"Manchester by the Sea": Manchmal wird gar nichts besser

    20. Jänner 2017, 06:00
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    Kenneth Lonergan erzählt davon, wie sich die Schatten der Vergangenheit nicht verziehen. Casey Affleck brilliert in diesem Film der widersprüchlichen Tonlagen

    Wien – Manche Geschichten lassen sich nicht geradlinig erzählen. Es gibt keinen Weg von A nach B, wenn A eine Tragödie von solcher Unermesslichkeit ist, dass B zu einem unüberwindbaren Hindernis wird. Weiterleben wird unter solchen Umständen eigentlich unmöglich.

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    Es herrscht eisige Kälte an diesem schmucken Ort an der Küste Neuenglands, an den Lee Chandler zurückkehrt, um als Vormund seines Neffen ein anderes Leben zu beginnen. Casey Affleck brilliert in "Manchester by the Sea" in der Rolle des traumatisierten Heimkehrers, der sich auch der Kälte der Menschen stellen muss.

    Lee Chandler (Casey Affleck), der Held aus Manchester by the Sea, hat durch eine Unachtsamkeit alles verloren, was seinem Leben Bedeutung gegeben hatte. Seitdem lebt er wie ein Schatten seiner selbst, ohne Ambition und Anteilnahme. Ein Hausmeister aus freien Stücken, der Hilfsdienste versieht. Ein Gelegenheitstrinker, der sich manchmal in Schlägereien verzettelt. Eine verlorene Seele, taub, erratisch und ungesellig.

    Was Chandler widerfahren ist, belässt Regisseur Kenneth Lonergan lange im Unklaren. Das macht aber nichts. Entscheidend ist, dass die Gegenwart für den gepeinigten Helden fast nur Anstrengungen bedeutet. Die Vergangenheit bricht in Form kürzerer Flashbacks wiederholt in den Film ein; Erinnerungen, die nicht nur die Verhältnisse erhellen, sondern auch die Wärme und Zugehörigkeit zeigen, die verloren ist.

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    Später dann, in einer virtuos montierten Sequenz, treffen beide Zeitebenen aufeinander: Chandler erfährt, dass ihn sein gerade verstorbener Bruder Joe (Kyle Chandler) zum Vormund seines Sohnes Patrick (Lucas Hedges) bestimmt hat. Gleichzeitig wird man zum Zeugen jener schicksalhaften Nacht, in der sich alles verändert hat. Das ist ein Kreis, der sich nicht schließen kann. Sofort wird klar, warum Chandler das Ansinnen seines Bruders, für den 16-Jährigen zu sorgen, für einen Witz hält und zurückweisen muss.

    Selbstgewähltes Exil

    Doch Lonergan, der in erster Linie Theaterautor ist und erst in zweiter Regisseur, hat eine Vorliebe für solche unüberwindbaren Situationen. Schon in seinem Debüt You Can Count on Me (2000) ging es um die Nachwirkungen eines familiären Verlustes, Margaret (2011), der Nachfolgefilm, ist ein polyfones New-York-Drama um ein Mädchen, das sich das erste Mal die Frage stellen muss, was Schuld bedeutet. Manchester by the Sea, benannt nach dem Küstenort in Massachusetts, an den der Held zurückkehren wird, erzählt nun davon, was es bedeutet, aus dem selbstgewählten Exil herauszutreten.

    Schon aus Dankbarkeit gegenüber seinem Bruder wird es Chandler mit Patrick versuchen; er wird sich dem verwunschenen Ort stellen, an dem ihm viele mit einem musternden Blick begegnen, weil er aus ihrer Reihe herausgefallen ist. Es gibt dort aber auch Menschen wie seine Exfrau Randi (Michelle Williams in einer einprägsamen Nebenrolle), die mit ihm Frieden schließen wollen.

    Schonungslose Erinnerung

    Man muss im US-Kino schon eine Weile zurückgehen, zu Ang Lees The Ice Storm oder Atom Egoyans The Sweet Hereafter (beide 1997), um ähnlich nuancierte Beschreibungen von Gemeinschaften zu finden, deren feinen Rissen und tiefen Gräben. Lonergans Könnerschaft liegt im Aufspüren und Austragen von Momenten, in denen sich widersprüchliche Energien entladen. Trauer und Komik sind keine Gegenpole, sie liegen bei ihm oft nah beisammen. Weder ist der Film erbaulich, noch suhlt er sich im Schmerz.

    Es ist aber nicht nur eine Frage der richtigen Balance, die einen großen Film mitformt, sondern auch sein Sinn für unvermutete Bilder. Wenn der ungestüme Patrick seinen seltsamen Onkel immer wieder wachzurütteln versucht, manövriert er auch den Film zwischenzeitlich aus dem Eis. Der Reichtum der Figuren besteht darin, dass sie nie funktional erscheinen, sondern ganz unterschiedlich hell leuchten.

    Casey Affleck ragt als Lee Chandler freilich ein wenig heraus. Es ist jene Art Rolle, für die ein Schauspieler lange erinnert wird. Affleck erhöht durch seine geduckte, in sich gekehrte Darstellung, seine herausgepressten, halb verhungerten Sätze die Eindringlichkeit seiner Figur. Es ist dieser Kampf gegen die eigene Hoffnungslosigkeit, der bewegt. Chandler will gar nicht, dass man ihm vergibt, aber er kann sich auch selbst nicht vergeben. Inmitten dieses so schmucken Ortes in New England ist er die Erinnerung daran, dass das Leben brutal und schonungslos sein kann. Lonergans Film hat die Kraft, diese Spannung auszuhalten. (Dominik Kamalzadeh, 20.1.2017)

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