"Alles ist möglich, selbst ein Sieg Marine Le Pens"

20. Jänner 2017, 15:00
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Frankreichs Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis schließt einen taktischen Rückzug des Vorwahlsiegers aus – selbst bei besseren Umfragewerten linker Konkurrenten

STANDARD: Die Sozialisten halten am Sonntag ihre Kandidatenkür ab. Doch hat der Sieger überhaupt eine Chance bei der Präsidentenwahl im Frühling?

Cambadélis: Wegen der Balkanisierung der französischen Parteienlandschaft wird es eine sehr spezielle Wahl mit sehr offenem Ausgang. Alles ist möglich, selbst ein Sieg der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen. Aber entgegen allen Umfragen kann auch der Linkskandidat gewinnen. Ich habe die Primärwahl organisiert, um die Linke zu einen und ihr eine Chance zu geben, in die Stichwahl vorzustoßen.

STANDARD: Doch Emmanuel Macron (Mitte) und Jean-Luc Mélenchon (Linke) nehmen an dieser Urwahl gar nicht teil.

Cambadélis: Mélenchon isoliert sich selbst. Mit seiner Verweigerungshaltung fährt er gegen die Mauer. Macron ist ein Medienstar wie seinerzeit Nicolas Sarkozy: stark in den Umfragen – doch werden die Leute auch für ihn stimmen? Er stellt nicht nur eine "Blase" dar, wie viele über ihn sagen, aber sein Phänomen ist sehr schwer zu beurteilen. Viele seiner Sympathisanten bedauern, dass er nicht an der Primärwahl teilnehmen wird. Wer immer unser Kandidat sein wird – Manuel Valls, Benoît Hamon oder Arnaud Montebourg –, er wird von der Dynamik der Primärwahl profitieren. Im Februar und März werden die Linkskandidaten vielleicht Vernunft annehmen, wenn sie merken, dass der Front National die Wahl gewinnen kann.

STANDARD: Könnte sich der sozialistische Spitzenkandidat zurückziehen, falls Macron oder Mélenchon in den Umfragen besser platziert sind?

Cambadélis: Nein, das schließe ich aus. Denn wir können nicht als Einzige bei den Linken eine Urwahl abhalten und dann den gewählten Kandidaten zurückziehen!

STANDARD: In dem Fall wird sich die Zersplitterung der Linken aber nicht überwinden lassen.

Cambadélis: Ich weiß auch nicht, wie man diese Blockade lösen kann. Aber warten wir ab. Wichtig wird sein, wer die Primärwahl gewinnt: Valls kann Macron Stimmen wegnehmen. Hamon kann umgekehrt Mélenchon eindämmen. Wie gesagt, da ist noch sehr vieles möglich – nicht zu vergessen auch eine Kandidatur des Zentristen François Bayrou, die Macron zusetzen würde. Erstmals ist eine französische Präsidentenwahl derart offen. Und wie gesagt kann auch der sozialistische Kandidat die Präsidentenwahl gewinnen. Der Konservative François Fillon ist mit seinem ultraliberalen Programm zu schlagen.

STANDARD: Kann Marine Le Pen die Präsidentenwahlen gewinnen?

Cambadélis: Es heißt, Le Pen könne die Stichwahl mit den nötigen 50 Prozent der Stimmen nicht gewinnen, auch wenn sie im ersten Wahlgang 25 bis 30 Prozent, das heißt mehr als alle anderen, erhalten dürfte. Wenn wir derzeit von Haustür zu Haustür Kampagne machen, hören wir immer wieder: "Wir haben genug von den alten Parteien, wir setzen auf Marine."

STANDARD: Wie wird die Linke wählen, wenn Le Pen in der Stichwahl gegen den Konservativen Fillon antritt?

Cambadélis: Die Parteispitzen der Linken werden wohl oder übel dazu aufrufen, für Fillon abzustimmen. Doch wird ihnen die Basis folgen? Ich höre in den Dörfern viele Leute sagen, sie geben ihre Stimme lieber Le Pen als einem Ultraliberalen, der die Pensionen kürzen will. Trump und der Brexit verleihen den Populisten zudem Auftrieb.

STANDARD: Beunruhigt Sie die Lage in Frankreich?

Cambadélis: Ich bin sehr beunruhigt. Wir tanzen auf einem Vulkan, und wir merken es nicht einmal. Das ist sehr typisch für Frankreich. Wir leben in einer neuen Ära, in der die Nationalpopulisten aufkommen und die progressiven Kräfte einbrechen. Die Linksparteien sind überall gespalten, in den USA mit Clinton gegen Sanders, in Großbritannien mit Parteichef Jeremy Corbyn gegen die Blairisten, in Deutschland mit der SPD gegen Die Linke, in Frankreich mit den "Vallsisten" gegen die "Frondeure". Wenn der Parti socialiste auseinanderfällt, wird die Linke die nächsten dreißig Jahre in der Opposition verbringen. Auch deshalb organisieren wir die Primärwahlen – als Versuch, die Progressiven zusammenzuhalten. Aber jetzt sagt Mélenchon, er werde sich nie mehr mit den Sozialisten zusammenspannen. So weit sind früher nicht einmal die Kommunisten gegangen. (Stefan Brändle, 20.1.2017)

Jean-Christophe Cambadélis (65) ist seit 2014 Vorsitzender des Parti socialiste. Der ehemalige Studentenführer griechischer Abstammung gilt als Architekt der "gauche plurielle", die 1997 den Wahlsieg der Linken ermöglichte. Seit jenem Jahr sitzt Cambadélis auch als Abgeordneter in der Nationalversammlung. Der einstige Trotzkist gilt heute als sozialdemokratische Konsensfigur seiner Partei.

  • "Die Linksparteien sind überall gespalten", sagt Frankreichs Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis.
    foto: imago/stephencaillet/panoramic

    "Die Linksparteien sind überall gespalten", sagt Frankreichs Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis.

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