Mit Transparenz das Tierleid in der Fleischindustrie verringern

Userkommentar16. Jänner 2017, 13:28
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Ausgelöst durch Schockaufnahmen aus Schlachthöfen und Gammelfleisch-Skandale interessieren sich immer mehr Menschen für die Haltungsbedingungen von Nutztieren. Längst nicht nur Tierschützer und Vegetarier wollen wissen: Was passiert im Schlachthof? Wie viel Steuergeld fließt in die Fleischindustrie?

Immer wieder decken Tierschutz-NGOs grausame Bedingungen im Umgang mit Nutztieren auf. Ob in Frankreich, Deutschland oder Österreich, ob bei Massentransporten oder im Schlachthof – die schrecklichen Bilder gleichen einander. In Österreich dokumentiert etwa der Verein gegen Tierfabriken regelmäßig auf eigenes Risiko, wie gesetzliche Standards in Schlachthöfen vielfach nicht eingehalten werden. Und muss sich dafür nicht nur potenziell vor der Staatsanwaltschaft, sondern auch vor Teilen der Politik rechtfertigen.

Was diese wichtigen, in einer rechtlichen Grauzone erstellen Berichte aufzeigen: Vom Transport über die Anlieferung, von der Haltung über die Betäubung bis hin zur Schlachtung wird zusätzliches Tierleid erzeugt, das gleichermaßen gesetzlichen Bestimmungen widerspricht wie auch vermeidbar wäre. Ob Zeitdruck, fehlendes Bewusstsein oder schlicht Ignoranz – die Gründe hierfür sind mannigfaltig, die Auswirkungen aber immer gleich: unerträgliches Leid bei den Tieren, das immer weniger Menschen kaltlässt.

Mehr Transparenz

Viel zu selten jedoch erfährt die Öffentlichkeit davon, sind Schlachthöfe doch bewusst maximal intransparent angelegt. Die Fleischindustrie hat kein Interesse daran, die Wahrheit hinter dem sprechenden, glücklichen Schweinchen aus der Werbung zu zeigen. Doch in Zeiten eines steigenden Bewusstseins über die Ernährung, wo auch überzeugte Fleischesser gerne mehr über die Herkunft und Haltungsbedingungen ihres Steaks erfahren möchten, ist es ein Gebot der Stunde, hier für mehr Transparenz zu sorgen.

Ein solcher Weg zu mehr Transparenz wurde kürzlich in Frankreich beschritten. Ausgelöst durch Aufnahmen aus Schlachthöfen, die unbeschreibliche Misshandlungen dokumentierten, wurde nach entsprechendem öffentlichem Aufschrei und einer breiten gesellschaftlichen Diskussion im Herbst 2016 schlussendlich von der Politik reagiert.

Frankreich überwacht Schlachthöfe

Sodann wurde eine Parlamentskommission eingesetzt, die binnen kürzester Zeit 65 Vorschläge zur Verbesserung erarbeitete. Einer der Vorschläge umfasste die Installation von Überwachungskameras an neuralgischen Punkten in Schlachthöfen. Diese sollen präventiv wirken, also durch die bloße Präsenz eine abschreckende Wirkung entfalten. Gleichzeitig sollen sie Misshandlungen dokumentieren und dadurch Tierschutz-NGOs vom rechtlichen Grenzgang befreien. Es geht dabei nicht primär um eine Kontrolle der Mitarbeiter, die selbst vielfach unter furchtbaren Bedingungen und zu niedrigsten Löhnen arbeiten müssen, sondern um die Verantwortung der Eigentümer.

Auch wenn sich der französische Agrarminister zunächst skeptisch zeigte, beschloss das Parlament Mitte Jänner die Einführung dieser Kameras. Zunächst im Rahmen einer Erprobungsphase, später flächendeckend.

In Österreich sind die Reaktionen auf diese Entwicklungen hochpositiv – tausende Menschen brachten in sozialen Netzwerken anlässlich des französischen Beschlusses ihren Wunsch zum Ausdruck, die Bedingungen für Tiere in Schlachthöfen auch hierzulande zu verbessern.

Spürbarer Wertewandel

Der Wunsch nach einem besseren Umgang mit Lebewesen, nach mehr Transparenz umfasst immer breitere gesellschaftliche Gruppen. Und die Stimmen, die einen zeitgemäßen Umgang auch mit Nutztieren fordern, mehren sich stetig. Und das ist gut so, findet sich doch auch im seit mehr als zehn Jahren bestehenden Bundestierschutzgesetz das Bekenntnis zum wertschätzenden Umgang mit Tieren – allen Tieren. Auch wenn einschlägige Lobbys viel daransetzen, das zu unterbinden, ein spürbarer Wertewandel ist im vollen Gang.

Doch die Diskussion lässt sich natürlich nicht auf Kameraüberwachung in Schlachthöfen reduzieren. Parallel zur Verbesserung des Tierschutzes müssen auch Subventionsbedingungen und steuerliche Begünstigungen offengelegt werden, muss sich die Transparenz auch auf Strukturen beziehen. Schließlich fließen jährlich Milliarden an Steuergeld in die Fleisch- und Milchindustrie, wie eine Berechnung des deutschen Umweltbundesamts kürzlich ergab. Gerade wenn so viel öffentliche Mittel in einem Bereich eingesetzt werden, darf man sich das auch erwarten.

Landwirtschaftsminister ist gefragt

Bei alledem ist in Österreich auch und zuvorderst der Landwirtschaftsminister gefragt. Viel zu lange schon operiert die Fleischindustrie hinter verschlossenen Türen, fließt Steuergeld unhinterfragt in die Konzern-Landwirtschaft und trägt dort zu einer Umverteilung von unten nach oben bei. An den Kassen gibt es bereits ein Umdenken, der Fleischkonsum nimmt ab. Doch abseits der Einflussmöglichkeiten als Individuen über den Konsum ist die Einforderung der Verantwortungsübernahme durch die Politik von essenzieller Bedeutung. (Sebastian Bohrn Mena, 16.1.2017)

  • Glückliche Schweinchen in der Werbung – und im Schlachthaus?
    foto: apa/dpa/daniel maurer

    Glückliche Schweinchen in der Werbung – und im Schlachthaus?

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