Religion, sie gehört in die Öffentlichkeit!

Kommentar der anderen16. Jänner 2017, 16:46
336 Postings

Der demokratische Staat darf keine Option privilegieren, die seine Bürger und Bürgerinnen treffen – weder eine bestimmte religiöse Option, noch die Option, nicht zu glauben. Ein Beitrag zur Kopftuchdebatte aus christlicher Sicht

"Gottsucherbanden" nennen Nikolaus Dimmel und Roland Fürst Religionsgemeinschaften in ihrem "Kommentar der anderen" vom 12. Jänner. Keine gute Voraussetzung für eine Verständigung über die Rolle von Religionen in Öffentlichkeit und Staat. Denn es gehört zu den Voraussetzungen einer zivilisierten Debatte, das Gegenüber nicht verächtlich zu machen.

Ihr Kommentar lässt an der Ernsthaftigkeit und Redlichkeit ihres Diskussionsbeitrags zweifeln. Und er birgt ein großes Missverständnis: Religionsfreiheit, schreiben die beiden, sei "eben nicht die Wahlfreiheit zwischen Mitgliedschaften verschiedener Gottsucherbanden, sondern in erster Linie die Freiheit von Religion."

Ein Blick auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hilft, dieses grobe Missverständnis aufzuklären. Dort lesen wir in Artikel 18, das Recht auf Religionsfreiheit umfasse "die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden."

Der Staat sei "keine Magd religiöser Ideologien", so Dimmel und Fürst weiter. Das stimmt. Aber ebenso wenig ist der Staat eine Magd säkularer Ideologien. Der Staat darf, mit Charles Taylor gesprochen, "weder christlich noch muslimisch noch jüdisch sein; aber ebenso wenig darf er marxistisch, kantianisch oder utilitaristisch sein."

Der demokratische Staat darf keine Option privilegieren, die seine Bürger und Bürgerinnen treffen – weder eine bestimmte religiöse Option noch die Option, nicht zu glauben. Aufgabe des Staates ist es, sich produktiv auf die Vielfalt der Überzeugungen einzustellen und dafür Sorge zu tragen, dass alle Überzeugungen an der öffentlichen Debatte teilhaben können.

2017, in dem Jahr, in dem die evangelischen Kirchen 500 Jahre Reformation feiern, darf daran erinnert werden: Ein Erbe der Reformation sind – im Unterschied zur liberalen These, Religion sei Privatsache – öffentlich zugängliche Bibelauslegung (durch Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche) und öffentliche Debatten über Religion (durch zahlreiche Disputationen und Flugschriften).

Aufgeklärter Zugang

Beides zusammen macht einen aufgeklärten Zugang zu Religion aus: nicht im Dunkel des Privaten, nicht im Dunkel abgeschlossener Kirchen oder Moscheen, sondern im Licht der Öffentlichkeit und unter breiter Beteiligung über Fragen der Religion verhandeln. Religion gehört in die Öffentlichkeit, die auch kritisch hinterfragt und Rechenschaft verlangt – damit genau das nicht passieren kann, was Dimmel und Fürst fürchten: dass "unmündige Minderjährige mit 'Fegefeuer' und 'Hölle' terrorisiert werden".

Apropos Terror, zwischen Islam und Islamismus bestünde kein Unterschied, schreiben die beiden. Am Islam als Religion einer Minderheit kann offenbar derzeit jedermann sein Mütchen kühlen – sei es das abendländische Mütchen in der Integrations- oder das atheistische Mütchen in der Säkularisierungsdebatte. (Maria Katharina Moser, 16.1.2017)

Maria Katharina Moser ist wissenschaftliche Referentin am Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie und evangelische Pfarrerin in Wien-Simmering.

Share if you care.