Jaime Hayon: Vom Skater zum Designer

    20. Jänner 2017, 07:24
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    Der Spanier zählt zu den weltweit einflussreichsten Entwerfern

    Die Szenerie erinnert an das Kinderlied "Ein Männlein steht im Walde". Der Wald ist das ehrwürdige Semperdepot in Wien, das Männlein der Designer Jaime Hayon, und die vielen Bäume, das sind geladene Geschäftspartner und VIP-Gäste der Wittmann-Möbelwerkstätten.

    Für sie hat der Gestalter eine Möbelkollektion entworfen, die an diesem Abend präsentiert werden soll. Still und stumm ist er allerdings nicht, dieser Hayon. Mit lässigem Nachdruck ordert er ein Glas Sekt. Außer diesem sprudeln vor allem die Worte des 1974 in Madrid geborenen Hayon.

    foto: klunderbie
    Der aus Madrid stammende Designer Jaime Hayon beim Nachdenken – oder ins Narrenkastl schauend.

    Der Designer, der da in einem Parka zwischen all den Anzugträgern und eleganten Damen herumsteht, ist ein Neugieriger, ein pingeliger Forscher, ein wunderbarer Kindskopf und Bewunderer traditioneller Formen und Arbeitsweisen. Deshalb auch Wittmann, die ihn für die Gestaltung der Möbelfamilie "Wittmann Hayon Workshop" gewinnen konnte. Das mag überraschen, steht Wittmann doch eher für ausgewogene, handwerkliche Traditionsarbeit aus einem Guss denn für wilde Experimentierfreude.

    Wurstzipfel und Pinocchio

    Die ist bei Hayon Kennzeichen. Seine Objekte muten nicht selten clownhaft an, geizen auch nicht mit Puppengesichtern, Wurstzipfeln und wild swingenden Proportionen, die auch immer wieder ins Reich der Kunst oder Dekoration überschwappen. Auch Circus-Boy wird Hayon genannt, Enfant terrible sowieso, und sogar das Püppchen Pinocchio findet Platz in seinem OEuvre.

    "Ich denke, wir brauchen solch fantastische Formen wie die meinen. Sie strahlen etwas Positives aus, und die Leute lächeln, wenn sie meine Sachen sehen." Und Know-how, Tradition und Handwerkskunst wie im Falle Wittmanns hin oder her, auch so manchem alteingesessenen Betrieb tut der frische Wind solcher Designfiguren gut. Die frische Luft eignet sich sozusagen als Präventivmaßnahme gegen eine Staubschicht, die sich naturgemäß lieber auf die Entwürfe konservativ angehauchter Produzenten legt. Dessen ist sich auch die Kundschaft Hayons bewusst. Darunter zu finden: Fritz Hansen, Swarovski, Baccarat, Magis, Cassina, Bisazza, Camper, Piper-Heidsick und einige mehr.

    foto: hayonstudio
    Vasen "Showtime"

    "Ich bin fasziniert vom Know-how von Traditionsunternehmen, das macht mich ganz fahrig, und ich sehe darin keinen Widerspruch zu meinen verspielteren, ausgeflippten Objekten. Das Wissen und die Fertigungskunst solcher Unternehmen haut dich echt von den Socken, und ich finde es großartig, dass es in Österreich noch solche Unternehmen gibt, denken Sie zum Beispiel auch an Lobmeyr", erklärt Hayon inmitten des Gewurls, wo ihn (noch) immer keiner zu erkennen scheint.

    Getroffen hat er die Crew von Wittmann auf einer Messe. "Es gab keinen Plan für eine Zusammenarbeit, das Ganze war ein Zufall. Wie auch immer, ich habe mich selbst in die Produktion eingeladen. Dann kam eins zum anderen", sprich verschiedenste Möbeltypen für das Haus in Etsdorf am Kamp.

    Gratwanderung

    Die Stücke der Kollektion, darunter unter anderem Fauteuils, Sofas und Beistelltische, haben Swing, neigen zu einer behutsamen Üppigkeit und nähren die Vorstellung, der große Josef Hoffmann himself habe hinter Hayon gestanden, als dieser den Stift zückte. Doch Hayon versteht es, sich nicht dreinreden zu lassen, die Gratwanderung zwischen infantilem Schnickschnack und fantasievollen, gefinkelten Objekten zu meistern, immer eingedenk dessen, was ein Gegenstand auf der einen Seite verspricht, auf der anderen aber auch halten muss. Er bewegt sich dabei zwischen den Polen eines freien Kunstprojekts und Objekten, die sich in die Tradition eines Auftraggebers eingliedern sollen, ohne aus dieser herauszupurzeln.

    foto: hayonstudio
    Frischer Wind für die gute Stube: Jaime Hayon möchte mit seinen Entwürfen Fantastisch-Positives vermitteln. Beistelltisch in Affenform von BD Barcelona.

    Entworfen wird von Hayon alles, was aufs Reißbrett kommt: Möbelserien, Leuchten, Accessoires, Schuhe, Restaurants, Uhren, Handys, Tapeten, Geschäfte und Hotels. Das "Time"-Magazin zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Kreativen, ebenso wie die Fesch-Sachen-Gazette "Wallpaper".

