Großer Aufholbedarf bei digitaler Kompetenz

Video17. Jänner 2017, 07:00
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In vielen europäischen Ländern steht digitale Kompetenz bereits auf dem Lehrplan. Programmieren und informatische Bildung gehören auch dazu. In Österreich wird noch an einem Konzept gearbeitet

Wien – Die Digitalisierung verändert den Unterricht. Tablets und Laptops lösen das Schulbuch immer weiter ab. Am Arbeitsplatz sind sie schon lange nicht mehr wegzudenken. Damit die Chancen der Schülerinnen und Schüler nicht bereits an der Infrastruktur scheitern, möchte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ), dass jedem Kind in der fünften Schulstufe ein Tablet und nach der neunten Schulstufe ein Laptop zur Verfügung gestellt wird. Darüber hinaus hat er bei seiner Grundsatzrede am vergangenen Mittwoch in Wels die Bedeutung digitaler Kompetenzen für die Chancen am Arbeitsmarkt unterstrichen.

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Christian Kern stellt seine Vorschläge für das Bildungssystem vor.

Erste Erfahrungen im Programmieren sollen spielerisch schon im Kindergarten gesammelt werden. In der Volksschule soll es dann eine "digitale Grundbildung" geben.

Neues Schulfach

Für Bildungsministerin Sonja Hammerschmid gehe es in diesem Zusammenhang um den Umgang mit Wissen und Content im Internet, um Themen wie Cybermobbing und Hasspostings, so die Ministerin. Schüler sollen mit Handwerkszeug für kritisches Hinterfragen und ethische Reflexion ausgestattet werden, erklärte Hammerschmid, die Ende Jänner eine Gesamtstrategie zur Digitalisierung ab der Volksschule präsentieren will. Dabei gehe es auch um Infrastruktur, Lernmaterialien sowie Fort- und Weiterbildung von Pädagogen. Denkbar ist dabei für die Ministerin auch ein eigenes Schulfach namens "digitale Kompetenz". Verschiedene Projekte an einzelnen Schulen gibt es bereits, was fehlt, ist eine dementsprechende Überarbeitung des Lehrplans.

Viele europäische Länder haben schon Strategien entwickelt und setzen diese bereits um. Österreich hat hier noch Nachholbedarf. Der Begriff der digitalen Kompetenz lässt viel Interpretationsspielraum, die Ausprägung der einzelnen Teilbereiche ist daher länderweise unterschiedlich, Programmieren ist aber bei allen ein Thema.

Seit September 2014 ist in Großbritannien Programmieren (Coding) als eigener Gegenstand in der Grund- und Mittelschule verpflichtend. Neben der Kenntnis von Programmiersprachen wird auch ein Verständnis von Datenstruktur und Datensicherheit vermittelt. Anwendungskenntnisse hingegen haben weniger Bedeutung. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler an die digitalen Arbeits- und Lebenswelten heranzuführen.

In der Schweiz wurde ebenfalls im Oktober 2014 ein neuer Lehrplan für die deutschsprachigen Kantone verabschiedet, in dem die Teilbereiche Anwendungskenntnisse, Medien und Informatik berücksichtigt wurden. Medien und Informatik werden in einem eigenen Fach unterrichtet.

Ab der zweiten Schulstufe

Auch in der Slowakei wird schon früh mit der Vermittlung digitaler Kompetenzen begonnen. Ab der zweiten Schulstufe gibt es das Unterrichtsfach Informatics. In einem Umfang von drei Wochenstunden wird dabei neben Informatik auch Medienkompetenz unterrichtet.

Finnland geht einen anderen Weg. Zwar wurde mit dem Inkrafttreten des neuen Lehrplans im Herbst 2016 Coding als verpflichtender Lehrinhalt eingeführt. Und bereits mit Schuleintritt wird damit begonnen, diesen Inhalt zu vermitteln.

Programming und Computational Thinking werden dafür als Kompetenzbereiche genannt, dafür werden aber keine eigenen Kurse oder ein eigenes Unterrichtsfach angeführt, die Inhalte sind integraler Bestandteil des Unterrichts und liegen in der Verantwortung des Lehrenden. Finnland ist damit eines von acht Ländern, in denen bereits ab dem Schuleintritt damit begonnen wird, digitale Kompetenzen zu schärfen.

Überarbeitete Curricula

Auch in den USA wurden neue Lehrpläne zu Computer Science für alle Altersstufen ausgearbeitet. Neben den USA haben in den letzten Jahren auch Indien, Südkorea, Australien und Neuseeland ihre Lehrpläne im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) überarbeitet.

Programmieren ist im österreichischen Bildungssystem derzeit noch wenig vertreten. Einen flächendeckenden, verpflichtenden Lehrinhalt im Pflichtschulbereich gibt es nicht. Laut nationalem Bildungsbericht (Bifie 2015) werden dementsprechende Inhalte im Rahmen schulautonomer Schwerpunktsetzungen berücksichtigt. Kritisiert wird, dass vieles, was derzeit unter dem Titel Informatikunterricht laufe, eigentlich sehr oft nur eine Applikationsschulung sei.

Der Informatikunterricht ist im Wesentlichen eine Schulung in Computer Literacy. Anwendungen wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Grafikprogramme werden in der Schule und auch zu Hause genutzt, dafür sind aber keine Programmierkenntnisse erforderlich, und daher fehlt für vieles andere ein informatisches Verständnis. (ost, 17.1.2017)

  • Informationstechnologien bieten viele Möglichkeiten für Schulen.
    foto: istockphoto

    Informationstechnologien bieten viele Möglichkeiten für Schulen.

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