Alte Häftlinge: Pflegekräfte für japanische Gefängnisse

18. Jänner 2017, 12:15
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Viele Senioren fühlen sich in Haft sicherer als in Freiheit, sie haben Angst um ihre Gesundheit. In den Gefängnissen werden daher in Zukunft vermehrt Pflegekräfte eingesetzt

Für den alten Mann im Tokioter Vorort Fuchu gleicht ein Tag dem anderen: Er steht um 6.45 Uhr auf, sitzt 20 Minuten später beim Frühstück und meldet sich Punkt 8.00 Uhr zur Arbeit. Er ist 80 und mag seinen Alltag – im Gefängnis. Wegen versuchten Diebstahls sitzt der alte Mann in Japans größter Haftanstalt und will nicht hinaus.

"Ich weiß nicht, wie mein Leben nach der Entlassung aussehen wird", sagt der 80-Jährige. "Ich mache mir Sorgen um meine Gesundheit und finanzielle Situation."

2015 waren offiziellen Zahlen zufolge fast 20 Prozent der Häftlinge oder Verdächtigen in Japan 65 Jahre oder älter, vor 15 Jahren waren es noch 5,8 Prozent. Manche Gefängnisse gleichen inzwischen Altersheimen. Ein Behördenbericht macht für den Anstieg neben einer alternden Bevölkerung auch zunehmende wirtschaftliche Not der Senioren verantwortlich.

Windeln wechseln im Gefängnis

Die Lage in den Gefängnissen ist so angespannt, dass die Regierung ab April in rund der Hälfte der 70 Anstalten im Land Pflegepersonal einsetzen will. "Die Arbeit der Gefängnisaufseher ähnelt immer mehr der Arbeit von Pflegekräften, das ist ein Problem," sagt ein Vertreter des Justizministeriums.

Die Aufseher in Fuchu müssen bei manchen Häftlingen Windeln wechseln und beim Baden helfen. "Ältere Häftlinge hören manchmal schlecht", erzählt der Sprecher. "Sie verstehen Anweisungen nicht und müssen oft auf die Toilette. Es ist schwierig, wir brauchen mehr Beamte."

Die Haft in Japan ist kein Zuckerschlecken: Das Leben ist monoton und streng reglementiert, bei der Arbeit sind Unterhaltungen verboten, oft müssen die Häftlinge im Gänsemarsch gehen. Trotzdem ziehen viele Senioren dies einem Leben in Freiheit vor: "Wenigstens haben sie hier ein Dach über dem Kopf und geregelte Mahlzeiten", sagt Tina Maschi von der Hochschule für Sozialwesen der US-Universität Fordham.

Draußen finden ältere Ex-Häftlinge nur schwer einen Platz in der Gesellschaft – die Rückfallquote der über 65-Jährigen ist hoch: Offiziellen Zahlen zufolge kommen rund 70 Prozent der älteren Straftäter innerhalb von fünf Jahren wieder hinter Gitter.

Rückkehr in die Strafanstalt

"Viele ältere Ex-Sträflinge kehren in die Gefängnisse zurück, weil es für sie schwierig ist, finanziell unabhängig zu sein," erklärt Akio Doteuchi vom Forschungsinstitut NLI. "Eine Wohnung und einen Job zu finden ist extrem schwierig. Und sie sind sozial isoliert, da immer mehr Leute allein leben."

Um den Einstieg in die Gesellschaft zu erleichtern, gibt es in Fuchu vor der Entlassung Rollenspiele und Vorträge über soziale Dienstleistungen. Auch Rehabilitationszentren unterstützen die Ex-Häftlinge in der ersten Zeit in Freiheit. Die Einrichtung Ryozenkai in Tokio bietet 16 Wochen lang Computer- und Benimmkurse sowie ein tägliches Abendessen. Entscheidend für die Resozialisierung seien finanzielle Stabilität und Vertrauen in die Mitmenschen, betont Direktor Terumi Obata.

"Das Leben draußen ist härter," sagt auch eine 60-jährige Ex-Gefangene, die 15 Jahre wegen Mordes saß. "In der Gesellschaft hat sich alles verändert." Inzwischen fand sie einen Job als Zimmermädchen und will nie wieder ins Gefängnis zurück: "Ich möchte regelmäßiger arbeiten, um einen Teil meines Verdienstes der Familie des Opfers zu geben." (APA, 18.1.2017)

  • Auch in der Haftanstalt Fuchu sollen ab April Pflegekräfte eingesetzt werden.
    foto: apa/afp/kazuhiro nogi

    Auch in der Haftanstalt Fuchu sollen ab April Pflegekräfte eingesetzt werden.

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