Fleisch essen mit und ohne Gesundheitsrisiko

23. Jänner 2017, 10:00
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In mehreren aktuellen Studien wurden die gesundheitlichen Auswirkungen des Fleischkonsums untersucht – mit zum Teil konträren Ergebnissen

Der 27. Oktober 2015 war ein schwerer Tag für Fleisch-Aficionados: Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC hatte im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündet, dass regelmäßiger Fleischkonsum die Entwicklung von Darmkrebs begünstige. Die konkrete Hiobsbotschaft: Wer täglich mehr als 50 Gramm verarbeitetes Fleisch zu sich nehme, habe ein um 18 Prozent höheres relatives Darmkrebsrisiko. Es folgten Proteste der Fleischindustrie, die WHO ruderte zurück und teilte mit, die Bewertung ihrer Behörde verlange von den Menschen nicht, gänzlich auf Wurst, Schinken, Speck oder anderes verarbeitetes Fleisch zu verzichten.

Forscher vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung kürten die Zahl 18 schließlich zur Unstatistik des Monats Oktober. Denn: "Relative Risiken sind ein bewährtes Mittel, die Gefahr zu übertreiben und Menschen Angst zu machen. Um die Meldung der WHO richtig einordnen zu können, benötigt man jedoch das absolute Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, das bei ungefähr fünf Prozent liegt. Im Klartext bedeutet '18 Prozent mehr', dass sich das absolute Risiko von etwa fünf auf sechs Prozent erhöht", wie die Wissenschafter betonen.

Kritiker der Studie monieren außerdem, dass bis heute kein Vollbericht zur unabhängigen Überprüfung der Daten verfügbar sei. "Es kommt zu Verzögerungen, die gesamte Publikation wird nicht vor Mitte 2017 erhältlich sein", sagte Véronique Terrasse, Pressesprecherin des IARC, im vergangenen Dezember.

Fleisch, Obst und Gemüse

Eine aktuelle Beobachtungsstudie aus Schweden lässt nun das Thema "Fleisch" erneut hochkochen. Wissenschafter der Medizinischen Universität Karolinska Institutet in Stockholm untersuchten über einen Zeitraum von 16 Jahren bei 74.645 Personen unterschiedlicher Altersstufen die Auswirkungen des Fleischkonsums auf die Lebenserwartung. Dazu erhoben sie die Ernährungsgewohnheiten der Probanden und unterteilten sie je nach der Durchschnittsmenge an täglich verzehrtem Fleisch in fünf Gruppen.

Das Ergebnis: Die Sterberate lag in der Gruppe mit dem höchsten Fleischkonsum (über 117 Gramm pro Tag) um 21 Prozent höher als in der Gruppe mit dem niedrigsten Fleischverzehr (unter 46 Gramm pro Tag). Insbesondere Todesfälle durch kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall traten bei Personen mit hohem Fleischkonsum häufiger auf – egal, ob sie zusätzlich viel Obst und Gemüse zu sich nahmen. "Zwei Wurstsemmeln oder ein Schnitzel am Tag reichen aus, um eine statistisch deutlich geringere Lebenserwartung zu haben. Unabhängig davon, ob man sich sonst gesund ernährt", interpretiert Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE), die Ergebnisse der Studie.

Der deutsche Ernährungswissenschafter Uwe Knop sieht das anders: "Die berechneten Korrelationen sind sehr schwach und die relativen Risiken so gering, dass es sich dabei auch um ein rein statistisches Grundrauschen handeln kann. Daraus Kausalitäten abzuleiten, ist schlicht nicht möglich." Zudem enthalte die Studien paradoxe Ergebnisse. So weisen etwa Personen, die verhältnismäßig viel Fleisch (zwischen 67 und 117 Gramm täglich) und wenig Obst und Gemüse essen, die niedrigste Sterberate auf. "Das ist der Alltag in der Ernährungsforschung. Es gibt Korrelationen im 360-Grad-Radius – so findet jeder Wissenschafter die Zusammenhänge, die den Zielen seiner Forschung entsprechen", kritisiert Knop.

Auf die Qualität kommt es an

So hat etwa eine Studie der Universitiy of Oxford gezeigt, dass weder Vegetarier noch Veganer leben länger als Menschen, die auch Fisch und Fleisch essen. Eine australische Untersuchung, die mehr als 267.000 Probanden umfasste, konnte ebenfalls keinen Unterschied in der Gesamtmortalität zwischen Fleischkonsum und Formen der vegetarischen Ernährung (etwa völliger Verzicht auf Fisch und Fleisch, Pescetarismus und Flexitarier) ermitteln.

Auch eine aktuelle Meta-Analyse kommt zu einem anderen Ergebnis als die Untersuchung der schwedischen Forscher. Insgesamt fanden die Wissenschafter 945 Studien zum Thema Fleischkonsum, allerdings erfüllten nur 24 randomisiert-kontrollierte Studien (RCT) die notwendigen Qualitätskriterien. Eine neuerliche Auswertung der aggregierten Daten zeigte, dass der tägliche Verzehr von einer halben Portion (35 Gramm) verarbeitetem oder unverarbeitetem rotem Fleisch keinen Einfluss auf die wesentlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten (KHK) hat.

Das heißt, es konnten keine Auswirkung auf die Höhe des LDL-Cholesterins, die Blutfette oder den Blutdruck gefunden werden. Die Forscher, die ihre Studie als "erste RCT-Meta-Analyse dieser Art" sehen, fanden auch keinen Hinweis, dass ein deutlich höherer Fleischkonsum als 35 Gramm pro Tag die KHK-Risikofaktoren beeinflusst.

"Randomisiert-kontrollierte Studien sind auf jeden Fall höher einzustufen als reine Beobachtungsstudien – auch wenn die Qualität in der Ernährungswissenschaft nicht mit derartigen Untersuchungen im medizinischen Bereich vergleichbar ist. Die Konsumenten können aber davon ausgehen, dass Fleisch kein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, obwohl andere Beobachtungsstudien zukünftig wieder das Gegenteil behaupten werden", resümiert Knop. (Günther Brandstetter, 23.1.2017)

  • Vor allem der Genuss von rotem Fleisch steht immer wieder im Verdacht etwaiger Gesundheitsrisiken.
    foto: apa/rogner bad blumau / harald eisenberger

    Vor allem der Genuss von rotem Fleisch steht immer wieder im Verdacht etwaiger Gesundheitsrisiken.

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