Zagreb befürchtet "Tourismussabotage"

17. Jänner 2017, 08:00
243 Postings

Weil heuer ein Entscheid im Schiedsverfahren rund um den Grenzkonflikt in der Bucht von Piran zu erwarten ist, verschärft sich die Rhetorik zwischen Kroatien und Slowenien. Jetzt wird auch noch um einen Wein gestritten

Zagreb/Ljubljana – In Slowenien hat man das Gefühl, dass sich nicht nur das Nachbarland Kroatien, sondern auch die EU-Kommission gegen den mitteleuropäischen Staat verschworen hat. Denn die Kommission hat kürzlich erlaubt, dass Kroatien den Namen "Teran" für eine Rebsorte verwenden darf. In Slowenien ist der Name aber für einen bestimmten Wein im Rahmen der Herkunftsbezeichnung geschützt.

Die Slowenen hatten das exklusive Recht auf den Namen Teran für den istrischen Wein zu einer ihrer Bedingungen gemacht, überhaupt dem EU-Beitritt Kroatiens zuzustimmen. Der slowenische Landwirtschaftsminister Dejan Zidan drohte nun sogar eine Klage gegen die EU-Kommission an und argumentierte, dass das gesamte EU-System zum Schutz der geografischen Herkunftsbezeichnungen untergraben werde.

Prosecco und Krainer-Wurst

Zudem sollen Forschungsergebnisse beweisen, dass die Teran-Sorte der Kroaten eigentlich ein Abkömmling der slowenischen Weinsorte Refosk ist. Es geht also um nationales kulinarisches Gut, und von da ist es nicht weit zu hoch emotionalen Identitätsfragen. Der Weinsorten-Streit scheint lächerlich zu sein, doch mit Österreich gab es bereits einen ähnlichen Konflikt: Dabei ging es um die Krainer-Wurst. Mit Rom lag Ljubljana wiederum wegen des Proseccos im Zwist.

Der aktuelle Streit mit Kroatien hat aber wohl auch damit zu tun, dass im zweiten Halbjahr 2017 eine Entscheidung im Schiedsverfahren zur Grenzfrage bevorsteht. Die Frage, welcher Teil der Bucht von Piran nun zu Kroatien und welcher zu Slowenien gehört, bewegt nicht nur die Fischer, sondern führt regelmäßig zu politischen Scharmützeln.

Slowenien hatte wegen des Grenzstreits den EU-Beitrittprozess der Nachbarn verzögert. Mittlerweile ist Kroatien zwar Mitglied der Union, doch die Situation ist verfahren, weil Zagreb die Entscheidung des Schiedsverfahrens nicht mehr akzeptieren will. Der Hintergrund: 2015 wurde bekannt, dass der slowenische Vertreter im fünfköpfigen Schiedsgericht Informationen ausgeplaudert haben soll.

Viele Beobachter denken allerdings, dass Kroatien nur deshalb das Ergebnis des Schiedsgerichts nicht akzeptieren will, weil es annehmen muss, dass die Entscheidung zugunsten Sloweniens ausgehen wird. Der slowenische Außenminister Karl Erjavec deutete nun sogar an, dass Touristen, die im Sommer aus Deutschland und Österreich auf ihrem Weg über Slowenien nach Kroatien fahren, Probleme erwarten könnten, falls Kroatien den Schiedsspruch nicht umsetze.

Erinnert an Flüchtlingskrise

In Kroatien hat man nun Angst, dass die slowenischen Grenzer die Touristen so lange piesacken könnten, bis diese umdrehen, und spricht von einer "Tourismussabotage". Tatsächlich haben die slowenischen Grenzbeamten in ganz Ex-Jugoslawien noch immer den Ruf von Zerberussen, obwohl dies längst nicht mehr der Realität entspricht. Die Ankündigung von Erjavec löste zudem Erinnerungen an das Grenz-Chaos während der Flüchtlingskrise aus.

Der Politologe Marko Lovec aus Ljubljana sieht einen weit pragmatischeren Grund für Erjavec' Äußerung. Der Außenminister (und Chef der Pensionisten-Partei) hat keine guten Umfragewerte. Zudem müsse man nach der Entscheidung des Schiedsgerichts mit allem rechnen. "Das kann sogar zum Kollaps der Regierung und vorgezogenen Neuwahlen führen", so Lovec zum STANDARD.

Die linksliberale Regierung in Ljubljana ist seit der Flüchtlingskrise unter Druck der rechten Opposition. Und der Grenzstreit verschärft sich bereits seit längerer Zeit. Im Dezember verschickte die kroatische Botschaft in Ljubljana Schokoladenschachteln mit dem Bild der Bucht von Piran, die diese als kroatisches Territorium markierte. (Adelheid Wölfl, 17.1.2017)

  • In Kroatien hat man Angst, dass Slowenien im Sommer an der Grenze Touristen aufhalten könnte.
    foto: reuters/nikola solic

    In Kroatien hat man Angst, dass Slowenien im Sommer an der Grenze Touristen aufhalten könnte.

Share if you care.