Trumps ahnungslose Komplizen im Kampf gegen Freihandel

Blog14. Jänner 2017, 12:00
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Die neue Welle des Protektionismus wurde von Politikern vorbereitet, die David Ricardos Theorien des Welthandels nicht verstehen

Vor genau 200 Jahren veröffentlichte der britische Ökonom David Ricardo die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Wirtschaftsgeschichte: Die Theorie des komparativen Vorteils besagt, dass es sich auch dann für Staaten auszahlt, miteinander Handel zu treiben, wenn sie über keinerlei Kostenvorteile verfügen. Wenn sich jeder auf jene Aktivitäten konzentriert, bei denen er effizienter ist als bei anderen, und sich dann mit anderen austauscht, dann bringt das allen einen Nutzen.

Diese einfache, aber oft unverstandene Einsicht aus dem Jahr 1817 bildete die Grundlage des Freihandels und der Globalisierung im 19. genauso wie im 20. und 21. Jahrhundert und trug entscheidend zum Wachstum des Wohlstands bei. Auch heute spürt man die Folgen von Ricardos Werk: Wirtschaftlich offene Staaten sind fast immer wohlhabend, wer sich hinter protektionistischen Barrieren versteckt, der verarmt.

Handel als Wettkampf der Nationen

Doch die jüngste, spektakulär erfolgreiche Ära des Freihandels droht nun zu Ende zu gehen. In der größten Volkswirtschaft der Welt kommt ein Mann an die Macht, der den Außenhandel als Wettkampf der Nationen und als Nullsummenspiel sieht. Wenn China vom Austausch von Waren und Dienstleistungen mit den USA profitiert, dann muss das Amerika schaden.

Trump verfolgt das protektionistischste Programm seit den 1930er-Jahren, als die massiven Zölle der US-Republikaner in der Welt überall Nachahmer gebaren und in die wirtschaftliche Katastrophe führten. Auch diesmal könnten die Folgen einer Schutzzollwelle verheerend sein.

Aber Trump ist nicht aus dem Nichts hochgekommen. Dass seine Botschaft so viel Anklang findet, liegt auch daran, dass Politiker, Unternehmer und Experten eine ähnliche Weltsicht vertreten, wenn auch nicht so radikal. Selbst Liberale, die für den Freihandel eintreten, begreifen dessen echten Nutzen nicht, weil sie Ricardo nicht verstanden haben.

Es geht nicht um Arbeitsplätze

Der Sinn des Freihandels ist nämlich nicht, Exporte zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist die merkantilistische Logik, gegen die Ricardo angeschrieben hat. Das wirkliche Ziel ist, einer Volkswirtschaft Zugang zu den besten und billigsten Importen zu verschaffen, weil nur diese den materiellen Wohlstand heben. Exporte sind notwendig, um Importe zu finanzieren, sie sind kein Selbstzweck.

Das steht in jedem Ökonomie-Lehrbuch. Aber dennoch sprechen Politiker ständig von neuen Arbeitsplätzen, wenn sie neue Handelsabkommen anpreisen. Sie verhängen Anti-Dumping-Zölle gegen chinesischen Stahl, weil dieser viel billiger als der eigene ist – statt sich über die von Peking finanzierten Schnäppchen zu freuen, die viel wichtigeren Industrien und Verbrauchern zugutekommen. Sie pochen auf fairen Handel, als ob die Weltwirtschaft auf dem "Wie du mir, so ich dir"-Prinzip basierte. Aber das tut sie nicht.

Deutschland feiert Exportüberschüsse

Sie setzen sich dafür ein, dass öffentliche Vergaben an lokale Firmen gehen, obwohl das den Steuerzahler viel Geld kostet und nicht einmal mehr Geschäft bringt, wenn andere Staaten das Gleiche tun.

Und sie feiern etwa in Deutschland ihre riesigen Exportüberschüsse, die ja eigentlich bedeuten, dass die Deutschen mehr produzieren als konsumieren – also ihre Arbeitskraft ständig den Bewohnern anderer Staaten zur Verfügung stellen.

Handel als Ausbeutung verdammen

Auf der linken Seite wird der Handel mit Billiglohnländern in der Dritten Welt als Ausbeutung verdammt – und nicht als großartiges Entwicklungsprogramm, das weitaus wirkungsvoller ist als jede Entwicklungshilfe.

Und wenn es um Ceta oder TTIP geht, wird in den Raum gestellt, dass man Verbraucher etwa vor kanadischen oder amerikanischen Lebensmitteln schützen muss, weil diese nach etwas anderen Standards geregelt werden. "Wenn jeder nur das isst, was im eigenen Garten wächst, dann wäre die Welt ein besserer Ort!": Diese naive Weltsicht hinter den Antihandelskampagnen wird von überraschend vielen Menschen geteilt.

Auch die WTO fördert Handelsschranken

Selbst die Welthandelsorganisation, die den Freihandel fördern soll, arbeitet nach merkantilistischen Prinzipien. In Verhandlungen wird jede Marktöffnung als Zugeständnis an andere betrachtet und nicht als Mittel zur Förderung des eigenen Wohlstands. Und um ein Land zu bestrafen, das frühere Zusagen bricht, werden neue Handelsschranken errichtet.

Diese verdrehte Rhetorik über den Sinn und Zweck des Welthandels hat Trump erst den Boden bereitet. Die USA und der Rest der Welt werden vielleicht noch einen hohen Preis dafür bezahlen. (Eric Frey, 14.1.2017)

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    foto: ap/vucci
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