Düsternis und Morgenidyll

16. Jänner 2017, 17:08
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Philharmoniker und Semyon Bychkov im Musikverein

Wien – Düstere Todesreflexionen eines siechen Altmeisters und naturidente Morgenidyllen eines ambitionierten Jungspunds: Ein Programm der Kontraste erwartete die getreuen Hörer der philharmonischen Abonnementkonzerte letztes Wochenende. Unter der Leitung von Semyon Bychkov interpretierten die Wiener Philharmoniker erst die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, instrumentiert von Detlev Glanert; nach der Pause folgte die weltzugewandte, lebenspralle erste Symphonie von Gustav Mahler.

Glanert schuf für seine Bearbeitung Vorspiele von solider handwerklicher Qualität, die die Lieder auf stimmungsvolle und unaufdringliche Weise zu einer Einheit verbinden; eine "persönliche Fortkomposition des Deutschen Requiems" war ihm vorgeschwebt. Der ehemalige Schüler Hans Werner Henzes oszillierte in den Präludien stilistisch zwischen Brahms, Mahler, Ennio Morricone und Glanert, für die Orchestrierung wählte er vorwiegend warme, dunkle Klangfarben. Solist Johan Reuter interpretierte den Basspart in gleichförmiger Weise mit strenger, fester Autorität.

Husten vs. Ungeauigkeiten

Die allumspannende, himmelzarte Einleitung von Mahlers Erster wurde am Samstagnachmittag ziemlich zerhustet, was vielleicht gar nicht so schlimm war, hörte man doch so die Ungenauigkeiten der Klarinetten und die Patzer der Hörner nicht ganz so gut. Die Darstellung der Wald-und-Wiesen-Seligkeit gelang Bychkov gut, aber erst beim ausgelassenen Finale des Kopfsatzes hatte man das Gefühl, dass sich das Orchester freigespielt hatte.

Robust, aber auch etwas steif wurde der zweite Satz präsentiert, das an sich spektakuläre Ende riss nur begrenzt mit; schelmisch die parodistische Jahrmarktsmusik im dritten. Der Finalsatz entschädigte dann für alle Fehlerchen und Durchschnittlichkeit davor: Da waren Biss, Schärfe, Energie, Kraft und theatralische Grandezza, vom ersten Moment an und erst recht am Schluss. Und diese sachte Innigkeit der Streicher im Des-Dur Teil ... wundervoll. Heftiger Jubel, wie er wohl auch beim Gastspiel der Philharmoniker nächsten Sonntag in der Hamburger Elbphilharmonie zu hören sein wird. (Stefan Ender, 16.1.2017)

  • Semyon Bychkov dirigierte Brahms und Mahler.
    foto: imago / ctk photo

    Semyon Bychkov dirigierte Brahms und Mahler.

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