USA: Studienfach Emotionale Intelligenz "wichtiger denn je"

Interview17. Jänner 2017, 12:16
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Trotz Trump will Paige Haber-Curran, Wissenschafterin in Texas, Studierenden die Bedeutung von Empathie vermitteln

STANDARD: Sie vermitteln Studierenden, welch große Rolle das Wissen um eigene Emotionen und die Gefühle der anderen haben kann und warum soziale Kompetenz wichtig ist. Seit der Wahl Donald Trumps kam es an vielen Universitäten zu Demonstrationen und Ausschreitungen, das gesellschaftliche Klima ist angespannt. Welche Auswirkungen hatte die Wahl an Ihrer Uni?

Haber-Curran: Es sind harte Monate momentan. Unmittelbar nach der Wahl gab es sehr viel Hass auf dem Campus. Es wurden zum Beispiel Poster aufgehängt, auf denen gefordert wurde, dass Diversity kein Teil der Kurse mehr sein soll. Mit Trump als Präsident brauche man so etwas nicht mehr. Einige Studierende sind verängstigt, andere sind verwirrt und wissen nicht recht, was sie tun sollen. Es gibt aber auch einige, die jetzt sehr aktiv geworden sind durch die Wahl Trumps. An einem anderen texanischen Campus wurde eine schwarze Studentin aufgrund ihrer Hautfarbe beschimpft. Hinter ihr versammelten sich viele Studierende, die gerade in der Nähe waren, und stärkten ihr buchstäblich den Rücken. Es gibt also auch eine Art Zusammenrücken und ein Aufstehen für das, woran wir glauben, auch wenn das Land eine nicht so tolerante Entscheidung getroffen hat.

STANDARD: Das hört sich nach einer sehr instabilen Lage und vielen Konflikten an.

Haber-Curran: Ganz grundsätzlich gibt es momentan viele Missverständnisse, Leute hören einander nicht zu und denken, dass ihre Sicht die einzig richtige ist. Vielen Menschen fällt es gerade schwer, mit ihren Emotionen umzugehen, und sie bauen regelrechte Mauern um sich.

STANDARD: Wochen und Monate, in denen emotionale Intelligenz sehr gefragt wäre ...

Haber-Curran: Ja, diese Kompetenz ist wichtiger denn je. Ich denke, dass es in den Staaten schon lange die Tendenz dazu gibt, Dinge unter den Teppich zu kehren. Statt sich damit auseinanderzusetzen, hat man die scheinbar richtige Antwort immer parat. Die Wahl hat viele Probleme zum Vorschein gebracht, die es schon seit längerem gibt, aber über die nicht genug gesprochen wurde. Menschen trauen sich nun bestimmte Dinge anzusprechen. Aber bei der Art und Weise, wie wir miteinander sprechen und umgehen, gibt es sehr viel zu tun. Viele können nicht mit Konflikten umgehen und haben Angst davor.

STANDARD: Studierende dürfen theoretisch bewaffnet zu Ihren Vorlesungen oder Kursen kommen, das wurde letztes Jahr durch den Campus Carry Act erlaubt. Wie geht es Ihnen damit?

Haber-Curran: Ich arbeite mit einer sehr kleinen Gruppe von Studierenden – etwa 35 Leute, die ich sehr gut kenne. Ich persönlich habe also nicht zu viel Angst. Aber wenn ich – wie viele meiner Kollegen – eine Vorlesung vor 150 Studierenden abhalten würde, die ich nicht kenne, würde ich mich nicht sehr wohl fühlen. Vor allem wenn man Themen wie Gender und Diversity behandelt, so wie ich es auch oft tue. Ich kenne Professoren, die nun zweimal überlegen, ob sie einen Studenten durchfallen lassen. Mir gefällt dieses Gesetz also überhaupt nicht. Ich denke aber, dass Leute, die wirklich eine Waffe auf dem Campus tragen wollen, das auch schon vorher getan haben.

STANDARD: Weshalb ich das frage: Die Konflikte in der Gesellschaft, ein polternder Präsident, Waffen auf dem Campus – all das ist so weit weg von den Idealen, die Sie vermitteln. Frustriert das nicht unheimlich?

Haber-Curran: Wir können nicht beeinflussen, was der Präsident und sein Kabinett tun. Aber wir haben Einfluss auf unser Umfeld: auf unsere Unis, unsere Gemeinschaften, unsere Familien. Ich denke, dass immer mehr Menschen sich hier sehr engagieren. Das ist etwas Positives, und ich hoffe, dass wir genau solche Dinge aus diesen Ereignissen lernen: sich für andere Menschen starkzumachen, uns nicht kontrollieren zu lassen.

STANDARD: Was entgegnen Sie Menschen, die der Meinung sind, dass man Inhalte wie emotionale Intelligenz, Diversity oder Gender nicht vermitteln muss?

Haber-Curran: Viele Menschen glauben, dass es sich bei emotionaler Intelligenz um etwas Esoterisches handelt – Kumbaya, und wir singen und weinen alle gemeinsam. Das ist es nicht. Wir hören von vielen Arbeitgebern, wie wichtig es ist, dass Studierende an der Uni nicht nur das fachliche Wissen mitnehmen, sondern beispielsweise auch in Teams arbeiten können. Oder was ich schon angesprochen habe: mit Konflikten umgehen. Das ist meiner Meinung nach die größte Herausforderung bezüglich Leadership. Emotionale Intelligenz hilft auf der Mikro-, aber auch auf der Makroebene. Ganz egal ob im Berufsleben oder bei persönlichen Beziehungen. (Lara Hagen, 17.1.2017)

Paige Haber-Curran ist Assistenzprofessorin an der Texas State University und unterrichtet hauptsächlich am Institut für Beratung, Leadership, Erwachsenenbildung und Schulpsychologie. Sie ist studierte Germanistin und Betriebswirtin und machte ihren PhD in Leadership-Studies.

  • Paige Haber-Curran, Assistenzprofessorin an der Texas State University: "Es gibt eine Art Zusammenrücken, auch wenn das Land eine nicht so tolerante Entscheidung getroffen hat."
    foto: texas state university

    Paige Haber-Curran, Assistenzprofessorin an der Texas State University: "Es gibt eine Art Zusammenrücken, auch wenn das Land eine nicht so tolerante Entscheidung getroffen hat."

  • Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten habe viele Probleme zum Vorschein gebracht, die es schon länger gibt, sagt Haber-Curran, Assistenzprofessorin an der Texas State University.
    foto: ep / evan vucci

    Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten habe viele Probleme zum Vorschein gebracht, die es schon länger gibt, sagt Haber-Curran, Assistenzprofessorin an der Texas State University.

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