Lydia Haiders "Rotten": Das große Gaukeln

Essay15. Jänner 2017, 09:00
19 Postings

Sie ist für einen Besuch zurückgekehrt – in den Ort, in dem sie aufgewachsen ist, nach Mauthausen in Oberösterreich. Sie ist alles abgegangen – von der Schule zum Bad und vom Sportplatz zum KZ. Dabei war sie gar nicht da

Ich bin für einen Besuch zurückgekehrt. Ich bin dorthin, wo ich in der Wiege lag, aufgewachsen, aufgezogen, wo ich eben hingeboren wurde, doch die Bahre da nicht abgewartet. Es ist ein Sonntag mit der typischen Sonntagsruhe. In dieser gehe ich die alten Plätze ab. Ich gehe zur Volksschule hoch, zur Hauptschule und zum Hallenbad, zum Bach nach hinten, zum Spielplatz und dorthin, wo der Schlecker war und ich meine ersten Fotos entwickeln ließ. Ich gehe zum Bäcker, zum Feuerwehrhaus, wo wir geraucht haben, zum Sportplatz und zum einstigen Skatepark, zum öffentlichen Klo, wo wir bei Kälte drinnen saßen zum Weitertrinken.

Und ich gehe zum KZ hinüber, gehe eine Runde hinein, schaue auf die Donau hinunter, gehe nach hinten die Todesstiege hinab, wo wir die Mopeds parkten, gehe zum kleinen Teich, den die wenigsten kennen. Und ich gehe in den Ort zurück, zu den beiden Bars und den beiden Wirtshäusern, gehe aber nicht hinein, sondern höre nur von draußen, was sich drinnen tut. Ich gehe zur Kirche und zum Friedhof, wo schon so viele Verwandte und Bekannte liegen, und schau mir ihre Bildchen an, und ich sitze lange an der Bushaltestelle, wo heute kein Bus stehenbleibt, weil am Wochenende nach wie vor keine Busse hier fahren, und ich denke nach, sitze dort und schaue, schaue zu, wie es langsam finster wird, und denke nach, sitze in der Bushütte und denke so, und ich erkenne: Hier stimmt etwas nicht. Das hier stimmt alles nicht. Ich wusste es von allem Anfang an: Hier ist alles erlogen. Ich habe mir das alles erlogen. Ja genau: Das war früher alles schön. Hier war alles gut und recht immerdar.

So schlimm war es nicht

Und jetzt ist alles schwarz und braun und hinüber. Ruiniert könnte man auch sagen. Und nur ich selbst habe mir das ruiniert in meinem eigenen Gehirnfasching. Wie oft wurde ich gefragt: War es schlimm? Hast du dir mit den beiden Romanen eine schwere Vergangenheit weggeschrieben? Und stets war meine Antwort: Aber nein! Es war umgekehrt: Ich hab mir das alles ja nur hergeschrieben. Zumindest vieles davon. Zumindest einiges. Manches. Ja, mich würde selbst interessieren: Was ist hier passiert?

Obwohl nach dem Schreiben angeblich alles heil sein soll, obwohl ich mir jetzt alles weggeschrieben haben müsste, auch das zuvor Hergeschriebene, obwohl ich mir mit meinen zwei Romanen und deren Abschluss alles therapiert und geordnet und gelöst haben sollte, so ist es nicht so. Es ist umgekehrt. Meine Kindheit und Jugend hier war eigentlich eine sehr schöne, eine interessante, eine spannende, in vielen Hinsichten. Sicher habe ich stets eine unangenehme Grundstimmung erfühlt, habe erkannt, dass sehr vieles nicht gut war, dass es Unrecht und Gemeinheiten und Machtmissbrauch gab, dass hier Nazis und Bauerntrampel und Idioten das Sagen haben und dass es unheimlich schwer ist, ein wahres und weises Wort zu finden. Von den ganzen Blutschulden und verseuchten Böden gar nicht zu sprechen.

Aber so schlimm wie in meinen Texten dargestellt: Nein. So schlimm war es nicht, wie man daraus schließen könnte. Doch dann kam mein Schreiben dazu. Einst kam die große und gute Übertreibungsrhetorik. Jene, die ich so liebe. Es kam das Hineinsteigern und das Großtun und das Ratatata mit viel Pathos und Klimbim. Und immer war es mit Augenzwinkern. Wer das nicht versteht, ist sowieso nicht würdig, dass der eingeht unter mein Dach. Aber spreche ich jetzt ein Wort, so ist meine Seele ungesund. Ich selbst habe mich krankgemacht, ich selbst habe das Zwinkern, mein eigenes Zwinkern nicht verinnerlicht, sondern mir die ganze erfundene Scheiße arg zu Herzen gehen lassen. Und jetzt habe ich die bare Münze. Ich sage euch: Ein Rad kam da in Gang, wie in einer Maschine, langsam ist es angelaufen, schleppend, so wie alle großen und schweren Räder langsam anlaufen und nur so anlaufen können, und es wurde rasch schneller und noch schneller, ein Fortzeugen in meinem Kopf, und das fetzte letztlich richtig, und dieses Rad ist in Gang seither, es ist ein riesiges Rad, ein massives, und wenn du da hingreifen möchtest und das stoppen, dann reißt es dir die Hand weg, die ganze freilich, und schwächere Leute reißt es sowieso gleich ganz hinein und verwerkt es hindurch in die Maschine.

