Einblick in die alte Götterwelt des Voodoo

Reportage17. Jänner 2017, 09:00
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In keinem anderen Land wird Voodoo so sehr gefeiert wie in Benin. Dort gibt es sogar einen eigenen Feiertag, der seltene Einblicke ermöglicht

Lucien Houngan strahlt und reckt den rechten Arm in die Höhe. "Die Stimmung hier ist super", brüllt er gegen den Lautsprecher an. Er dreht sich nach rechts und links um. Die Augen des jungen Mannes bleiben an einer Gruppe von Frauen kleben, die alle ganz in Weiß gekleidet und aufwendig geschminkt sind. Vor der Porte du Non Retour am Strand von Ouidah tanzen sie sich in Ekstase. Houngan genießt es, ihnen dabei zuzuschauen. "Wir feiern hier schließlich unsere Kultur."

Das machen im westafrikanischen Benin jedes Jahr am 10. Jänner tausende Menschen. Seit 1998 ist der Voodoo-Tag ein offizieller Feiertag. Besonders beliebt ist das Fest rund um das Sklavendenkmal Porte du Non Retour. Ouidah – eine Autostunde westlich der Wirtschaftsmetropole Cotonou gelegen – ist nicht nur Voodoo-Hauptstadt. Von hier aus sind auch Millionen Menschen versklavt worden. Ihre Religion haben sie mitgenommen. So ist sie neben Benin unter anderem auch in Haiti offiziell anerkannt.

Was sich konkret dahinter verbirgt, lässt sich für Außenstehende jedoch kaum verstehen. Lucien Houngan versucht es so zu erklären: "Das ist unsere Kultur, unsere Identität." Details nennt er nicht. Dass Voodoo nur schwer zu begreifen ist, gibt auch Médard Dominique Bada zu. Er ist Professor für Linguistik, befasst sich aber seit Jahrzehnten mit Voodoo.

"Voodoo ist nicht schlecht"

"Wer nicht eingeweiht ist, versteht vieles nicht", gibt er zu. Eingeweihte dürfen ihr Wissen wiederum meistens nicht preisgeben. Seiner Meinung nach kommt es dadurch oft zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Kritiker betrachten es als schwarze Magie, durch die andere Menschen großen Schaden erleiden können. Bada schüttelt jedoch den Kopf. "Voodoo ist nicht schlecht. Stattdessen stellt es eine Balance her, ein Gleichgewicht." Offiziell bekennen sich in Benin knapp zwölf Prozent der Bevölkerung zu Voodoo. Inoffiziell dürfte der Anteil aber weitaus höher liegen.

Über die Religion lesen kann man so gut wie nichts. Anders als im Christentum oder Islam gibt es keine schriftlichen Quellen. Alles ist mündlich überliefert worden, und manchmal unterscheiden sich die Interpretationen von Dorf zu Dorf. Dadurch sind in der Vergangenheit viele Informationen verlorengegangen, etwa wenn es um traditionelle Heilkräuter geht. Traditionelle Heiler tauschen sich in der Regel nicht aus, da Wissen auch Macht bedeutet. Freiwillig wird diese nicht geteilt. Die Kenntnisse werden höchstens an die Kinder oder einen Nachfolger weitergegeben, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dabei ist auch das Teil der alten Tradition. Für viele Beniner ist Voodoo längst nicht nur Religion, sondern eine Form des Lebens. Eine enge Verbindung mit der Natur gehört dazu.

In Ouidah gibt es einen kleinen Einblick. Einigen Menschen ist das Fest längst zu folkloristisch geworden. Lucien Houngan lacht jedoch nur und schaut drei älteren Frauen zu. Sie liegen auf Knien in der Sonne, neben ihnen eine leere Schnapsflasche. Offenbar beten sie. Zeremonien sind fester Bestandteil des Voodoo. Sie unterscheiden sich von Gott zu Gott. Mami Wata etwa, die häufig als Nixe dargestellt wird, gilt als lebensfroh und soll Getränke, Parfum und Süßes als Opfergaben lieben. Wer sie anbetet, der bittet häufig um Fruchtbarkeit und wirtschaftlichen Erfolg. Wünsche und Bitten gelten als sehr lebensnah. Ergebnisse, so hoffen die Anhänger, stellen sich unmittelbar ein. In Ouidah sind sie jedoch mehr für neugierige Zuschauer als für ernsthafte Lebensfragen gemacht.

Mehr als 400 Gottheiten

Mami Wata ist eine von mehr als 400 Erd-, Wasser- und Feuergottheiten, die alle feste Aufgaben haben. Sie gelten als Kinder oder Vertreter des Schöpfergottes. Er ist zu weit weg, als dass man mit ihm kommunizieren kann. Das Wort Voodoo selbst stammt aus der Sprache der Fon, der größten Ethnie im Land, und lässt sich mit Gott oder Gottheit übersetzen.

Lucien Houngan klatscht ein paar Mal in die Hände. In einer anderen Ecke des Festplatzes spielen ein paar Männer auf Trommeln. Einer hält eine Rassel in der Hand, zwei spielen eine Art Triangel. Er will ihnen zuschauen, bevor sie zu einer anderen, viel kleineren Feier weiterziehen. Diese finden schließlich am 10. Jänner überall – wenn auch im kleineren Rahmen und ohne Zuschauer von außerhalb – statt. Das will auch der junge Houngan noch einmal genießen: "Morgen ist wieder Alltag. Aber heute feiern wir noch mal richtig." (Katrin Gänsler aus Ouidah, 17.1.2017)

  • Am Strand von Ouidah feiern tausende Menschen den Voodoo-Tag. Manche sehr, manche weniger bunter gekleidet.
    foto: gänsler

    Am Strand von Ouidah feiern tausende Menschen den Voodoo-Tag. Manche sehr, manche weniger bunter gekleidet.

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