Körperverletzungsprozess: Geplatztes Trommelfell vor dem Bordell

19. Jänner 2017, 13:03
58 Postings

Eine 17-Jährige soll einer Frau eine Ohrfeige versetzt haben, durch die das Trommelfell riss. Sie sagt, sie wollte eine Freundin einbremsen

Wien – "Die Wahrheit wird ein bisschen in der Mitte sein", stellt Richter Andreas Hautz am Ende des Prozesses gegen Jessica S. weise fest. Die 17-Jährige soll einer 38-Jährigen eine Ohrfeige verpasst haben, wodurch dem Opfer das Trommelfell riss. Es sei aber eine Reflexhandlung gewesen, sagt die Angeklagte zum Vorwurf der schweren Körperverletzung.

S. ist einschlägig vorbestraft, im Jahr 2014 wurde sie zu fünf Monaten bedingt verurteilt. Damals erhielt sie die Weisung, eine Psychotherapie zu absolvieren, um ihre Impulse unter Kontrolle zu bekommen. Am 19. Oktober 2016 wurde die Weisung aufgehoben, da der Therapeut keinen Bedarf mehr gesehen hatte. Scheint eine Fehldiagnose gewesen zu sein – der nun angeklagte Vorfall hat sich am 28. Oktober ereignet.

Wut auf Prostituierte

Mit zwei Freundinnen, eine davon sturzbetrunken, war der Teenager damals in der Felberstraße in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus. Sie beobachteten eine Prostituierte, die von einem Freier Geld kassierte, aus irgendeinem Grund versetzte das die 14-jährige Betrunkene in Rage.

Sie stürmte zum "Club 28", in den die Prostituierte gegangen war. "Wir wollten sie zurückhalten, damit sie keinen Blödsinn macht", erzählt S. dem Richter. "Da ist plötzlich eine Frau aus dem Lokal gekommen und hat mich die ganze Zeit am Arm gepackt. Ich habe gesagt, sie soll mich nicht angreifen."

Es seien immer mehr Frauen aus dem Bordell gekommen, eine davon habe ihr plötzlich brühheißen Kaffee über das Dekolleté geschüttet. "Da habe ich mich erschrocken und rotgesehen." Im Reflex habe sie ihrer ursprünglichen Kontrahentin die Ohrfeige gegeben.

Zwischen Nightclub und Bordell

Das Opfer, Kellnerin in dem Lokal, ist bei der Definition ihres Arbeitsplatzes zunächst ein wenig nobel. "Was ist das Lokal", fragt Hautz. "Ein Nightclub." – "Ein Nachtklub oder ein Bordell?" – "Ein Bordell."

Sie erzählt die Geschichte anders. Das Trio sei aggressiv gewesen, habe geschrien und gegen die Scheibe geklopft. Sie sei hinausgegangen, um für Ruhe zu sorgen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass alle Beteiligten an dem Streit beteuern, es sei ruhig und zivilisiert gesprochen worden, die jeweils anderen seien laut gewesen.

Das Opfer schildert, es habe die Ohrfeige gegeben, erst dann sei der Kaffee geschüttet worden. Die Schütterin hatte in ihrer Zeugenaussage übrigens behauptet, das Getränk überhaupt nur aus Schreck in die Luft geschleudert zu haben.

"Ein Passant hat das auch alles beobachtet und der Polizei gesagt. Ein Herr Dominik", sagt das Opfer weiter. Der Richter blättert im Akt, niedergeschrieben haben die Beamten die Aussage nicht. "Da herrschte offensichtlich kein gesteigertes Interesse an dem Fall", kann sich Hautz nicht verkneifen.

Bedingte Haft statt unbedingter Geldstrafe

Da er nicht so recht an ein zivilisiertes Gespräch glauben will, verurteilt er S. schließlich wegen der vom medizinischen Sachverständigen Wolfgang Denk diagnostizierten einfachen Körperverletzung rechtskräftig zu zwei Monaten bedingt, die Vorstrafe widerruft Hautz nicht.

"Ich glaube, dass eine bedingte Haft bei Ihrem Einkommen besser ist als eine unbedingte Geldstrafe", sagt er dem Lehrling. Außerdem spricht er dem Opfer 1.250 Euro Schmerzensgeld zu und erteilt der Angeklagten die Weisung zu einer neuerlichen Psychotherapie. (Michael Möseneder, 19.1.2017)

Share if you care.