Neue Erdbeben und Schneechaos in Mittelitalien

19. Jänner 2017, 07:31
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Das Erdbebengebiet in Mittelitalien wurde am Mittwoch von vier starken Nachbeben erschüttert und leidet unter Schneemassen

Rom – "Wir haben eine totale Notlage in der gesamten Provinz; zahlreiche Gemeinden sind wegen Schneemassen von der Außenwelt abgeschnitten. Mehrere Orte sind seit 48 Stunden ohne Strom. Wir wissen nicht, ob es Schäden gegeben hat, aber wir brauchen dringend Hilfe", erklärte der Präsident der Provinz Teramo am Mittwoch verzweifelt. Kurz zuvor hatte die Erde in dem bereits von Erdbeben gebeutelten Gebiet in den Regionen Latium, Abruzzen, Marken und Umbrien innerhalb nur einer Stunde dreimal heftig gebebt. Der zweite Erdstoß um 11.14 Uhr war der stärkste und erreichte die Stärke von 5,5 auf der Richterskala. Bei den Beben im August und im Oktober 2016 in Mittelitalien waren 300 Menschen ums Leben gekommen, Zehntausende wurden obdachlos.

In weiten Teilen des rund 40 mal 60 Kilometer großen Erdbebengebiets in Mittelitalien sind am Mittwoch erneut Gebäude beschädigt worden oder eingestürzt; Meldungen über Verletzte oder Tote lagen nicht vor. Angesichts der unzähligen Nachbeben seit dem ersten Erdbeben und des härtesten Winters seit siebzig Jahren sind die Bewohner mit den Nerven am Ende. "Ich frage mich, was wir verbrochen haben, dass wir so gestraft werden: Wir haben Temperaturen von bis zu minus 20 Grad, es liegen eineinhalb bis zwei Meter Schnee – und nun kommt noch ein neues Erdbeben. Was soll ich sagen, mir fehlen die Worte", sagte der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, zum italienischen Staatssender Rai.

Bauern blieben

Der Touristenort Amatrice war beim ersten Erdbeben vor fünf Monaten praktisch dem Erdboden gleichgemacht worden. Die hügelige Gegend, die nun unter einer tiefen Schneedecke liegt, wirkt wie ausgestorben: Die meisten Bewohner leben nun in Hotels an der Adria oder bei Verwandten.

Bei den wenigen, die zurückgeblieben sind, handelt es sich meist um Bauern. Sie leben in Wohnwagen oder Wohncontainern, die Tiere sind in den beschädigten Ställen untergebracht. "In den letzten Tagen sind mir drei neugeborene Zicklein erfroren, weil der Stall nicht dicht ist und die Mütter sie nicht vor der Kälte schützen können", klagte Landwirt Giovanni Funari aus Accumoli der Repubblica. Angst haben die Bauern auch vor wilden Tieren, die von der Kälte und vom Hunger in die Nähe der menschlichen Siedlungen getrieben werden.

"Es ist eine schwierige Situation", erklärte der nationale Zivilschutzchef Fabrizio Curcio. "In der Erdbebenzone schneit es seit Tagen." Die Regierung hatte schon vor den neuen Erdstößen Soldaten in die Abruzzen geschickt, um bei der Schneeräumung zu helfen; die Räumfahrzeuge kommen aber wegen der Schneemassen nur schlecht vorwärts. Die extremen Witterungsbedingungen hatten vor allem in den Regionen Marken und Abruzzen schon zu Beginn der Woche zu Stromunterbrüchen geführt: Am Dienstag waren insgesamt 300.000 Menschen ohne Elektrizität. Von den Stromausfällen besonders betroffen waren die Bewohner, die nach den Erdbeben vom vergangenen Jahr in die von der Regierung bereitgestellten Wohncontainer gezogen waren: Die Container werden elektrisch geheizt – wegen des Stromausfalls herrschten nach kurzer Zeit Kühlschranktemperaturen.

Die neuen Beben sind auch in Rom gut spürbar gewesen. Der Betrieb der beiden U-Bahn-Linien wurde sicherheitshalber vorübergehend eingestellt; auch einige Schulen wurden evakuiert, um die Gebäude auf mögliche Schäden zu prüfen. In einzelnen Stadtteilen kam es zu Stromausfällen. (Dominik Straub aus Rom, 18.1.2017)

Der Agenturtext wurde durch den Artikel des Italien-Korrespondenten ersetzt.

  • Das Erdbebengebiet in Mittelitalien, das am Mittwoch erneut betroffen war.
    grafik: apa

    Das Erdbebengebiet in Mittelitalien, das am Mittwoch erneut betroffen war.

  • In der von den Beben betroffenen Region ist viel Schnee gefallen – hier ein Bild von der Hauptstraße des Orts Montereale nahe Amatrice.
    afp/andreas solaro

    In der von den Beben betroffenen Region ist viel Schnee gefallen – hier ein Bild von der Hauptstraße des Orts Montereale nahe Amatrice.

  • Zahlreiche Menschen mussten aus ihren Häusern fliehen und bei klirrender Kälte im Zelt übernachten.
    afp/andreas solaro

    Zahlreiche Menschen mussten aus ihren Häusern fliehen und bei klirrender Kälte im Zelt übernachten.

  • Zwei ältere Frauen sitzen in einem großen Zelt, das bei einem Sportplatz im Ort Montereale als Notlager dient.
    afp/andreas solaro

    Zwei ältere Frauen sitzen in einem großen Zelt, das bei einem Sportplatz im Ort Montereale als Notlager dient.

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