Aber ich lass dieses Rad an. Ich könnte es abstellen. Nur ich allein. Doch warum sollte ich? Brauche nun noch weniger mich bewegen, da das Rad sich für mich bewegt, also tatsächlich physisch, kann überall arbeiten, da ich mir selbst alle Dinge vorstelle, mir alles imaginiere, groß daherphantasiere, und ich brauche nirgends mehr hinzugehen, es ist alles da, wie ein riesiges Buffet vor meiner Nase, ein königliches, und wer steht denn freiwillig auf und geht in ein ordinäres Lokal, wenn sich so eine Pracht auftut vor einem und man wahllos ins Volle und Fette greifen kann und schöpfen und schöpfen, ewiglich schöpfen, und es tönt heraus aus dem Buffet: Räum mich ab, denn das geht leicht, nimm dir die ganze Torte, nimm den ganzen Kübel an Fraß, schütte ihn dir rein und hör nicht auf damit, nimm doch Anlauf und hau dich in das Buffet wie beim Stagediving, kopfüber rein und vergiss dich komplett, das alles ist ja nur für dich gemacht! Und ja, ich tu das dann auch.

War ich 10 oder 20 oder 30 Jahre alt und hat mich jemand gefragt, was ich denn am besten kann, so sagte ich stets: nachdenken und phantasieren, wahrscheinlich. Und das mache ich auch am liebsten: etwas aufstellen in Gedanken, alles durchdenken, dazu Gefühle herbeiholen und selbst den Körper auf die Gefühlswelten hintrainieren. Und diese Welten in Texte bringen halt auch. Und jetzt habe ich mir eine große Welt geschaffen und die zu sehr mit der echten vermischt und darin auch noch alles ganz falsch besetzt. Nun sollte ich doch dem Guten das Gute wieder zurückbesetzen. Die Scheiße kann eh die Scheiße bleiben, ganz klar. Dass an diesem Erdenfleck und meine Lebenszeit da nicht eitle Wonne ist und war, brauche ich nicht zu betonen, denn so viel kann sich eine Dichterin gar nicht erdichten. Da muss schon ein Korn Wahrheit dabei sein. Aber ich möchte wieder empfinden, was wahr ist und was nicht. Ja, was ist denn wahr?

Warum sollte ich dort stehen?

Ich stehe auf von der Bank in der Bushütte, ruhig ist es noch immer und finster geworden, und ich schaue noch einmal auf das alles rund um mich. Und weil ich jetzt schon dabei bin mit dem ehrlichen Gehabe und dem Aufräumen und dem Echten, so muss ich nun gestehen: Ich bin gar nicht dort. Ich stehe dort nicht. Und ich stand auch nicht dort. Denn das ist schon wieder ein Buffet: Alles ist vorgegaukelt. Alles ist nur vorgestellt. Warum sollte ich auch dort stehen? Es tut mir ja leid, euch da mit reingezogen zu haben, doch ich musste das jetzt ausprobieren, wie das ist, wie sich das dort anfühlt, musste abchecken, wie es sein könnte, für mich, und hab das dann auch gleich in einen Text gebracht. Warum auch nicht. Was soll ich machen, ich bin womöglich süchtig danach.

Ja: Ich bin noch gar nie dorthin zurückgekehrt, bin diese Orte nie abgeschritten, habe nichts angesehen oder echt real dort gemacht, in den letzten Jahren nicht, beim KZ war ich überhaupt vor zehn Jahren das letzte Mal. Dieses Zurückkehren und Abschreiten und Ansehen ist noch immer ausständig. Vielleicht wird es bald sein und es wird dann so sein, wie ich es mir hier vorgestellt habe. Das ist möglich. Dann fange ich auch mit dem Rückbesetzen an. Dann werde ich vieles wieder rückgängig machen. Obwohl dieses Zurückbesetzen und Wiederschönmachen schon eine richtig große Baustelle ist, mit Sicherheit kein Bemmerl und eine Sache von vielen Texten. Doch das bin ich noch schuldig, bin es mir noch schuldig. Jawohl, das werde ich machen, und es wird dann so sein. Dann werde ich dort stehen und das denken und es machen und gemacht haben. Und was, wenn dann ein Bus fährt? Was, wenn ich doch in eine Bar hineingehe oder in ein Wirtshaus? Dann wird es vielleicht noch komplizierter.

Aber wer weiß das schon. Eigentlich ist hier ja schon viel passiert. Ich war doch dort. Oder nicht? (Lydia Haider, 15.1.2017)

Lydia Haider, geb. 1985 in Steyr, ist Schriftstellerin. Studium der Germanistik und Philosophie. Sie lebt in Wien.

  • Autorin Lydia Haider: "Es tut mir leid, euch da mit reinzuziehen."
    foto: corn

    Autorin Lydia Haider: "Es tut mir leid, euch da mit reinzuziehen."

  • Außerhalb der Mauern des ehemaligen KZ Mauthausen.
    foto: reuters / leonhard foeger

    Außerhalb der Mauern des ehemaligen KZ Mauthausen.

  • Lydia Haider, "rotten". Roman.  € 19,00 / 184 Seiten.  Verlag Müry Salzmann, 2016
    foto: müry salzmann

    Lydia Haider, "rotten". Roman. € 19,00 / 184 Seiten. Verlag Müry Salzmann, 2016

    Share if you care.