Piraten steigen um aufs Millionengeschäft Entführungen

18. Jänner 2017, 09:00
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Seeräuber nehmen deutlich mehr Geiseln und verlangen Lösegeld – Neuer Hotspot in Südostasien

Kuala Lumpur / Wien – Jürgen K. lebt offenbar. Doch wie lange noch? Um den Jahreswechsel herum tauchten online Fotos des 70-jährigen Deutschen auf, wie er anscheinend sein eigenes Grab ausheben muss. Rundherum stehen bewaffnete Männer, und die eindeutige Botschaft an die deutsche Regierung lautet: Zahlt endlich!

Jürgen K. wurde Anfang November vor der Südküste der Philippinen von seiner Jacht entführt, seine Frau bei dem Überfall erschossen. Die islamistische Rebellengruppe Abu Sayyaf, die im muslimischen Süden der vorwiegend katholischen Philippinen um einen eigenen Staat kämpft, hat sich dazu bekannt und ein Lösegeld von umgerechnet 9,5 Millionen Euro gefordert.

Hotspot Golf von Guinea

Dieser Fall ist bezeichnend für die Entwicklung, die das International Maritime Bureau (IMB) in seiner Jahresbilanz skizziert hat: Weltweit gingen Angriffe durch Piraten zurück, von 246 Attacken 2015 auf 191 im vergangenen Jahr. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Entführungen, die Lösegeldforderungen zur Folge hatten, von 19 auf 62. Etwa die Hälfte davon ereignete sich in einem bereits bekannten Hotspot, dem Golf von Guinea vor Westafrika. Auch gab es vermehrt Entführungen rund um Indonesien und Malaysia.

Neu ist hingegen die Entwicklung in der Sulusee südlich der Philippinen mit zwölf gemeldeten Entführungen. IMB-Direktor Pottengal Mukundan warnte Anfang Jänner davor, diesen Seeweg zu nutzen. Nur wenige Tage später wurden dort acht Fischer erschossen in ihrem Boot aufgefunden. Hier wird ebenfalls Abu Sayyaf dahinter vermutet, denn die Islamisten nehmen auch gerne einheimische Fischer und sogar große Handelsschiffe ins Visier, um ihre Aktivitäten zu finanzieren.

Vom Land auf die Hohe See

"Abu Sayyaf greift öfter auf Hoher See an, weil die Ziele an Land immer schwieriger zu erreichen sind", sagt Hans Tino Hansen, CEO von Risk Intelligence, einer Firma, die Schiffsunternehmen in Sicherheitsfragen berät. Außerdem, so Hansen zum STANDARD, "haben sich Schiffsentführungen als sehr lukrativ erwiesen".

Vor zwei Jahren etwa hat Abu Sayyaf, übersetzt "Schwertkämpfer", ein deutsches Seglerpaar entführt und laut eigener Aussage nach Zahlung eines Lösegelds wieder freigelassen. Im Frühjahr wurden zwei Kanadier ermordet, weil offenbar kein Lösegeld floss, während kurz darauf ein Norweger freigelassen wurde.

Grundsätzlich aber, so IMB, werde der Kampf gegen Piraterie sehr erfolgreich geführt. Vor der Küste Somalias, vor wenigen Jahren noch der gefährlichste Seeweg der Welt, wurden 2016 gerade einmal zwei Angriffe gemeldet. Zu dieser Entwicklung geführt hat Operation Atlanta, der Anti-Piraten-Einsatz der EU, der jüngst bis Ende 2018 verlängert wurde.

Besser bewachte Schiffe

Auch vor Indonesien sind dank effizienterer Patrouillen die Piratenangriffe zurückgegangen. Außerdem, so Hansen, "arbeiten Regierungen und ihre Marinestreitkräfte immer besser zusammen", um Attacken zu vermeiden. Schließlich engagieren Schifffahrtsunternehmen vermehrt private Sicherheitskräfte, die auf ihren Schiffen mitfahren.

Geht es aber nach Ian Storey, wird Piraterie nie ganz aus der Welt zu schaffen sein. Dort, wo Armut herrsche und Polizei sowie Marine schlecht bezahlt werden, so der Sicherheitsexperte vom Institut für Südostasien-Studien in Singapur zur Deutschen Presse-Agentur, werde es Korruption geben. Und "das macht organisierte Kriminalität möglich". (Kim Son Hoang, 18.1.2017)

  • Die philippinische Küstenwache inspiziert ein großteils schon gesunkenes Fischerboot, auf dem acht Fischer vermutlich von Piraten getötet wurden.
    foto: ap

    Die philippinische Küstenwache inspiziert ein großteils schon gesunkenes Fischerboot, auf dem acht Fischer vermutlich von Piraten getötet wurden.

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