Ausstellung im Wien-Museum: Sex macht kurzsichtig

Kommentar der anderen13. Jänner 2017, 17:51
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Wien und die Sexualität, das ist eine lange und vieldeutige Geschichte. Und eine, die über die Darstellung kopulierender Zwerge hinausgeht. Anmerkungen zur demnächst endenden Ausstellung im Wien-Museum.

Wien, als Stadt von Mozart, Sachertorte und Walzer, wirkt immer als Touristenmagnet. Der Drei-Tage-Tourist kehrt häufig mit keiner anderen Vorstellung nach Hause zurück als jener, dass Wien in seiner Entwicklung vor 100 Jahren stehengeblieben sei. Es braucht schließlich doch Jahre, bis man als Nichtwiener in das eigentlich Wienerische vordringen kann und die Sinnlichkeit begreift, die sich durch die Stadt und ihre Geschichte zieht und die sie bis heute prägt.

Ein Charakteristikum allerdings, das nicht als verstaubtes Überbleibsel vergangener Zeiten wahrzunehmen, sondern immer und somit auch noch heute präsent ist, ist die Sexualität der Wiener, die vielfältig und triebhaft, abgründig und fetischistisch – und dadurch so normal ist.

Heuer hat sich das Wien-Museum zur Aufgabe gemacht, das Thema mit der Ausstellung Sex in Wien einzufangen. Es werden massenhaft Objekte ausgestellt, um Sex zu illustrieren. Dabei wird ein Widerspruch sichtbar: Einerseits will man die sexuelle Bandbreite zur Schau stellen, jedoch nicht in deren Tiefe und Abgründe eindringen. Genau diese werden weder dem Wien-Besucher noch dem Besucher des Wien-Museums zugänglich.

Das Gacksi vom Poldi

Es geht um Sexualität mit ihren verschiedenen Facetten wie Koketterie, Leidenschaft, Berechnung und körperlicher Intimität, bei gleichzeitiger emotionaler Kühle, die noch heute ihre Faszination ausstrahlt und Wien in Teilen ausmacht. So gälte es bei der Ausstellung den Unterschied zu beschreiben zwischen einer Grabennymphe und einer Sexarbeiterin. Der Unterschied lässt sich schon im Wort selbst erkennen: Bei der Sexarbeiterin geht es um Arbeit, um Arbeit im Zusammenhang mit Sex. Eine kühl distanzierte, das Geld im Auge habende Tätigkeit. Von der Sexarbeiterin erfahren wir: Sie zahlt Steuern, bringt ihre Kinder morgens zur Schule, sammelt das Gacksi vom kleinen Poldi auf.

Die Grabennymphe umgibt eine ganz andere Ausstrahlung: Sie verweilt auf dem Graben, sie ist kokett, sie spielt mit ihren Blicken, empfängt ihren Gast mit einer Aura des Geheimnisvollen. Sie ist eine Frau, die zunächst nicht verfügbar erscheint, sie ist viel interessanter als eine Frau, die man kaufen zu können glaubt. Darin liegt der Unterschied, der durch Sprache und durch die Exponate in der Ausstellung erkennbar gemacht werden müsste.

Jedoch: Im Wien-Museum ist ein Familienbild aus der Biedermeierzeit zu betrachten, dem eine Gruppe kopulierender Gartenzwerge plump zugeordnet ist. Das offenbart nicht nur die Mentalität der Kuratoren, das Assoziieren entspricht auch dem Empfinden der heutigen Gesellschaft. Die Por trätierung eines idyllischen Familienbildes soll Treue und Anstand zeigen. Dass derselbe Familienvater damals auch mit Prostituierten, mit Grabennymphen verkehrte, soll durch "schusternde" Gartenzwerge dargestellt werden. Es ist eine vulgäre Doppelbödigkeit, die durch die Gegenüberstellung beider Objekte geschaffen wird.

Eine Lichtfigur, die die Wiener Gesellschaft und damit eben auch ihre Erotik aufs Beste verstand, war Arthur Schnitzler. Er verarbeitet in seiner Literatur Erfahrungen und Beobachtungen, wie sie womöglich in ihrer Feinheit in keiner anderen Stadt so wiederzufinden waren. Das "süße Mädel", das hatte man gern, mit dem traf man sich auch zum Eisessen und zum Spazierengehen, da wurde eben nicht nur gepudert.

Es ist die Reduzierung von Sexualität auf die Kopulation, die bei dieser Ausstellung so störend wirkt. Es genügt nicht, Sex in trübes Licht zu tauchen, in Stichpunkte zu zerbröseln, auf politische Korrektheit zu achten. Die Bereiche von "Onanie" über "Promiskuität" bis zu "Krankheiten" und "Abtreibung" zu behandeln und zu meinen, alles abgedeckt zu haben, hinterlässt einen unappetitlichen Nachgeschmack. Der Grund, in ein Museum zu gehen, ist die Neugierde und die Lust, sich einem Thema visuell zu nähern. Ein Ziegendarm-Kondom von 1800 wirkt zwar interessant, gibt als Objekt für sich alleinstehend aber nicht viel her.

Einer, der sich leidenschaftlich und trotz Verboten mit der Sinnlichkeit beschäftigte, war Felix Batsy (1877–1952). Er, Bezirkshauptmann in Wien-Hietzing, widmete einen Teil seines Lebens dem Sammeln von Erotika in einer Zeit, die von Prüderie, Heuchelei und Zensur geprägt war. Er verfolgte das Ziel, Sexualität und Liebe durch Bilder sichtbar, durch Literatur erfahrbar zu machen. Sexuelle Gefühle, die wertvoll per se sind und die nach Batsy auch als wertvoll dargestellt zu werden verdienen, finden in dieser Konstellation in der Ausstellung keine Erwähnung. Es ist ebenjene oberflächliche Betrachtung, unter der schon Schnitzler und andere Avantgardisten zu leiden hatten; unter denen, die sie missverstehen wollten.

Es ist ein ähnlicher Geist, der damals herrschte und heute seinen Weg sogar ins Wien-Museum gefunden hat. Die Rotlichtatmosphäre in dieser Räumlichkeit lässt keine tiefere Auseinandersetzung zu. Das ist das Kennzeichen der Ausstellung: ein Sieg des Dilettantismus. (Charlotte Krick, 13.1.2017)

Charlotte Krick (27) ist in Frankfurt am Main geboren und lebt als Publizistik- und Kommunikationswissenschafterin in Wien. Ihr Forschungsgebiet ist Wiener Stadt- und Literaturgeschichte.

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