveränem Schweigen zu übergehen, rächte sich der schnell Beleidigte mit ein paar giftigen Twitter-Zeilen. Lewis solle weniger reden und sich mehr um seinen Wahlbezirk kümmern, der sich in fürchterlichem Zustand befinde, wetterte er. Nun sitzt Lewis, ein Weggefährte Martin Luther Kings, für Atlanta im Repräsentantenhaus, und die pulsierende Metropole des Südens als chronischen Krisenfall zu bezeichnen geht schon sehr an den Tatsachen vorbei.

Trump scheine überall dort, wo in großer Zahl Afroamerikaner lebten, chronische Krisenfälle zu sehen, verwahrte sich die kalifornische Abgeordnete Maxine Waters gegen das Schablonendenken. "Ich jedenfalls werde ihm nicht die Ehre erweisen, ich respektiere ihn nicht, ich will nichts zu tun haben mit dieser Inauguration", sagte sie. Worauf der Milliardär ungerührt erwiderte, wer nicht zu erscheinen gedenke, möge ihm bitte seine Eintrittskarte zurückgeben, er brauche dringend zusätzliche Tickets.

Hohelied auf die Staatsräson

Im Nationalarchiv, einer jener Prachtbauten mit imposantem Säulenportal, wie sie das Zentrum Washingtons prägen, sitzen David Axelrod und Jay Carney auf einem Podium. Der eine war Chefstratege, der andere Pressesprecher von Barack Obama, beide singen ein Hohelied auf die Staatsräson. Auf das ungeschriebene Gesetz, nach dem sich der Transfer der Macht so reibungslos wie möglich zu vollziehen hat. Auch dann, wenn ein Trump einen Obama ablöst. Carney erzählt, wie er am Tag nach der Wahl an Sean Spicer schrieb, der Pressesprecher im Weißen Haus wird. Er, Spicer, könne ihn jederzeit um Rat fragen, er helfe gern.

Axelrod schwärmt davon, wie kooperativ sich die Mannschaft George W. Bushs vor acht Jahren verhalten habe. Dasselbe gelte für Obamas Leute, sie wollten ihrerseits Trumps Riege das Einarbeiten so leicht wie möglich machen.

"Die Hoffnung sind Sie"

Es sind Momente, die einen glauben lassen, dass der schöne Schein vielleicht doch nicht nur Schein ist. Dann aber, als das Publikum sich an der Debatte beteiligt, tritt eine schwarze Studentin aus Kansas ans Mikrofon und fragt ohne Umschweife: "Sagen Sie mir bitte, welche Hoffnung ich jetzt noch haben soll." Worauf Axelrod nach langem Nachdenken antwortet: "Die Hoffnung sind Sie."

In Chevy Chase, einem Viertel im Nordwesten Washingtons, hat sich Mike Pence für ein paar Wochen einquartiert. Pence hatte vor zwei Jahren als Gouverneur von Indiana ein Gesetz durchzusetzen versucht, das es jedem Ladenbesitzer, jedem Kleinunternehmer erlauben sollte, homosexuelle Kunden abzuweisen, dem Text nach aus religiösen Gründen. Nun lässt ihn Chevy Chase spüren, was es davon hält. Typisch für die Gesinnung einer liberalen Stadt, deren Wähler übrigens zu 91 Prozent für Hillary Clinton stimmten. Rings um die Tennyson Street, wo Pence kurzzeitig wohnt, weht inzwischen vor jedem zweiten Haus eine Regenbogenflagge. Szenen eines Kulturkonflikts. (Frank Herrmann aus Washington, 20.1.2017)

  • Probelauf für die Amtseinführung am Freitag: Dann werden statt der Statisten Donald Trump, sein Vize Mike Pence und deren Ehefrauen die Stufen des Kapitols herabschreiten.
    foto: reuters/kevin lamarque

    Probelauf für die Amtseinführung am Freitag: Dann werden statt der Statisten Donald Trump, sein Vize Mike Pence und deren Ehefrauen die Stufen des Kapitols herabschreiten.

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