Erste Rote Liste für Lebensräume: Österreich "keineswegs besser" als restliches Europa

16. Jänner 2017, 12:22
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Daten zur Gefährdung von 490 Lebensräumen in 35 Ländern gesammelt

Wien – Rund ein Viertel der Lebensräume in Europa muss als gefährdet eingestuft werden: Das zeigt die erste Rote Liste bedrohter Habitate, die ein internationales Forscherteam im Auftrag der EU-Kommission zusammengestellt hat. Dazu wurden Daten zur Gefährdung von 490 Lebensräumen in 35 Ländern gesammelt und bewertet. Die Situation in Österreich beurteilen heimische Forscher als "keineswegs besser" als im übrigen Europa.

Hintergrund der Erhebnung

Für den Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten werden seit den 1960er-Jahren Rote Listen erstellt. Viel schlechter erforscht als der Gefährdungsstatus einzelner Arten ist allerdings die Situation ganzer Lebensräume, erklärte Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien, der mit seinem Kollegen David Paternoster zu dem 300 Wissenschafter umfassenden Autorenteam der Studie gehörte. Dabei würden diese Habitate das ökologische Rückgrat der biologischen Vielfalt darstellen.

Die Wissenschafter haben in den 28 EU-Ländern plus Island, Norwegen, Schweiz und den Balkan-Ländern den Zustand von 490 verschiedenen Habitaten – einerseits marine, andererseits terrestrische und Süßwasser-Lebensräume – erhoben. Angelehnt an die Kategorien der "Roten Listen" gefährdeter Arten wurden diese dann in verschiedene Gefährdungsstufen eingeteilt.

Die Befunde

Von 233 erfassten Land- und Süßwasser-Habitaten wurden 31 Prozent als gefährdet eingestuft (nur die EU-Länder gerechnet: 36 Prozent). Knapp zwei Prozent gelten als "von völliger Vernichtung bedroht", zehn Prozent als "stark gefährdet" und 20 Prozent als "gefährdet".

Von den 257 erfassten marinen Lebensräumen gelten 18 Prozent (nur EU-Länder: 19 Prozent) als gefährdet, rund ein Prozent dabei als "von völliger Vernichtung bedroht", sieben Prozent als "stark gefährdet" und zehn Prozent als "gefährdet". Über beide Kategorien gerechnet ist damit in Summe fast jeder vierte Lebensraum in den 35 untersuchten europäischen Ländern gefährdet.

Als besonders dramatisch zeigte sich dabei die Situation verschiedener Typen von Wiesen sowie von Seen-, Fluss- und Küstenlebensräumen, von denen jeweils jeder zweite Lebensraumtyp bedroht ist. Am größten ist die Gefährdung von Mooren, von denen 85 Prozent in einer der drei Gefährdungskategorien der Roten Liste angeführt sind.

Die Lage im vermeintlich naturverbundenen Österreich

Essl bewertet die Situation der Lebensräume in Österreich als "keineswegs besser" als im übrigen Europa. Der intensive Nutzungsdruck führe zu einer starken Gefährdung vieler Lebensräume. "Man sieht deutlich, dass Lebensräume, die von traditioneller, sprich extensiver landwirtschaftlicher Nutzung geprägt sind, besonders stark bedroht sind – stärker als viele naturnahe Lebensräume", sagte Essl. Als konkrete Beispiele nannte er Wiesentypen wie Magerwiesen, Feuchtwiesen oder Trockenrasen.

Hauptgrund für die starke Gefährdung dieser Habitate sei, "dass die traditionelle landwirtschaftliche Nutzung in Mitteleuropa mit dem massiven landwirtschaftlichen Strukturwandel seit dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr in dieser Weise erfolgt oder möglich ist". So basiere etwa die heutige Grünland-Landwirtschaft meist auf starker Düngung mit bis zu fünf Schnitten pro Jahr. "Damit kommen nur ganz wenige Pflanzenarten zurecht, statt artenreicher Blumenwiesen gibt es daher produktive, aber artenarme grüne Grasäcker", so der Biodiversitätsforscher.

Die Folgerungen

Als Konsequenz aus der Studie fordern die Wissenschafter, den Schutz von Lebensräumen in Europa zu verstärken. So müsse das europäische Schutznetzwerk Natura 2000, das auch viele bedrohte Kulturlandschaften erfasse, "strikter umgesetzt werden, um den weiteren Rückgang artenreicher Lebensräume zu verhindern", erklärte Essl. Auch in der Landwirtschaftspolitik sollten noch stärker als bisher Naturschutzaufgaben berücksichtigt und "Förderinstrumente so ausgebaut werden, dass sich naturschutzkonforme Bewirtschaftung lohnt", sagte der Forscher. (APA, 16. 1. 2017)

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