Schlangestehen vor der Rezeption geht gar nicht mehr

18. Jänner 2017, 06:00
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Hoteliers auf Selbstfindungskurs: Die Branche wird durch die Digitalisierung umgepflügt und muss sich neu erfinden

Bad Ischl – Wandern, abschalten, viel frische Luft. Was viele Hoteliers glauben, ihren Gästen bieten zu müssen, damit diese den Kopf wieder frei bekommen für neue Ideen, empfehlen Experten mit immer mehr Nachdruck den Hoteliers selbst. Der Tourismus ist nach Musikindustrie, Medienbranche und anderen Wirtschaftszweigen ein weiterer Bereich, der durch die voranschreitende Digitalisierung umgepflügt wird.

Das eindrucksvollste Beispiel, das auch bei Diskussionen auf dem am Dienstag zu Ende gegangenen Kongress der Österreichischen Hoteliersvereinigung (ÖHV) in Bad Ischl präsent war, ist Airbnb. Das US-Unternehmen, das als Start-up vor acht Jahren in San Francisco begonnen hat, ist mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet knapp 30 Milliarden Euro mittlerweile der größte Bettenanbieter der Welt. Und das ohne eine einzige Immobilie, ein einziges Bett zu besitzen.

Airbnb nicht aufzuhalten

Entwicklungen á la Airbnb aufhalten zu wollen sei illusorisch, sagte Johann "Hansi" Hansmann, österreichischer Unternehmer und Business Angel. "Wenn eine Idee gut ist, setzt sich die durch, egal wie stark der Gegendruck ist." Aufgabe der Politik sei es, das gesetzliche Regelwerk möglichst rasch an die geänderte Situation anzupassen.

In Österreich ist das jetzt – mit Verspätung – der Fall. Von Wien bis Innsbruck und Graz wird der Versuch unternommen, halbwegs gleiche Spielbedingungen zwischen gewerblichen Betrieben und privaten Zimmervermietern herzustellen, die freie Betten über Onlineplattformen wie Airbnb vermarkten – zumindest was das Bezahlen der Ortstaxen betrifft.

Schlangenstehen vor der Rezeption

Änderungen müsse es aber auch in der Ansprache der Gäste, im Vertrieb und beim Empfang geben. "Schlangestehen vor der Rezeption, das geht zum Beispiel gar nicht," sagte Gerald Hörhan, Investmentbanker und Buchautor (Investment Punk). Seiner Ansicht nach sollte die bestbezahlte Person in einem Hotel nicht der Direktor oder der Küchenchef sein, sonder der Social-Media-Manager.

Dieser Posten sei Goldes wert, wenn es der damit betrauten Person gelinge, möglichst viele Gäste über die eigene Hotel-Homepage anzuziehen und ans Haus zu binden statt über ein Buchungsportal wie Booking.com oder Expedia. "Sie sparen sich damit zumindest 15 Prozent Provision, das stärkt ihre Ertragssituation dramatisch," sagte Hörhan an die Adresse der Hoteliers gewandt.

Hausmann, der selbst an 44 Start-ups beteiligt ist, empfiehlt Touristikern, Ideen von außen aufzunehmen. Junge Gründer seien befreit von alten Strukturen und somit auch im Denken freier. Dies sei eine Chance für veränderungswillige Hoteliers, trotz dramatischer Veränderungen weiter gutes Geld zu verdienen. (Günther Strobl, 18.1.2017)

Die Reise erfolgte auf Einladung der ÖHV.

  • Auch in der Tourismusbranche bleibt wohl kaum ein Stein auf dem anderen.
    foto: apa/dpa/stephanie pilick

    Auch in der Tourismusbranche bleibt wohl kaum ein Stein auf dem anderen.

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