"Redaktionsschluss": Schunkeln zum Tod der Pressefreiheit

14. Jänner 2017, 12:00
posten

Der musikalische Abend will im Grazer Schauspielhaus die Unterdrückung von Pressefreiheit und totalitäre Systeme thematisieren. Doch er bleibt weitgehend nur eine gefällige Nummernrevue

Graz – Dass eine musikalische Revue unterhaltsam sein kann, und sich dabei mit inhaltlichem Tiefgang und hohem musikalischen und szenischen Niveau auf ein politisches Thema einlassen kann, wurde am Theater mehrmals bewiesen. Zuletzt zum Beispiel am Volkstheater mit Alles Walzer, alles brennt. Am Schauspielhaus Graz ist das mit der "Vorstellung mit Musik" Redaktionsschluss von Sandy Lopicic leider nicht gelungen.

Nach seinen äußerst erfolgreichen Trümmerfrauen 2016 war dem Musiker und Regisseur nun das Thema der Pressefreiheit und der bröckelnden Demokratien Inspirationsquelle. Die Meldung über die Stürmung der Zeitung Zaman in Istanbul durch die Polizei war sein Anstoß für das neue Stück.

Dementsprechend gespannt ging man am Donnerstag in die Uraufführung. Dort blickt man in ein Großraumbüro mit Sichtbetonwänden, wie es sich nicht einmal die Realität in ihren schlimmsten Fieberträumen ausmalen könnte. Immerhin: Es gibt eine Kaffeemaschine und ein Faxgerät. Darin arbeiten bzw. posieren Journalistinnen und Journalisten in anachronistischen Kostümen, die vor allem eines sind: schick. Ein bisschen 1930er-Jahre als trendige Anspielung, ein bisschen toupierte Frisuren, die jeden schreibenden Kopf auch ohne Zensur schwer hinunterdrücken würden. Doch man soll sich nicht über Oberflächlichkeiten ereifern.

Der Liederreigen beginnt mit dem Lied Pfiat di Gott und man denkt sich "na servas". Danach kommen 20 weitere Nummern, viele mit bekannten eingängigen Melodien, die ohne elegante oder gar logische Übergänge aneinandermontiert sind. Every Breath You Take von The Police, ein Lied, das eigentlich von Stalking erzählt, wird etwa geliehen, um verwanzte Redaktionsbüros zu thematisieren. Oder einfach nur, um Kinder der 1980er zu erfreuen.

Dass Gutes mit Gutem vermischt nicht zwingend Gutes hervorbringt, beweist die Verschränkung von Kurt Weills und Bertolt Brechts Lied von der Moldau mit David Bowies The Man Who Sold The World. Zu dieser werden zwei Männer mittels Waterboarding gequält – ästhetisch ansprechend, versteht sich.

Lichte Momente gibt es, wenn Andri Schenardi Georg Kreislers Weg zur Arbeit interpretiert oder der Pianist Helmut Stippich à la Glenn Gould mitsummend Bach spielt, und zwar auch dann noch, wenn ihm die Finger einzeln abgehackt werden. Am Ende spielt er ohne Hände mit anderen Körperteilen die Europahymne. Das könnte ein schönes Bild für einen Geist sein, den man nicht brechen kann. Oder für eine Stimme, die man nicht zum Verstummen bringen kann. Doch das Gekicher der Anderen auf der Bühne lässt es in den Klamauk kippen.

Am Ende wirft man dem Publikum zu Herbert Grönemeyers Ein Stück vom Himmel heiter die aufgeblasene Weltkugel zu. Schlimmer könnte nur mehr Nicoles Ein bisschen Frieden sein. Doch halt: Das gab es auch! Als Zugabe. Das Publikum klatschte begeistert. Gut, dass man zum Tod der Pressefreiheit schunkeln kann. (Colette M. Schmidt, 14.1.2017)

Nächster Termin 14. 1., weitere Termine 24.1., 27.1., 8.2., 15.2., 16.2.

Link

Grazer Schauspielhaus

  • Das Ensemble spielt und singt beherzt zu Liedern und Popsongs. Eine Geschichte erzählt es nicht.
    foto: lupi spuma

    Das Ensemble spielt und singt beherzt zu Liedern und Popsongs. Eine Geschichte erzählt es nicht.

    Share if you care.