    Preisgekrönt wurde er von den wichtigsten internationalen Magazinen, und seine Werke finden Bewunderer im Centre Pompidou ebenso wie im Design Museum London oder im Wiener Museum für angewandte Kunst. Studiert hat Hayon in Madrid und Paris, 1997 wurde er Teil der "Fabrica", der von Benetton gegründeten Design- und Kommunikationsakademie in Italien, wo er bis 2003 die Designabteilung leitete.

    Begonnen hat alles jedoch früher: Der Kindskopf war Hayon so gut wie in die Wiege gelegt. Bereits als Dreikäsehoch malte er Snoopys auf die Sofas und Tische seiner Eltern. "Nein, die hatten keine Freude, aber mittlerweile haben sie es akzeptiert", erzählt Hayon schelmisch lachend, ehe er sich noch ein Glas Sekt vom Tablett des vorbeihuschenden Kellners angelt.

    Von Snoopy zur Skater-Szene

    Nach Snoopy kamen die Skater- und die Punk-Rock-Style-Szene, in die Hayon eintauchte, also nächste autodidaktische Lektionen auf seinem weiteren Weg, den er eine Zeitlang in Kalifornien ging. "Ich traf in dieser Szene eine Menge kreative Leute. Der Typ zum Beispiel, der heute die Grafikdesigns für Vitra macht, den kenne ich aus meiner Skaterzeit. Oder denken Sie an den Filmemacher Spike Jonze. Die Skaterszene hat viele gute Leute hervorgebracht."

    Die Frage, ob man anstatt eines Designstudiums also eher aufs Skateboard steigen sollte, beantwortet Hayon straight und redet dabei so schnell wie ein spanischer Fußballkommentator. "Sehen Sie, in jeder Untergrundszene, egal ob wir von den Sex Pistols oder der Skaterszene reden, findet man etwas Besonderes, aus der Interessantes entstehen kann."

    Muse namens Rotwein

    Und was hilft sonst noch beim Hochklettern der Designerleiter, um die sich nicht wenige Konkurrenten Hayons scharen? "Ich liebe das Leben, ich liebe Wein, bin gut drauf, gebe Gas. Design ist wie Kochen. Die Zutaten sind Farben, Formen, Schatten, Reflexionen, Kontraste. Berührt ein Stuhlbein den Boden wie eine Ballerina, oder soll es ein schweres Gericht werden? Wie auch immer: Herauskommen soll etwas, das man angreifen, anschauen und fühlen will."

    Ein Glas Sekt gönnt sich der Spanier noch, bevor der Vorhang gelüftet wird und sich die neue Möbelfamilie endlich blicken lässt. Und zwei Sager auch noch: "Ich lasse mich nicht von Erfolg lenken. Das ist Blödsinn. Mich reizt die Herausforderung, ehrlich Innovatives zu schaffen, Spaß mit meiner Familie zu haben und eines Tages, wenn ich alt bin, mit dem Bleistift in der Hand zu sterben. Und noch etwas: Ich habe noch nie etwas unternommen, um mich selbst zu promoten."

    foto: hayonstudio
    Fauteuil für Wittmann.

    Warum hat er sich dann vor einigen Jahren in einem rosaroten Hasenkostüm samt Riesenlöffeln und echtem Spatz in der Hand ablichten lassen, um in diesem Kostüm von so manchem Magazincover zu blicken? "Ich habe das aus Spaß gemacht. Ich habe das Bild keinem einzigen Redakteur geschickt oder angeboten. Die Leute von den Zeitungen kamen und wollten es haben. Der Punkt ist, dass sich die Leute an solchen Dingen erfreuen und ihren Anteil an meinem Spaß haben wollen, weil sie sich selbst zu ernst nehmen."

    foto: hayonstudio
    Hochlehner "Vuelta" für Wittmann.

    Nicht erst an dieser Stelle drängt sich der Vergleich mit der Arbeitsweise eines Philippe Starck auf. Auch der verstand es schon früh, dass ein Designer heute auch Performer sein muss und die Kunst beherrschen sollte, Geschichten zu erzählen. Hayon hat offensichtlich gut aufgepasst, schließlich war Starck Lehrer während seiner Studienzeit.

    Sprüche klopfen wie der kann Hayon übrigens auch: "In dem Moment, in dem ich auf den Markt höre, designe ich Dreck." Offensichtlich ist es dem Spanier gelungen, den Spieß umzudrehen, denn bislang spitzt der Markt die Ohren, fällt der Name Hayon. (Michael Hausenblas, RONDO, 20.1.2017)

    foto: klunderbie
    Tanzschuhe inspirierten Jaime Hayon zu seinen Schuhentwürfen, die der Hersteller Camper in verschiedenen Farben und Materialien auf den Markt brachte.
    foto: hayonstudio
    foto: hayonstudio
    Figur "The Lover" aus der Fantasy Collection.

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