Gewerkschaftschef über Brexit: "Wir werden alle leiden"

Interview20. Jänner 2017, 12:00
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Düstere Zeiten nach dem Brexit sieht Philip Jennings, Chef des Gewerkschaftsweltverbands, für die Briten und die EU-Bürger

STANDARD: Kanzler Christian Kern hat auch hier in Davos für seine "Arbeitsmarktprüfung" geworben, die bedeuten würde, dass ein Job nur an neu Zuziehende gehen kann, wenn sich dafür kein geeigneter Inländer findet. Was halten Sie davon?

Jennings: Ich weiß, dass es darüber politische Gespräche gibt und dass sie Kanzler Kern führt. Europa ist auf der Basis der Personenfreizügigkeit gegründet worden. Als man damit begann, betrug der Lohnunterschied zwischen den EU-Ländern 1:3. Jetzt ist er bei 1:10. Es ist wichtig, auf die Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt zu achten. Es ist es wert, diese Debatten zu führen.

STANDARD: In der EU gibt es die Personenfreizügigkeit, es gibt keine Abstufungen.

Jennings: Jedes Land hat seine eigenen Gegebenheiten. In Grenzregionen gibt es Lohndruck. In der Schweiz wird das so gehandhabt: Werden Jobs angeboten, dann bemüht man sich, dass die lokale Bevölkerung eine Chance hat. Das ist nicht rassistisch, sondern man setzt sich mit den praktischen Auswirkungen auseinander.

STANDARD: Viele Menschen sagen verkürzt: Ausländer nehmen uns die Jobs weg.

Jennings: In Großbritannien gibt es unter den Gewerkschaftern Gespräche darüber, wie wir mit diesem Ausmaß an Zuwanderung umgehen können, welche Auswirkungen das auf unsere Gemeinden, auf unsere Schulen, auf Krankenhäuser, den Immobilienmarkt hat. Darüber macht man sich nicht ausreichend Gedanken. Viele dieser Arbeiter werden auch ausgebeutet und bekommen nicht das, was Kollektivverträge vorsehen. Die Regierungen müssen für Kontrollen sorgen.

STANDARD: Sie kommen aus Großbritannien. Was erwarten Sie für Arbeitskräfte aus den EU-Staaten nach der Entscheidung zu einem "harten Brexit"?

Jennings: Die Gewerkschaftsbewegung ist besorgt darüber, was das für die ökonomischen Aktivitäten im Land bedeutet. Die größten Handelspartner sind in Europa. Das Land hat sehr stark von den EU-Strukturfonds profitiert. Wer wird diese EU-Fonds ersetzen?

STANDARD: Wie wird sich der Arbeitsmarkt verändern?

Jennings: London ist eine weltoffene Metropole mit eigener Dynamik. Britische Arbeiter verdienen seit der Finanzkrise 40 Pfund pro Woche weniger. Wegen der Steueränderungen, die die Regierung vornehmen will, und anderer Konsequenzen aus der Brexit-Entscheidung werden die britischen Arbeitnehmer eine Generation lang zu leiden haben. Investitionsentscheidungen dürften zugunsten anderer getroffen werden – trotz attraktiver Steuersätze. Der verweigerte Zugang zum EU-Binnenmarkt wird große Nachteile bringen. Es gibt eine Menge Fantasiegespräche über Handelsabkommen und solche mit der EU. Das ist Fantasie, das wird ein harter Brexit, und das bedeutet harte Zeiten für Arbeitnehmer.

STANDARD: Was haben EU-Bürger in Großbritannien zu erwarten?

Jennings: Sie sind ängstlich. Die Botschaft, die am Dienstag geäußert wurde, lautete: Es gibt keine Garantien. Wir akzeptieren keine Personenfreizügigkeit. Das Problem ist: Unser Gesundheitssystem wird ohne diese Arbeiter zusammenbrechen. Unsere Dienstleistungsindustrie, unsere Landwirtschaft: Wir werden alle leiden. Großbritannien hat sogar aktiv Ärzte in Mittel- und Osteuropa gesucht. Wenn die alle wegmüssen, haben wir eine Krise. (Alexandra Föderl-Schmid, 20.1.2017)

Philip Jennings (63), ein Waliser, führt seit dem Jahr 2000 den Gewerkschaftsdachverband mit rund 20 Millionen Mitgliedern in mehr als hundert Organisationen aus 150 Ländern.

  • Philip Jennings: "Großbritannien hat sogar aktiv Ärzte in Mittel- und Osteuropa gesucht. Wenn die alle wegmüssen, haben wir eine Krise."
    foto: ap/© keystone / laurent gillieron

    Philip Jennings: "Großbritannien hat sogar aktiv Ärzte in Mittel- und Osteuropa gesucht. Wenn die alle wegmüssen, haben wir eine Krise."

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